Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 22. (31.5.1882)
- Date
- 1882-05-31
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
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and unbewusst in ans thätig sein, wie bei. dem Athmungsprozeas, dem Blütamlauf, dem Herzschlag, und der Verdauung. Wir siad aber bei den meisten Handlangen uns bewusst, dass sie von uns und nicht von einem Andern ausgehen, dass wir sie hervorgerufen haben, nur können wir nicht angeben, warum es so geschehen, da wir frei gewählt. Wir wissen von unserm Thun, dass wir die alleinigen Urheber, und dass nichts anderes als wir es bewirkt. Und ,weshalb wir uns doch gerade so und nicht anders bestimmt und entschieden, bleibt ein ewiges Räthsel, wie der Grund, dass es so geschehen. Der freie Wille wird darum bestritten und geleugnet, man kahn es nicht erfassen, dass etwas geschehen solle ohne jede Veranlassung, ohne jede Ursache; der freie Wille ist auch in der Natur -nicht gedenkbar. Die Unbegreiflichkeit liegt aber nur daran, dass wir das Nichts 11119 nicht denken können. Nichts denken ist eben nicht denken, und kein logischer Gedanke; beim freien Willen wird aber gerade das Nichts vorausgesetzt, weshalb wir ihn nicht fassen. Indessen ist dies Nichts nur jein Nichts der Naturreine Negation eines bestimmten Etwas können wir als ein Gegensätzliches uns aber wohl denken, und das ist der Geist. Er ist und wirkt in dein und durch den freien Willen, ganz allein durch sich selbst. Wir zeichnen nun somit den Geist im Gegensätze zur Natur als eine Wesenheit, die eine Einheit in sich ist, die nicht getheilt und vermehrt werden kann, die nicht aus Theilen besteht, und keinen Raum einnimmt; die keine Dimensionen hat; er weiss sich selbst nur sich allein; ist in seinem Wesen sich keines Andern, nur seiner selbst sich bewusst, und schafft und wirkt nar durch sich selbst mit freiem Willen, und wird durch Nichts anderes bestimmt und gehalten, Nichts wirkt auf ihn. Er schaut und erkennt sich selbst, und fasst Alles, was in Berührung mit ihm kommt, in sich aaf und umgestaltet es za einem Geistesgebilde, als eine neue, eigene Schöpfung. Es ist Nichts von den Natureigenschaften ihm eigen. Man stelle ihn sich deutlich vormals einen mathematischen Punkt, fixirt durch Zeit und Raum, und durch sie weiss er sich selbst und unterscheidet sich von Allem andern, das um ihn im Raume, und vor und nach ihm in der Zeit ist, und in Einem Puncte fasst er das Unendliche als eine Einheit zusammen; er verallgemeinert alles Einzelne. (Fortsetzung folgt.) Tosefta in ihrer Bedeutung für die Wissenschaft. Vortrsg des Oberrabbiner» Dr. Zaekermande 1 in Trier. Tosefta ist der Name eines Codex aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhunderte jüdisch religionsgesetzlichen Inhaltes. Für den Mangel an Berücksichtignng, der ihm lange selbst von Kennern zu Theil wurde, ist er in den letzten Jahren dadurch entschädigt worden, dass der.Name dieses Werkes in Kreise drang, die sonst um die talmudische Literatur sich wenig kümmern. Die öffentlichen Blätter brachten die Mittheiluag, dass das Caltusministeriam Falk and Pattkamer zur Heraasgabe dieses Werkes nach Handschriften eine Subvention aas Staatsmitteln bewilligt habe. Mancher von Ihnen u׳ird diesen Bericht erfahren und sich verwundert gefragt hieben, was das für ein wichtiges Werk sei, welches ätaatssubvention verdient.. Die Ver- Wanderung wird bei Manchem steigen, wenn man ihm sagt, dass dieses Weik der talmudischen Literatur angehört. Was hat der Talmud mit der Wissenschaft gemein? Diese Frage will ich Ihnen zuerst beantwurten, um dann auf die Bedeutung von Tosefta den Gegenstand meines Thema’s einzagehen. M. H.l Der deutsche Gelehrte und Humanist Johannes R e u c h 1 i n aus Pforzheim, (geb. 1455, gest. 1522) war es, der zuerst die Bedeutung des Talmud für die Wissenschaft erkannte, ihm verdanken wir es überhaupt, dass der Talmud in Deurschland nicht, wie zwei Jahrhunderte vor ihm in Frankreich dem Scheiterhäufen übergeben wurdQ, Ihm, der ein bedeutender Hebraist war, der selbst eine hebräische Grammatik schrieb, der in jener Zeit allein den Talmud lesen konnte, konnte es nicht entgehen, welch reicher Schatz für Kenntniss der hebräischen Sprache und zur Erklärung des alten Testaments im Talmud liege. Auf die Frage des Kaisers Maximilian, der von vielen Seiten bestürmt wurde den Talmud verbrennen zu lassen, erwiederte er, dass nach seiner Meinung an jeder Universität zwei Professoren angestellt werden sollen, zudem ausschliesslichen Zwecke, es den Studirenden zu ermögliehen, mit diesem Bache, diesem stolzen Hirsche mit vielen Enden bekannt zu werden. Was das Verbrennen angehe, meint er, so sei der Talmud uicht dazu geschaffen, ,das jedermann mit ungewaschenen Füssen drüber lauf und säg er känds auch.“ Wan nun etz ein unverstendiger kerne und sprech aller grossmechtigster keyser, aller gnedigsier herr, .ewer majestät, soll die bücher der alkimie unterdrücken und verbrennen für, die weil in denselben büchern stond lesterlidie, schändliche und auch narrechtige farliche ding geschrieben wider unsern Christliehen Glauben. Was sollt die keyser magestät einem sollichen biflfel oder esel zu antwart geben anders als das er sagte du bist ein schlechter Mensch, vil mer zu verlachen dan zu willfaren. Die weil ein so kleinsinnigör Kopf nit mag ergreifen und fassen die heimlichkeit ainiger Kunst und ist dero nit wirdig und verstat die Ding anders, dann sie an im selber sind, wollten ihr raten, dass man solliche Bücher verbrennen sollte darum, dass sie ain ungelernter mau nit kandt verston. Ich glaub wol nain.“ Seit Reuchlin haben sich später mehrere Christliehe Gelehrte mit dem Talmudstudium zu sprachwissenschaftlichen oder bibelexegetischen Zwecken befasst. Die Philologen des 16. Jahrhunderts, die mit grossem Eifer die altclassisclie Literatur pflegten, verbanden mit dieser eine genaue Kenntniss der hebräischen Sprache, so der ausgezeichnete berühmte holländische Philologe Joseph Seal iger, der gleichfalls den Talmud citirt. Epochemachend sind die Arbeiten der ß uxtor f Vater und Sohn, der erste geboren 1564 in Westfalen, gestorben 1620. Er schrieb über die synagogale Gebräuche, verfasste ein hebräisches Wörterbuch, eine hebräische Grammatik und veranstaltete eine rabbinisehe Bibel; er verfasste auch ein talmudiscbes Lexicon, welches 8$y1 Sohn Johann Buxtorf II, 1599—1664 herausgab. EduardPoco c k e, Professor der arabischen und hebräischen Sprache (geb. 1604 gest. 1691) gab unter dem Titel ״porta Mosia“ Theile des Maimonidischen Mischna-Commentars in arabischer Sprache mit lateinischer Uebersetzung heraus. Eine seltene Liebe und bewundernswerthe Ausdauer zeigte Wilhelm Surenhusius aus Amsterdam, der