Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 8. (22.2.1882)
- Date
- 1882-02-22
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ner Werke durchzieht der Gedanke au ,das ludenthum; bei jedeij passenden oder unpassenden Gelegenhefe schielt er, bald schmollend und grollend, bald carrikirend und persifflirend,- zumeist jedoch traurig und wehmflthig, liebend und zärtlich mit einem Seiten- 'blick auf seinen alten Glauben hin. Aus jedem seiner Gedanken lugt das gekränkte Ehrgefühl, der in seinem stolzen Hochgefühl tiefverletzte Jude hervor. Er konnte unmöglich die classische Objectivität, die ~ ja für den wahren Dichter, der ausnahmslos Allen zu Herzen reden will, unumgänglich nothwendig ist, bewahren; darum wurde er auch nicht der Mann des Volkes, darum wurden seine Werke nur das Gemeingut gewisser Kreise. ״ Ludwig Börne, diese tiefangelegte Natur mit dem scharf ausgeprägten Rechtsbewusstsein, dieser biedere, wackere und grundred liehe Character, Börne, der Frankfurter Polizeiactnar aus Neigung, der den eiskalten Hohn jenes dummdreisten Patriciervölkchens , vertragen musste, das sich nicht entblödete, jene menschheitentehrende und humanitätschändende Warnungstafel mit der Aufschrift ״Juden und Schweinen ist der Eintritt nicht gestattet,“ vor dem Parke aufzupflanzen, Börne, der sich^ trotz seines scheinbar kaltblütigen Naturells, in Henriette Herz reizend verlieben konnte, und natürlich spöttisch zurückgewiesen wurde, Börne, der sich mit seinem dämonischen, mephistophelischen Ungestüm in den Strudel der politischen Wirren gestürzt hat, and auch da, auf der politischen Arena, im ehrlichen Zweikampf der Federn, anstatt mit schwergewichtigen Gegengründen, miteinem. höhnischen ״Hep Hep* niedergeschlagen wurde, dessen Leben verbittert und vergällt, dessen Feder in Blut und Galle getaucht war, konnte gleichfalls nicht das deutsche Volk als.solches für sich gewinnen, dazu war sein Witz zu blutig, seine 8atire zu stachelich und sein Sarcasmas zu bitter. -Auch «r beging den grössten Missgriff seines—Lebens, sich taufen za lassen, seinem ureigensten bindern Wesen inconSequent zu werden, um später das Judepthum nur noch heiss'er und glühender zu lieben und zu — bespötteln. Auch er befand sich, wie Heine, dem Ju- . denthum gegenüber in einer preeären Zwitterstellung, in einem endlosen Zwiespalt; auch durch seine Werke i zieht sich der rothe Faden des Judenthums bald in gehässiger, bald in liebevoller Weise, bald es bespöttelnd und bekrittelnd, bald es liebkosend und verhätschelnd. Ganz anders geartet und erzogen war Berthold Auerbach. Im freisinnigen Württenberg geboreu, im liberalen Baden grossgezogen, war ihm der~ewig klare, azurblaue und ätherreine Himmel der Poesie nicht umwölkt und umscheiert von den finsteren Nebelmassen des Hasses, von den düsteren Wolkengebilden der Verhöhnung; in den Freudenk eich seiner Jugend mischte sich nicht der bittese Wehmuthstropfen kalter Zurück- Weisung, weil er aus dem Urquell der Ethik, dem Talmud, die goldenen Lehren der Bescheidenheit schöpfte, wodurch er nicht allzu prätentiös an die nichtjüdische Gesellschaft herantrat und daher auch kein so verletzen des Desaveu erfahren konnte. Daher kommt nun dieser ״grosse Zwiespalt der Natur“, dass die getauften Juden Heinrich Heine| und Ludwig Börne iu ihren Werken immer und immer wieder das leidige Thema der frevelhaften Bedrückung der Juden in allen denkbaren Tonarten ranüren, während der Jude Berthold Auerbach in seinen poetischen Werken, seines Judenthums völlig entäussert und entkleidet erscheint! Heine und Börne waren als Dichter Juden, aber nicht als Menschen, Berthold Auerbach war dagegen als Mensch Jude, aber nicht als Dichter! für Heinrich Heine war ,das Judenthum eine Zierpuppe, die er in seinem kindischen Uebermuth bald in den Raub zerrte und würgte, bald wieder k06te und herzte. Für Börne war das Judenthum, die angebetete Jugendgeliebte, die er in leichtfertiger Gedankenlosigkeit verlassen und den er die Treue gebrochen hat. Für Berthold Audrbach war das Judenthum — die die stets verehrte, liebevoll uns erziehendeMutter, und damit ist Alles gesagt. Ja, er war ein Jude, treu und innig, mit Herz und Geist, und Liebe und Wärme, der lorbeergeschmüekte, ruhmgekrönte Dichter der ״Dorfgeschichten“ BertholdAuerbaeh. Rede am Grabe Berthold Auerbachs, gehalten ▼on Dr. Silberstein, Rabbiner in Hilringen, am 15. Februar auf dem Friedhof zu Nordstetten. Hochansehnliche Versammlung! Wir stehen an der Bahre eines Mannes, von dessen Ruhm ganz Deutschland, ja, ich darf wohl sagen, die ganze gebildete Welt wiederhallt, eines Mannes, der aus engbegrenztem Lebenskreise hervorgegangen, zu einer selten hohen Stufe der Anerkennung und der Würdigung sich hat emporgerungen, der, ein Fürst im Reiche des Gedankens, Grosses darin gewirkt und geschaffen, der seinen Namen mit den edelsten, herrlichsten Erzeugnissen des deutschen Geistes- und Gemüthslebens auf das engste verbunden hat Wir stehen,! um es mit einem W orte zu sagen, an dem Grabe Berthold Auerbachs. Wie ist uns doch an solchem Grabe das Herz so tief, 80 wunderbar bewegt! Wie durchbeben doch da die mannigfachsten Gefühle und Empfindungen unser Inneres! Schon sahen wir vor Monden voll Angst und Sorge den Engel des Todes! seine schwarzen Fittige drohend schwingen über den, der nun entseelt vor uns liegt. Aber der, der dem Todesengel gebietet, rief ihm za: Lass ab von ihm. Wir athmeten von Neuem auf, schöptten neuen Muth, frische Hoffnung, als wir ihn dort an des Meeres üppigen Gestaden, in jenen paradiesischen Gefilden verjüngte Kraft gewinnen sahen. Da mit einem Male, an der' Schwelle seines achten Jahrzehnts — schon rüstete sich die grosse Schaar der Freunde zu einer würdigen Begehung des festlichen Tages — rafft der grausame, unerbittliche Tod den Theuren hinweg, raubt ihn den durch des Blutes wie des Geistes Bande ihm so eng Verknüpften und an die Stelle des gehofften Festesjubels triit die Todesklage. ״Wie ist doch der Heia des Geistes so schnell, 80 unerwartet überraschend schnell dahingesunken!“ Aber ist es denn nur die Klage, der wir an dieser Stätte Ausdruck” geben dürfen!' Wohl haben wir Vieles, unsagbar Vieles in dem theuern Entschlafenen verloren, aber ist es denn nicht auch ein erhebender, tröstlicher Gedanke, dass wir Vieles, unsagbar Vieles in