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Das jüdische Literaturblatt · 1882-05-03 · No. 18. (3.5.1882) · p. Seite 70

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
11 (1882)
Issue
No. 18. (3.5.1882)
Date
1882-05-03
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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Körper Im Tode rahn. Und seltsam dieser Dichter, dem nur die BerühKtag mit dem Boden des Heimathsdor- (et die Kraft des Schaffens einflösste and der in der Schilderung von Ereignissen and seelischen Besiehung«u, die aaf einem sehr eng begreazten Raaine sich abspielen, unsterblichen -Ruhm gefunden, war doch auch wieder der universellste und philosophisch tiefste Kopf unter den deutschen Dichtern dieses Jahrhunderts, und hat es rerstanden, ursprüngliche Volksart und welterkl&renden Tiefsinn um innigsten Bande zu ver mählen,- Dichten und Denken, die gezügelte Phantasie und die - beflügelte Vernunft schufen vereint das - Gebild eines Idylls, das in den Bauerngehöften eines schwäbischen Dorfes wurzelt und zum Aether hoher philosophischer Gedanken aafsteigt. Da redet ein Bauer in der Weise der Landleun», die gern einen "speciellea Kall verallgemeinern und darum oft in Sprach- Wörtern sich ergehet^eine treffende Sentenz in so schlichten, volksthümlichen Worten, dass man glauben müsste, sie sei aus Nordstettens Acker emporgertrachsen; aber wenn wir ihren Goldgehalt etwas genauer prüfen, so erkennen wir die Lehre des aaf den höch• sten Firnen der Idee einsam weilenden Denkers Baruch 8pinoza, des heiligen Mannes. Ja des heiligen Man^ nes, obgleich er von seinen Glaubensgenossen geächtet worden ist, und ein Moses Mendelssohn es noch vor einem Jahrhundert als eine Schmähung Lessings betrachtete, dass dieser als Jünger Spinoza's bezeichnet warde. Mendelssohn und Spinoza, beide von demselben Geiste genährt, aber Mendelssohn gehörte zu den von der Vorsehung ftlr das Glück Bestimmten, der nach kurzem Ringen die Freuden des Hauses und gesellaehaftliche Geltung gewann, der, weil er klar und klassisch aussprach, was in seiner Zeit lebte, Freunde erwarb und gefeiert wurde als ein Vorkämpfer und Führer des deutschen Schriftthums. Spinoza jedoch war seiner Zeit weit voraus geeilt; auf der einsamen Höhe, wohin ihm Keiner seiner Zeitgenossen folgen konnte, sah er Himmel und Erde in Eins zusammenfliessen, sah er in dem bunten, viel bewegten Treiben der Menschen, wo jeder sich als die Aze des Weltalls betrachtet, die ewigen Gesetze mfi mathematischer Schärfe und davon redet er, unbekümmert um den Beifall der Menge, einzig der Wahrheit gehorsam, und er wurde von Allen gemieden wie ein Verrufener und Gebannter, und er hätte tief unglücklich sein müssen, wenn nicht der freie Gedanke versöhnend und verklärend wäre wie keine andere Macht der Erde. Länger als eines Jahrhunderts bedurfte es, bevor die von ihm gestreute Saat aufkeimen konnte; sodann aber haben ach an dieser Frucht fast Alle gelabt, die zumal auf deutschem Boden als die Ersten dastehen m Dichtung und philosophischer Arbeit. ßerthold Auerbach hat vielleicht keine Seite geschrieben, in der sich nicht zu seinem grossen Vorzug der Einfluss seines Lehrmeisters verräth. Er hat auch den Versuch gemacht, diesen erhabensten aller Denker in einem grössere Buche dem Volke menschlich näher zu bringen; ein misslungener Versuch, denn dieses grosse Herz hat nichts Anderes geliebt als die Wahrhieit, und man thut ihm keinen Gefallen, wenn, der geschichtlichen Ueberlieferung zuwider, sein Leben romanhaft zurechtgerückt wird, er wird dann nur wie einer von uns, und seine Liebe und seine Leidenschaft gehörte doch keinem irdischen Wesen; das Höchste und Gewaltigste an ihm, sein dem Ewigen zugewandtes Denken, kann nur von dem Philosophen für eine kleine Gemeinde, und nicht jon dem Dichter für das Volk dargeslellt werden. Aber Berthold Auerbach hat die Werke seines Meisters ins Deutsche übertragen, und was noch wichtiger 4t, er bat sie, in die eigenen deutschen Werke hin übe!־getragen und ihnen aamit den Odem ewigen Lebens eingebaucht. Jene ruhige Klarheit, jener reine Aeiher, der über seinen Gebilden ausgebreitet ist, er verdankt sie dem Weltweisea, der, wie er die Welt als Einheit lehrte, selbst eins war in Geist und Chärakler, ihm, der grösste Sohn Israels war seit den Tagen der Propheten bis zu dieser Stunde. Berthold Auerbach hatte zu tief den Schmerz seiner zurückgesetzten Glaubensgenossen mtiempfunden, um seinen Genius einzig in den Dienst einer weitfremden und selbstgenügsamen Kunst zu stellen. Seine Dichtung trug das anner der modernen Ideen, der Freiheit und der Menschenliebe; nur hat er nicht, wie so viele, jene Form der Poesie gepflegt, wo die Poesie nur Form und die Tendenz das Wesen ist, sondern er hat wie ein ächter Dichter durch seine Schöpfungen und nicht durch vollklingende Phrasen gelehrt. Er war in seiner Jugend zutn Prediger bestimmt worden; dies hatte jedenfalls den Vortheil, dass er das Judenthum kennen lernte und dass er nicht in Irrthümer verfiel wie z. B. ein sonst ganz wohlmeinender Dichter jüd. Glaubens, der in einem allbekannten Volksstucke der Bibel, nach der voriirtheilsvollen und falschen Anschauung unserer Gegner einen Gott der Rache andiohtet, uin nachher diesen altbiblischen Rachegott durch die moderne Aufklärung zu bekämpfen und zu besiegen. Auerbachs Eltern hatten richtig erkannt, dass er lehrhafte Neigungen habe, dass er dazu berufen sei, zu erziehen und zu unterweisen. Nur sollte er freilieh diesen Neigungen nicht innerhalb eines kleinen Kreises nachgeben, sondern das Schicksal berief ihn auf eine Kanzel, wo e! dem ganzen deutschen Volke, wo er der ganzen gebildeten Welt verständlich wurde. Für die Freiheit wirbt er durch jede seiue DichtuBgen; er kann es nicht ertragen, weun die Regierenden im Dünkel des Besserwissens mit täppischen rohen Händen in die Eigenart des Volkes liineiugreifen, wenn sie an 6ich gute Neuerungen zu Schaden bringen durch hochmülhiges Dekretiren und geringsebätziges Verkennen des Bauern und seiner Gewöhnung; ihm ist es eine Freude, nachzuweisen, dass oft in den Büreaustuben studiiter Beamten mehr Beschränkt heit waltet, als in den engen RAuuien an die Scholle gehefteter und durch harte Arbeit selbst hart gewordener Bauern. Aber er idealisirt auch das Dorf nicht; er will uns nicht Vorreden, dass in den kulturfremden Stätten mehr Glück herrsche als in den gebildeten Gesellschaftskreisen; er will die Kultur dorthin führen und sie versöhnen mit dem freien Bauern thum; für Geistesfreiheit und für Humanität, dafür kämpft er ln den mannigfachsten Formen, und unsere harte, den Idealen entfremdete krieggewöhnte Zeit könnte höchstens das Eine an ihm tadeln, dass er meinte, man könne des Guten nicht zu viel thun. Oft 86nd|efj er seinen Blick nach dem Westen hinüber jenseits des Meeres, als könnte erst auf dem jungfräulichen Boden dieses Landes sich das Reich der Gesetzlichkeit und Freiheit . erheben, welches das alternde, von Trümmern bedeckte Europa nicht zu erschaffen vermag. Aber wie er Zeit seines Lebens, die letzten Tage der Krankheit abgerechnet, nicht aus Deutschland hinausgekommen ist, 80 wurzelt und so wirkt seine Leistung nur in diesen deutschen Landen; er dachte sich Amerika nur als ein Deutschland ohne die Reste der alten Glaubensspaltung und des Ritterthums. Viele seiner Schöpfungen tragen auch dieses liebenswürdigste Kennzeichen des Genius, einen milden Humor, der über die Schwächen, über die Schranken

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