Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 12. (22.3.1882)
- Date
- 1882-03-22
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5367336-6488244-8755959--2046-4855294- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
46 Strohhalme des Urgermanen- und Urchristenthums und predigte den Kreuzzug gegen die Jaden. Die Dichter waren nach Aegypten gezogen (Ebers zu den Juden von Alexandria), zu den Vaganten and Spielleaten des Mittelalters, zu Wotan und den Skalden, zu Jngo und Ingraban. Das Dämmerreich sinnnlicher Begierden ron Makart, Wagner und den ,Dichtern“ der neuen Aera verherrlicht, lag der kräftigen, von alt-jüdischer Keuschheit erfüllten, dem Raffinement des Materialismus abgewandteh Natur Auerbach’s fern. Berthold Auerbach hatte mit seinen Geschichten aus dem arbeitenden Volke die Kluft zwischen Natur und Kultur zu überbrücken gesucht — er starb und der Bruch klafft wie» der einmal tiefer denn je auseinander. Aber Auerbach rief nicht ״nach unsjdie Sündfluth“, er vertraute weiter und spann ihn weiter den erhebenden Gedanken einer allgemeinen Volksbildung und der Verbreitung der Volksbildung unter den Juden. ' Bildung und Sittlichkeit. 11. Der Mensch ist — nach den Materialisten — nicht verschieden von den andern Erschein ungsd in een, er ist ,eine Sache, eine Waare“, ״und die Vernichtung des Selbstbewusstseins steht vor ihm als.das sichere Ende seines Lebens. Diese Aussicht zerstört alle Freuden, dieses Gefühl der Nichtigkeit juud der Abhängigkeit ist furcbthaie Qual, das Lehen bat keinen Werth. Auch kann da von )Liebe und Aufopferungsmath keine Rede sein,-־ wo'׳ der Glaube herrscht, dass die Arbeit der vorhergehenden Geschlechter nur den folgenden Generationen zu gute kommt, und dass doch zuletzt Allesjin das Nichts versinke, dass alle Anstrengung, die lauf höhere und entferntere Ziele als die Befriedigung der nächsten Bedürfnisse; des gegenwärtigen Lebens gerichtet ist, — un wieder bringlieh verloren sei für den nach ihnen Strebenden. Unter solchen Geschöpfen blindwiriender Naturkräfte giebt es weder Rechte noch Pflichten, keinen Unterschied zwischen gult und böse, und der edle, liebreiche Menschenfreund! wird nicht höher geachtet als der Raubmörder, denn 1 beide handeln nur 80, wie sie, getrieben von Naturgesetzen, handeln müssen.“ Daraus entsteht die unersättliche, unhefriedigende Genusssucht —. und der Värlust des Lebensmuthes wie der Lebensfreude bildet ״ein pessimistisches System, um seiner feigen Gesinnungsart einen philosophischen Anstrich zu geben! Ein solch eiender, aller edlen Gefühle lediger, aller Hoffnung beraubter Mensch hat keinen Sinn für das Wohl und Wehe Anderer, in seinem Herzen'ust kein Platz mehr für die Liebe, er will de|1 Andern nur zur Befriedigung seiner egoistischen Wünsche benützen, und wenn die Andern gleiche Gesinnung haben, so wollen sie auch ihn in gleicher Weis»9 benützen, so entsteht der Krieg Aller gegen Alle und die grössere Macht entscheidet; so giebt es nur Herren und Knechte, Herren, die keinen Augenblick sicher sind, dass sie nicht gestürzt wferden, und Knechte, die die Fessel nur mit Ingrimm tragen; 80 giebt es k e i n e n g e 0 r d n e tenStaat, keinGemeinleben, keine h amilie.“ Also eine neue Weltanschauung! Wir bitten um Entschuldigung, dass wir dies grosse Excerpt aus ״Ue• ber Kraft and Bewegung“ von Drossbach*) unuern *1 Hitgetheilt in Heilenbach II. 296 ff. Lesern bieten. Hätten w i r diese Schilderung entworfen, so würd* man vom ״theologischer Wuth“, von ״Ketzeriiecherei“ gesprochen haben Die Schilderung eines jener Sinnesweise näher Stehenden wirkt Uberzeugender. Also ,,keine Familie“. Daruin eine neue Weltanschauung, iu welcher die Ehe als ein Vorurtheil*) betrachtot wird, d h. als eine Institution, die schneller oder langsamer weggeschafft werden muss! ״Gegenüber früheren barbarischen Zuständen war die Ehe ein Fortschritt, der Zukunft gegenüber ist sie eine sich überlebende Institution, wofür schon die steigende Lockerung und der Umstand sprechen, dass die relative Zahl der Ehen mit der Dichtigkeit der Bevölkerung im umgekehrten Verhältnisse steht.“ Also die erwachsende Uumoralität ist nicht ein Grund, sie zu bekämpfen, sondern sie zur Norm zu erheben. Was Herr H. über d!e ״freie“ Liebe sagt, ist zu frei, als dass wir’s citiren könnten. Aber das müssen wir constatiren, wir hören viel von Nützlieh keit, nichts von Sittlichkeit, keinen Laut von Schamgefühl und Keuschheit. Giebt es für den .,Idealisten“ keine menschlichen Ideen, die ihn vom Thiere sondern? Die Bibel, sie erkennt in der Ehe eine solche, denn die ersten Generationen lebten nach ihr in Monogamie, erst Lemech־ hatte 2 Frauen! — Die Ehe ist eine Heiligung der Geschlechtsliebe; wandelt sie aber ״den Weg des Compromisses“ dann waltet nicht ״ehrlicher und lreier die Liebe“, sondern die Sinnlichkeit! Diesem ersten Pröbcheu der allerneuesten ״idealen Sittlichkeit“ reihen wir ein zweites an. Das Gospenst der Uebervölkerung wird vorgeführt und nachgezeigt, dass nacli den Materialisten die Ertötung .des Keimes gestattet sein müsse. Aber auch der Idealist findet es ״komisch“ (.!), dass der Staat die Kindesmörderin bestraft, ״welchem sie ebenso, wie der armen Geschöplsanlage eine Wotilllir erweist Ich meinslheils kann nur bedam-rn, •la.-• meine ersten Athemzüge nicht Chloroform waren. ‘ Nun wir unsrerseits hätten Nichts dagegen geuabt, aber Sittlichkeit steckt weder in dieser Ansicht, noch in diesem VVunsehe. Wo ist da die sittliche Leben-freude? Wo das Pflichtgefühl!? Wo die Achtung der Muterliebe? — Nicht sittlich, sondein unsittlich sind die Resultate. 1) Es ist ein Vorurtheil, dass die denkbaren Prueventivuiittel nicht gesucht und nicht der allgemeinen Kenntniss preisgegeben werden, und 2) es ist ein Vor• urtheil, der Uebervölkerung lieber durch die gegenwärtige, langsame und grau.-ame Aulreibung, als durch humane Repressivmittel zu stöien -Eine nette Humanität das! Aber es kommt noch besser. (Schluss folgt.) Ueber die Entstehungszeit der Septuaginta. V>on Dr. S. Friedman□ ia Lublinitz. (Schluss.) Doch kehren wir nach didser Abschweifung zu unserem engeren Thema zurück. Ein Ptolemaeer hat also die erste griechische Uebersetzung des Pentateuch veranlasst. Aber welcher? Sichere zeitgenössische Quellen stehen uns da nicht zu Gebote, und wir sind wiederum auf die Mittlieilung Philo’8 angewiesen, wel- *) Ein Vorartbeil ist ein anf die Autorität Anderer — in der Regel unserer Vorgänger — sich stützendes, geerbtes oder angezogenes, jedenfalls fremdes OrtbeiL, das längere oder kürzere Zeit, je nach Pietät, Gedankenlosigkeit oder Unkenntnis* der Nachkommen im Ansehen steht; in der Regel brechen es die Zeit und vermehrte Erfahrung. (Hellenbach. Vorrede zum II. B. S. 8.)