Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 13. (29.3.1882)
- Date
- 1882-03-29
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«ד- י — 50 — j. I Ehre sucht, sondern den Verlust dieser letzteren durch die Vortheile der Ueberlistung des Volkes, unter dem sie Schutz finden, ersetzen will.“ Abgesehen davon, dass Kant die Schuld den Peinigern der Juden zuschreibt, brauchen wir nur einen einzigen Brief Kant’s an Mendelssohn gegen^ diese Anmerkung anzufahren.- (Die •Briefe an Matkus Herz bieten auch einiges Material). Kant's ״Stellung zum Ceremonialgesetz war bereits früher erwähnt. Ia dem Briete über Mendelssohns ״Jerusalem“ heisst es nun: ״Ich halte dieses Buch für die Verkündigung einer grossen, obzwar langsam bevorstehenden und fort* rückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird. Sie haben Ihre Reli gion mit einem solchen Grade von Gewissen-freiheit zu vereinigen gewusst, die man ihr gamicht zugetraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann Sie haben zugleich die Notwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit zu jeder Religion so gründlieh und so hell vorgetrageo, dass auch endlich die Kirche unsererseits darauf wird denken'müssen, wie sie Alles, was das Gewissen belästigen und drücken kann, von der ihrigen absondern, welches endlich die ־Menschen in Ansehung der wesentlicheren Religionspunkte vereinigen muss.“ \Vir empfehlen dem Verfasser von ״Israel und die Gojim“ (Verlag der ״Grenzboten“)] diesen Brief- Wechsel zur angelegentlichen Durchsicht. .Wie weit wir heute, zurück sind, kann man aus den ernsthaften Vorschlägen des Göttinger Professors De Lagarde sehen, dessen ״deutsche Sct/riflen“ *las Brevier des wis senschaftliehen d. h. akademischen Antisemitismus sind. Da heisst es S. 254: ״Will man in Deutschland Religion haben, so muss man alle den fremden Plunder abthun, in welchen Deutschland vermummt ist. Palästjna und Belgien, 1518 und 1789 und 1848 gehn uns schlechterdings nichts an. Wir sind endlich stark genug, vor Fremden die Thüre des Hauses zuzuhalten. Wir sind krank an der Nothwendigkeit 1878 auszuführen, was 878 hätte geschehen müssen.“ Doch die Gegenwart kann nicht, zurück zu 878, sie geht vorwärts, nicht mit De Lagarde, sondern mit Kant, Lessing und in bescheidenem Maasse mit Mendelssohn. Der Frost des politischen Lebens wird wieder die Grillen der Epigonen verjagen, deren Literatur dem lebendigen Volke fern steht, deren Philosophie, was sie verheisst, nicht erfüllt Das edele, freie Menschenthum, es sei unser Ziel, and unser Baaner trägt den Namen: ״Mendelssohn!“ ׳* Bildung und Sittlichkeit, vj. II. ' (Schluss.) . Die Menschheit braucht nach der, alle Religionen überflüssig machenden neuen Weltanschauung folgende drei Dinge: 1) ln der Jugend die Bedingungen einer geeigneten Entwickelung; 2) im Manuesalter das Minimum einer Existenz; 3) auf der Neige der Lebenskraft ein schmerzloses Ende. ״Wenn Jemand elend darniederliegt, jede Hoffnung einer leidlichen Herstellung des Organismus entschwunden ist, und er durch trügerische Hoffnungen getragen oder aus Todesfurcht oft unleidliche Schmerzen tragen will, 80 ist das seine Sache; wenn aber Einer es nicht will? Wo ist ein vernünftiges Motiv zu fiuden, ihm seine Bitte zu verweigern?“ ״Alle Einwürfe, die da gemacht werden, sind nicht stichhaltig. Gegen einen Missbrauch kann man sich schützen; man kann die Bedingungen feststellen, unter weichen die Lebensvernichtung des Lebensmüden zu erfolgen ist.“ Immer und immer wieder die krasseste Selbstsucht — keine Spur von Sittlichkeit. Mit einem Federzuge weiden die Aerzte zu Henkern degradirf, ohne dass auch nur die Frage auftaucht: Wie? Wird sich das sittliche Bewusstsein des Arztes nicht dagegen sträuben, da, wo e r nicht helfen kann — kurzweg ein Emle zu machen? Und nicht blos unsittlich. — Ist deau noch nie Heilung erfolgt in Fällen, wo Aerzte und Kranke alle Hoffnung aul'gegeben hatten? Der gesetzmässtge Mord — das ist eure Tugend, weil ihr dalnnleot in dem Wahne, dass ihr euch selbst geschaffen. Weil ihr Gott nicht kennen wollt, sehet ihr keineu Richter eures Thuns vor euch, — kennet ihr nicht des Lebens und des Leidens Pflicht — sondern allein Genuss uud Ruhe oder feige Flucht! Freilich der Selbstmörder ist auch ein Wohlthäter der Menschheit!! ״jeder Lebensmüde erleichtert durch seinen Tod die Existenz der Ueberlebenden, ob er ein Verrpögen hiaterlässf, oder dem Arbeiter die Concurrenz erleichtert.“ Warum nicht auch dadurch, dass er die Einnahmen des Totengräbers vermehrt? ״Sollte ich aber auch der Natur der Weltordnung gegenüber das Recht nicht haben, so ist das meine Angelegenheit, der Gesellschaft gegenüber habe ich es, und diese hat nicht nur kein Recht, mieh daran zu hmdern, sondern ist schon aus Rücksichten der Humauitat verpflichtet, das Unabänderliche undJ5chmerzlichj so woülwolle.id als nur möglich zu erleichtern.“ Ja, •las wird eiue ldealgesellschäft werden, in weleher mau deu Aerzteu vorschreibt, wie sie die Schwerkranken mög.iclisi schnell ins Grab bringen, damit die liebeu Auverwaudt! n ja nicht viel Last mit dem Erweibsuul'äiiigeu haben; wo man statt Gotteshäuser Spruugbreuer errichten wird in der Nähe recht tiefer Sie.lcu von Flüssen und Seeen, damit es die Lebensmüden nur ja recht bequem haben 1 Nicht Liebe, nicht Pflichtgefühl ist’s, was euch beseelt, was eure Gesainmtlieit verbindet. Die teige Furcht allein presst Eurem atmen Hirn Ideen ab zur Verbesserung der Lage der Armen (Herr Helleubach maent einen sehr beachtenswerten Vorschlag, Theilnähme der Gesammtheit am Erbe Kinderloser und Verwandlung der Zinsen dieses Vermögens zu Erziehungs- und ähnlichen Zweckend Ihr sehet schon, die Armeen der Enterbten gegen euch heranmarschiren und fürchiet die Zerstörung eurer Habe — all’ dessen was euch das Leben allein lebeuswerth macht! Die Bibel mit. ihren Armeugesetzen, die Bibel mit ihrem Sircngen Ehrrechie .(das allerdings'auch die Scheidung ges.aitetlj die Bibel mit ihren Vorschriften zur Schonung und Erhaltung des Lebens, eigenen und fremden Lebens — sie ist und bleibt der Qtlßll der Sittlichkeit uud der Tugend! An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Und wahrlich die Früchte dieser neuen Weltanschauung sind so abschreckender Ari, dass wir unsererseits nichts hiuzuzufügen brauchen, um die Verwerflichkeit derselbtn den Lesern näher darzulegensie springt von selbst in’6 Auge. Coblenz. Dr. Lew in.