Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 22. (31.5.1882)
- Date
- 1882-05-31
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
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«ine lange Reibe von Jahren die ganze Mischna mit zwei Comment&ren ins Lateinische übersetzte (1698 bis 1703). Ferner sind zu nennen Samuel Bochorot und besonders Reland, welche die Geographie Paläetina’8 uach talmudischen Quellen bearbeitet en. Sie sehen, dass Gelehrte ersten Ringes seit dem 16. Jahrhunderte den Talmud zu wissenschaftlichen Zwecken:;u verwerthen wussten. Mehr Bedeutung erlangte der Talmud für die wissenschaftlichen Zwecke durch die bibel critisehen Stu• dien der neueren Zeit. War in den früheren, ahrhunderten der Tatmud ein wichtiges Hilfsmittel zur Kenntniss der hebräischen Sprache, der Geographie Palästina's und der Diaspora, so hat inan in neuerer Zeit erst angefangen, die reichen Schätze, die iin Talmud versteckt lagen für die Wissenschaft zu verwerthen. So lange den Juden die Ptoiten der Wissenschaft verschlossen waren, hatte der Talmud für nie kein anderes als religiöses Jnteresse, seitdem ab.ir zu Anfänge dieses Jahrhunderts die Rabbiner mit den allgemeinen Wissenschaften sich vertraut machten, suchten sie den Talmud wissenschaftlich zu verwerthen. so dass keine Wissenschaft leer aus ging. Denn der Talmud ist die Ablagerung der Geistesarbeit eine . Jahrtausends, während welcher Zeit die Juden mit den verschiedensten Völkern in Berührung kamen mit Griechen, Römern, Persern, Arabern. Das talmudische Gesetz umfasst alle Lebensverhättnisse auf welche das Zusammenleben mit den genannten Völkern nicht ohne Einfluss war. Welche reiche Ausbeute zeigt sieh für die Alterthumsforschung. Manche Fragen, über die man aus den Classikern nicht genügend Auskunft erhalten konnte, können ihre Beantwortung aus dem Talmud finden. So sind beispielsweise in einem Traktat Kelim (״Die Geräthe“! alle nur möglichen Geräthe aus derZeit vor den vorchristlichen Jahrhunderten aufgezählt, die bis jetzt noch nicht genügend erklärt sind In einem anderen Traktat ״Oholoth“ werden alle möglichen Bauten aufgezählt, betreffend die levit. Unreinheit. DieNumismatik findet in den talmudi9chea Schriften gleichfalls reiche Ausbeute, weil theils griechische, theils römische, theils persische Münzen Vorkommen, mit der genauen Werthangabe. In zwei )Abschnitten der Tosefta werden abergläubische Sitten c er Heiden aufgezählt, von denen die Juden sich fern halten sollen. Das ist für die Geschichte der Relig ion von grossem Werthe. Auch die Naturwissenschaften gehen nicht leer aus. So sind in der Mischna auch bezüglich der Reinheitsgesetze die Zahl der menschlichen Knochen auf 248 angegeben, was für die Geschichte der Mediciu recht unwichtig ist. So findet sich in der Mischna auch in religionsgesetzlicher Beziehung die Frage öfter verhandelt, wenn die Geburt eines Kindes durch Kai- 8ersclmitt bewerkstelligt wird, was cas Erstaunen gelehrter Aerzte hervorgerufen hat, du dem Alterthum bei dieser Operation das Leben der Mutter verloren ging. Allerdings las ich jüngst in ״Virchow’s Archiv“ eine Abhandlung von einem talm udisch gebildeten Arzte, in welcher die betreffenden Talmudstelleu anders erklärt werden. — Dass das Eisen als schützend gegen den Blitz erkannt wurde, erfahren wir gleichfalls aus Tosefta. Zur Hortologie erfahren wir aus der Mischna, dass man im Alten hu in das Mittel kannte, Bäume, welche zu viel Säfte enthielten, von denselben zu befreien dadurch, dass mau uin dieselben Steine legte. Welches Interesse für die Rechtsgeschichte gewährt eine Vergleichung des talmudischen Civil- und Criminalrechts mit dem alten römische ג und den neuen Rechten. Um nur etwas anzuführen, erfahren wir aus dem Talmud, dass die bei vielen Völkern herrschende Tortnr nie gekannt war, dass die ersten Talra'udleh- I rer die Ansicht aussprachen, dass die Todesstrafe auf- I zuheben sei, dass Schuldhaft nicht gekannt ׳war*) Das Besprochene lernen wir aus dem gesetzlichen - Theile des Talmud, welcher mit ״Halacha“ bezeichnet wird. Der Talmud enthält aber noch einen andern Theil, genannt ״Hagada“, der Erzählungen, Allego• rien, erbauliche Belehrungen begreift,!von denen seit Herder viele in die deutsche Literatur ü berge gangen sind. Dieser nicht unbeträchtliche Theil giebt reichen Stoff der Bearbeitung für die Religionsphilosophie, Ethik die vergleichende Sagenkunde. Es gewährt dem Forschersinn mannigfache Befriedigung, die Kanäle za verfolgen, durch welche die Gedanken von einem Volke zum audern übergeleitet wurden, zu erkunden, wohin die Gedanken strömten, wie sie beim Üebergange von einem Volke zum andern umgebildet wurden und eine andere Gestalt annahtnen. Die Philosopheme der Grieeben haben auf die Talmudlehrer Einfluss geübt, 0fT~ sind Erzählungea aus dein Talmud zu andern Völkern übergegangen, oft hat er von anderen entlehnt. Welches Interesse dieser Theil des Talmud für Christen hat, können Sie daraus ersehen, dass "ain christlicher Gelehrter Dr. Wünsche diesen Theil ins Deutsche überträgt und schon ziemlich weit vorge• , schritten ist.v (Fortsetzung folgt.) Literaturbericht. ' Recensieaea. 1 * Wiekes, William D. D. טעמי אט״ת, A tratise on the accentüation of the three so-called poelical books of the old testament, Psalms, Proverbs, and Job. With an appendiv containing the treatise, assigned to R. Jeliuda Ben Bil’am, on the Subjekt, in the original arabic. Oxford, At the Clarendon. Press 1881. Die Accentnation. der drei sog. poetischen Bücher des alten Testaments ist in den letzten 30 Jahren von zwei bedoutenden Autoritäten einer neuen eingehenden Prüfung unterzogen worden von Ewald und Baer. Besonders die Arbeit des . Letzteren זורת אמת\ (Rödelheim 1852), welche auf der Massora fasst, musste als eine" fast erschöpfende Lösung betrachtet werden, wie wir es ja an Baer gewohnt sind, dass er mit seinem Bienenfleisse, seinem reichen Wissen ׳ und seiner voHen Treue ein Thema fast so vollkommen ausführt, dass nur geringe Nachlese übrig zu bleiben scheint Dennoch hat der gelehrte Verfasser obiger Schrift, Wiekes, D. D• zu Oxford, es unternommen, diese Aecentuation noefr einmal .einer genauen Forschung zu unterwerfen, zu diesem Zwecke vor Allem erst einmal eine möglichst erschöpfende kritische Sichtung der Manuscripte vorzunehmen. Und mit grossartiger Hingebung hat der Herr Verfasser diese Vorarbeit ausgeführt. Die Manuscripte des British Museum, der Königl. Bibliothek?11 Berlin, der Universitätsbibliothek zu Cambridge, Copeahagen, Padua, des Erfurter, und Frankfurt a. M =, 3 Ghetto-Manuscripte zu Rom, eia Msc. von Hamburg, Vatican =, Wiener, Bodlejan, u. 8. w. über die alttestamentlichen Bücher selbst, 3 Msc. - über das sogen. Ben Bilam’sche Werk über die Neginoth und ein Msc. über die Massora, sowie die vorhandene gedruckte einschlägliche Literatur, Alles hat der geL Ver- * 1 fasser berücksichtigt. In 27 Capiteln behandelt nnamehr derselbe die Accentüation selbst und stellt nach *) Dm talmadische Recht im Vergleiche in den enden Rechten wurde bearbeitet von Z. Freakei nnd Semnel Meyer; die 1 AlterthOmer von M. S&^s und L. Law, Numismatik nnd Me- 1 tinm&tik ▼onZockeraTnnn, Zoologie vonLewyaohn u.e.ea. <