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Das jüdische Literaturblatt · 1882-04-05 · No. 14. und 15. (5.4.1882) · p. Seite 55

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
11 (1882)
Issue
No. 14. und 15. (5.4.1882)
Date
1882-04-05
Page
Seite 55 (sequence 3)
Language
German
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' trächtlkhe Zahl junger,, and., alter IsraeJUen sieh «am Christenthume bekehrten, die ESnen'nio .äureii Kindern I den Lebensweg za bahnen, die Andern, tun lebhaftem | Antbeil nehmen za können an den Genüssei des ma- § teriellen wie staatlichen Lebens. Das Lesen dieses, von einem Franzosen in einem biblischen, kfaren and vollen Style geschriebenen Buches, eines Baches, das eine lange Martyrologie unserer Vorfahren isjt, hat mir einst eiopn unvergesslichen, un verwisch liehen Eindruck gemacht und hat meinem Herzen den festen Willen eingegraben, als Jude zu leben und zu sterben, komme auch, was da wolle. Ich habe dieses wundeijbare Buch wieder gelesen, das geschrieben ist mit dem, Blute des Herzens upd den Thränen des Körpers, und, der Eindruck war nach 50 Jahren voller Kämpfe und Ermattung nicht weniger lebhaft. Ich habe es jungjen Frauen, Greisen, jungen Weltleuten zu lesen gegeben; alle haben mir gesagt, dass sie es gelesen haben mit Thränen in den Augen, dass sie es sozusagen verschlungen haben und dass, weit entfernt in ihnen Hass zu' erwecken gegen die Verfolger ihrer Grossväter und Väter — wie ein Rabbiner, den ich nicht nennen Will, es be- [; hauptet hat — dieses Buch sie erfüllt hat mit edler r Geduld, indem es sie gleichzeitig gefestet und bestärkt hat in ihrem Glauben. In der That, wenn1 man diese Trauer erregenden Berichte liest, wenn man siieht, welche Leiden, welche Schmerzen, welche Porturen, Welch Elend, welche Todesarten unsere •Ahnen in allen!!ändern seit 2000 Jahren lieber erlitten haben, um nicht die Religion zu wechseln, um nicht den Glauben eines barbarischen, herz- und geistlosen Siegers anzunhhmen, der ohne Vernunft und ohne Unterricht schlimiher war als die wilden Thiere, fühlt muh, dass es mähr als eine Feigheit, dass es die äusserste Infamie ist, | wenn wir, ihre Söhne und ihre Töchter, weltlichen Bedenken nacligebend den israelitischen Glauben verrathen, für welchen die edelsten Herzen ihr Blut hingegeben haben ohne zu zucken, und mehr als ihr Bluft, ihr Glück und das ihrer Familien. Darum ist der ^inzige Vorwarf, den ich di. sem Buche mache, der! dass es in lüxurioser Ausstattung erscheint und da^ der Preis nicht für alle Börsen zu erschwingen ist.; Der Reiche, welcher 12 Fr. für ein Luxusbuch ausgidbt, liest es nicht. Er stellt■ es unberührt in seine Bibliothek, wenn es nur die passende Grösse und das passende Papier hat. Dieses Buch aber sollte jedem Knaben und jedem Mädchen vor der Confirination in die Hpnd gegeben werden. Es wäre nützl eher, als alle Predigten ukd alle Glaubensbekenntnisse. Hier spricht jejle Zeile zum Herzen, jedes Factum gräbt sich in's Hirn ein, und diese Martyrologie, welche, obschon einförmig in den traurigen und Herz zerreissenden Thatsacheh, stets reich bewegt wird darch Thaten des Muthes imd einer beispiellosen Standhaftigkeit, wird dem Jiidenthume mehr eifrige Söhne und mehr enthusiastische Tochter erhalten, als alle beschworenen und versicherten Glaubensbekenntnisse.“ ׳ Das zweite Schriftstück stammtr von idem Reichstagsabgeordneten Charles Grad uud erschien iu Nro. 203 der ״Presse d'Alsase et de Lorraine‘‘. Nachdem er über den Antisemitismus gesprochen,! fährt Herr Grad folgendermaassen fort: ״In dem Buihe, auf welches ich hier die Aufmerksamkeit lenken will, hat ein hebräischer Gelehrter, Joseph ha Cohen, 'der in Avignon geboren, aber von spanischer Herkunft war, unternommen die Chronik der andauernden Juäenverfolgungen zu schreiben von der Zerstörung Jerusalems an. Es ist dies ein interessantes Dokument, dlas werth ist, die Aufmerksamkeit nicht der Israeliten allein, sondern eines Jeden auf sich zu ziehen, der menschlich fühlt Jeder reine Mensch, 'welcher für seine Ueberzeugang duldet, mag sein Glauben •ein, welcher er wolle, v erdient Sympathiebeweise. Diese Sympathie entsteh! ,vor. die- 8er Leidenschronik des jüdischen Vollme, 'besonders Angesichts der beredten Worte, in welchen( der ftwzösiche Herausgeber das Werk uns darbietet.־ Welch beweinenswerthe Geschichte erzählt uns diese Chronik!“ ״Haben aber die Juden allein Verfolgungen erdaldet für ihren Glauben? Ich will hier nich( Anspielen auf alle die Härte, welche dem entstehenden Christenthume in den Weg getreten ist. Keine erhabene Lehre hat sich kundgethan, ist in die Welt eingetreten, ohne durch Märtyrer geheiligt zu werden. Eine betrübende Wahrheit für den Denker — das Böse beknndet sich immer, in jeder menschlichen Gesellschaft, im Bekämpfen des edelsten Aufschwunges. Heine Religion, kein Volk, das nicht zu verzeichnen oder za verheimlichen hätte blutige Seiten, Zug um |Zag unterdrückt und unterdrückend. In diesem peinigenden Schauspiele der Geschichte sind die Härten, welche wir beklagen, weniger die Wirkung von Lehren als von Leidenschaft, welche aüch die wohlmeinendsten Menschen erfasst und für die wir kein Heilmittel sehen, als Mässigung und Toleranz, zwei noch moderne Tugenden, die allzuviel en Verfinsterungen aus gesetzt sind.“ Ueber unsere Pessach-Haggaidali. Van Dr. S..Fri«dmann in Lublinitz. Die Pessach-Haggadah ist bekanntlich in der<Gestalt, in welcher sie uns vorliegt, ein Compositum aus den verschiedensten Elementen der jüdischen Literatur, und schon der Nestor jüd Literaturgeschichte, Zunz, hat auf die mannigfachen Quellen,!sowie auf die verschiedenen Zeiten, denen ' die einzelnen ן Stücke der Haggadah angehören, in seinen klassischen ״Gottcsd. Vorträgen‘‘ hingewiesen. Wenn wir von »Neuem derselben unsere Aufmerksamkeit zuwenden, so ist nur unsere Absicht, einzelne Angaben bei Z. zu rektifiziren, resp. sie zu vermehren, zu erweitern und klaret• zu geben. A. Dass die aramäische Introduktion, zumal in ihrer uns vorliegenden Fassung, erst nach der Zerstörung Jerusalems gearbeitet sein kann, ergibt sich aus ihrem Inhalte. Doch zu welcher Zeit? Können wir diese nicht noch genauer festsetzen? Die beiden Talmude erwähnen sie njoch nicht. Erst durch den Guon Mat1i6jahu, welcher 860—869 fungirfe, erfahren wir ihre Existenz: vgl; אבוח־הם, bei dem es heisst: בחב רב סחתיא מה שנהנו לוסר ״בל דכפין יי הי ויכול' כך ■היו מנהג אבות וכר ע׳ש• Demnach scheint die Abfassung des Stückes כהא לוזמא der Zeit zwischen 500 bis 80t) anzugehören. B. In מה נשתנה ist die Betonung und Hervorhebung des Momentes, ״dass wir in allen Nächten andere Kräuter gemessen (können), in dieser Nacbt (nur) bitteres Kraut“• unrichtig und überflüssig: unrichtig, weil in Wahrheit auch an diesem Abende wie während des ganzen Jahres der Genuss aller Kräuter erlaubt ist; überflüssig darum, weil damit (vgl. Tossafot Pes, 116a) nur auf den besonderen zweiten טיבול hin gewiesen werden sollte, der aber schon betont wird durch den anderen, in der Haggadah beind liehen Satz :שתי פעמים.שבכל• Korrekt lautet die Mischna im jer. Talmud ohne jenen Passus. Ferner ist von dem Unterschiede betreffs הסבה in unserer Mischna keine Rede, und er ist auch insofern unrichtig, als man einerseits zur Zeit der Mischna dhs ganze Jahr ״angelehnt“ gespeist hat, und wir andererseits während des Jahres ohne jedes ״Anlehnen“ die'Mahlzeit einnehmen. Es scheint, dass das Moment von הסגר an die Stelle des später überflüssig gewordenen Seines;

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