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Das jüdische Literaturblatt · 1882-03-08 · No. 10. (8.3.1882) · p. Seite 38

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
11 (1882)
Issue
No. 10. (8.3.1882)
Date
1882-03-08
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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8ten Aatheil, wie die betreffenden Capitel in Jesaja, Jeremia and Ezechiel, das Bach Jona ü. a. a. es zeigen. Allein bei all dieser umfassenden Bedeutung bleibt die Liebe des Judenthums gesund, weise, d. h. sie hebt die Gerechtigkeit nicht auf. Die israelitische Religion wer zugleich das israelitische Staats gesetz; es war daher ganz natürlich, dass der ia diesem Staate lebende Fremde für die Dauer seines Aufenthaltes sich den bestehenden Gesetzen lügen sollte. Heute ist Religion vom Staatsgesetz überall getrennt; heute ist es ein .schreiendes Unrecht, Leuten, welche dem Staatsgesetze mit Liebe sich unter-, werfen, weil sie nicht desselben Stammes und desselben religiösen Bekenntnisses, die gleichen Reihte zu versagen. Genug, dass unzähligemal eingeschärft wird: ״Und Du sollst Leben den Fremdling!“ Wenn H. mit Berufung auf Deut 23,20 und 28,12 sagt: ״Gegen die Fremden ist Wucher nicht nur erlaubt, sondern er wird sogar als eine der Segnungen Jaho's über sein י Volk aufgeführt“, so könnte man die Unrichtigkeit dieses Satzes mit seiner Igider gar oft sich zeigenden Unkenntni&s der hebräischen Sprache erklären. Eis heisst nämlich nicht לנר, »dem Fremden“״ sondern ״ ,לנכריdem Ausländer“, dem in einem fremden Staate־־weilendeä und demselben Angehörigen magst Du auf Zinsen leihen; offenbar eine unumgängliche Uoncession zu Gunsten der Handelsbeziehungen mit dem Auslände. Und welche unschädliche Concession war das, wie gibt sich auch hier das überall sich Bahn brechende weise Humanitätsprincip des Judenthums zu erkennen! Wo hat sich denn eigentlich von jeher Zinsnehinen und Wucher in seiner,die Ge- Seilschaft untergrabenden Schädlichkeit gezeigt? Wahrflieh nicht im Verkehr der Ausländer umeF einander, sondern der Bürger eines und desselben Heimathlandes. Für diese letzteren aber, gleichviel welchem Stamme sie angehören, gilt das mosaische Gesetz, nicht auf .Zinsen zu leihen! Uan bedenke die sittliche Tragweite dieses Gesetzes in jener alten rohen Zeit!' Ebenso könnte es auf Rechnung seiner sprachlichen Ignoranz gesetzt werden, wenn H., והלו^ גוים רבים mit ״wucherisch leihen“ übersetzt, während, es, wie jeder Kundige weiss, nur ,leihen* bedeutet Dagegen ist der auf Deut. 23, 6 und 25, )9 sich berufende Satz; ״Man soll zwar das Recht des Fremdlings nicht verletzen, der ... unter das Volk Israel gegangen ist,.aber man soll nicht sein Gutes suchen .. ., sofern ■er zu *einein feindlichen Volke gehört, und wo die Fremden kein Gaslrecht schützt, soll man des religiösen Hasses gegen dieselben stets eingedenk bleiben“, unmöglich^von Vorurtlieil freizusprechen. Denn für Jeden, der} unbefangen die angezogeneg Stellen liest, ist es klar, dass wir es hier lediglich mit einer ' politischen Verhaltungsregel gegen gewisse gefährliehe Völker, gegen die Völker Amon, Moab und das räuberische Amalek zu thun haben, welche jede Gelegenheit benutzen mochten, um Israel zu vernichten, keineswegs aber mit einer allgemein menschlichen Lehre. Israel wird mit Nachdruck gewarnt, mit die- 8en Völkern sich ja nicht jemals in ein Vertrauensseliges Freundschaft8bündnis8 einzulassen; dies allein bedeutet: לא וזדרש שלוטם וכן׳• Die Geschichte hatte dieses Misstrauen öfters gerechtfertigt.*) Wir erleben es beute, in dem erleuchteten 19. Jahrhundert, dass eine für vertrauensvolle Abrüstung erhobene Stimme mit überlegener Varnehm heit ignorirt wird, und wol- Jen von einem rings von Todfeinden umgebenen Völklein in jener alten uncultivirten Welt nicht nur hu¬ *) Fsindliche Angriffe gegen Amon and Most» worden aasdrdeUieh verboten, Deat. 2, 9,19; Cap. 11, 24 wird die Grenze gestockt, wie weit überhaupt die Eroberung sieh «!־Strecken darf. mane, sondern auch politische Liebe verlangen? Dass aber das Jadentham, sofern die von der Pflicht der Selbsterhaltung geforderte international-politische Rücksicht es nicht hinderte, in dem eigenen Staate uubeschränkte humane Liebe gebot, das besagt eben das unzähligemal wiederholte Gesetz: ״Und Du sollst lieben den Fremden“, ״Ein Gesetz etc.“ Herr Hartm&mi ergeht sich bei diesem Gegenstände überhaupt sehr gern in Aufwärmungen des alten Kohls. Er wiederholt die alte Bemerkung, dass die Speisegesetze u. dgl. gehässige Absondernngsgesetze gewesen seien, sogar das odium generis huinani, mit welchem Herr Treitschke sich 90 blamirt hat, ist Herrn H. nicht abgedroschen genug.. Aber er möchte doch die Frage beantworten, was mit der ״Entwicklung des religiösen Bewusstseins,“ was mit dem Monotheismus und dem gesunden Moralprincip, die er selber' den Juden zuerkannt,-־geworden wäre, wenn dies: Juden nicht durch alle möglichen!Umzäunungen von <lem grobsinnlichen Heidenthum abgesperrt worden wären? Das Speisegesetz und ihm ähnliche Gesetze waren nicht Gesetze des Hasses, nein, sie waren iu einem höheren, geschichtlicheren Sinne Gesetze der Liebe, Gesetze einer pro videntiellen Liebe, Gesetze einer menschheitlichen Liebe. Es wird kommen eine Zeit, in welcher auch diese Wahrheit wird erkannt werden. Freilich wird es nicht sein die Zeit, in welcher Hartmana’s Philosophie als ״Schlussstein aller religiösen Entwicklung“ wirJ gelten, in welcher die ן Menschheit ihrer Gottnatur sich voll bewusst ist, nein, die Zeit, in welcher ״die Erde voll ist von Erkenntniss des Herrn“, in welcher bescheiden ist der Mensch, 1 als Erdensohn sich fühlend, aber durchdrungen, erfüllt, gehoben vom Geiste Gottes, Das Judenthum kann ruhig diese Zeit abwarten. Trotz 'aller titanenhaften Anstrengungen des Geistes, über es hinauszukommen, es zu überflügeln, zu ignoriren — es ist ihnen nicht gelungen. Trotz der erhabeneren Liebe, welche die jüdische in den Schatten stellen soll — trotz,der tiefen Metaphysik, neben weleher das alte Testament wie ein Kinderspiel sich ausnimmt: das Lehen,, es gewährt keiner anderen Liebe Raum als der mit Gerechtigkeit gepaarten — und möchte doch düese nur überall herrschen! — Das Gemüth, es wird sich nie überzeugen lassen von einer anderen Metaphysik als der, welche ei neu Übermenschliehen, gerecht-liebrejchen, einzigen Gott es lehrt. Das Judenthum hat es erlebt zu sehen, wie eine von ihm ausgegangene Bewegung, nachdem sie weit genug sich von ihm entfernt und gewaltige Kreise berührt hatte, zu einem grossen Theile wieder rückwärts zu ihn! lenkte, denk der auf den Katholicismus gefolgte Protestantismus ist nichts anderes als eine, wenn auch nur geringe Rüekaonäherung zum Judeuthum. — Die Wahrheit bleibt aber lest an ihrem Orte, man muss zu ihr kommen — das Judenthum kann darum ruhig warten und bleiben, ״seine Ruhe ist seine Herrlichkeit.'" Dr. M. Steckei machet. Eine neue jüdische Secte .in Russland. Der ״Odesslki Listok“ meldet, dass sich in Odessa eine neue jüdische Secte gebildet habe, welche bereits eine bedeutend^ Anzahl von Anhängern aufzuweisen hat und deren Zweck sein soll, die Verschmelzung der Juden mit den Russen anzu bahnen, die Secte ״Neu- Israel“ von d^r : orthodoxen Judenschaft gänzlich abzusondern und den ersten in Anbetracht ihrer Sonder- Stellung die Gleichberechtigung mit den andern Nationaliläten zu erwirken. Der neue Reformator des Judenthums, ein Schullehrer der hiesigen Elementar-

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