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Das jüdische Literaturblatt · 1882-02-01 · No. 5. (1.2.1882) · p. Seite 19

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
11 (1882)
Issue
No. 5. (1.2.1882)
Date
1882-02-01
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
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Das religiöse Bewusstsein der Menschheit im Stufengang seiner Entwicklung. (Fortsetzung.) Hartmann’s Behauptungen werden jedoch immer dreister und willkürlicher. Nicht nur soll Vor der Josijanisehen Zeit allerlei Götterdienst, wie An|betnng der Sonne, des Mondes, des Feuers, Windes, Verehrung eines bösen WUstengottes Azazel rechtlich! bestanden, ferner ein Bilderverbot gar nicht existirt haben, — das 2. Gebot des Dekalogs soll erst später eiagefügt und der Therahmdienst in der Zeit der König^ noch anetandslos gepflegt worden sein, — auch die! Propheten selber sollen zwar gegen die Verehrung Gottes inBildem geeifert, aber doch die anderen Götter der Völker nicht als göttliche Wesen überhaupt, sondern nur als Götter für Israel negirt haben. Die Propheten sollen nur deshalb ihren Jaho allein als Gott Israels anerkennen, weil sich die anderen Götter mit ihm an Gnade und Erbarmen nicht messen könneu. ״Die fremden Götter hören nicht auf Götter zu sein, abeii sie werden Götter von Jaho’s Gnaden ...., die den Hofstaat Jaho's bilden, und von diesem den übrigen Völkern zugeordnet sind.“ ״So wird Jaho aus dem Hauiptgott Israels zu seinem alleinigen Gott. . ., aus einem primus inter pares zu einem Obergott übei■ die Götter aller anderen Völker..., ideell ist er schon jetzt der allein wahre Gott der ganzen Welt, reell wird er es in der Vollendungszukunft werden.“ Sehen wir uns ein wenig die Beweise für diese Aufstellungen an. Eine Spur des vor Josija angebeteten Sonnengottes soll angedeutet sein in Num. 25,4. ״!Die vor der Sonne“ zu Hängenden sollen dem Jaho-Soniiengott darzubringeude Opfer sein, um seinen Zornj zu besänftigen. Hier hat nun wiederum seine Unkenntniss der hebräischen Sprache Herrn Hartmann einen ihn bla-' mirenden Streich gespielt. ״Vor der Sonne“ oder ״im Angesicht der Sonne“ bedeutet nichts Anderes als ö ffentlich, sodass das ganze Volk es sphe und sich daran ein Beispiel nehme. Vgl. Exod. 22,2; 2. Sa-• muel 12,11 und 12, wo נגד השפש parallel mit נגד כל ישראל steht. Vgl. auch Deut. 17,13 und 21,21—22, an welcher letzteren Stelle der Zusammenhang deutlich lehrt, dass die Strafe des Hängens vor ,allem Volke Abschreckung zum Zwecke hatte, weshalb denn auch wohl der Gehängte nur am Tage am Holze bleiben und bei eingetretener Dunkelheit bestattet Werden sollte. Ebenso hinfällig ist der Beweis aus Je$. 33,14 und Exod. 24,17, welche Stellen kein mit der Bildersprache der Bibel vertraute Exeget anders als bildlich fassen wird. An letzterer Stelle heisst es übrigens nicht יאש sondern כאש אוכלה• Einen bösen Gott dpr Gluthhitze, analog dem Seth-Typhon, darin zu erkennen, kann nur einer erhitzten Einbildungskraft möglich Sein. Welche ausschweifende Phantasie gehört doch fer|ner dazu, auf einen bösen Gluthhitzegott, der als solcher aller Zeugung und Vermehrung feindlich, die Gesetze der Erstgeburtsopfer, oder die erhabenen Keusichheitsgesetze zurückzuführen! Statt an Gen. 1, 22,28 zu denken, stützt sich H. auf lächerliche Beweise, wip z. B. auf 2. Mos. 4,25. S. 380 räumt H. eine poetische Bilderspräche der Bibel ein, und doch wie uüfähig zeigt er sich, diese wundervolle Poesie zu würdigen, wenn er in dem herrlichen Psalm 104, der den jn Genesis gelehrten Weltschöpfer besingt, ״naturalistische“ Züge der Gottheit findet, oder in Hos. 13,15 den alten ״Windgott“ wieder erkennt! Es lässt sich übrigens in diesem Punkte nicht gut widerlegen; d^nn ein ausgesprochen poetisches Bild prosaisch für die Sache , zu nehmen, ist Geschmacksache, über ,die sich nicht 1 streiten lässt. — Ganz willkürlich, und durch Nichts erwiesen, ist die in diesem Zusammenhänge wiederholte Behauptung, dass “Israel“ der alte Name eines Sonnengottes gewesen sei. — Der aus 1. Mose 18,1,8, 19,3 geschöpfte Beweis, dass Gott esse, ist fast eigenwillig missverstanden; denn nicht von Gott, sondern von den drei Männern wird berichtet, dass sie gegessen. Dass das Opferwesen nur eine Concession an die damals tief eingewurzelte Vorstellung, der Gottheit durch blutige Opfer Verehrung zu erweisen, gewesen, das hat schon Maimonides in seinem Moceh überzeugend dargethan. Es verhält sich damit unverkennbar wie mit der Sklaverei. Auch diese dem Principe des Ufosaismus durchaus inadaequate, aber im ganzen Alterthum mit den gesammten Lebensverhältnissen innigst verwachsene Institution konnte nicht auf einmal abgeschafft werden״ Sie ward darum geduldet, aber mit solchen humanen Beschränkungen, welche das Ziel ihrer Völligen Aufhebung deutlich durchblicken lassen. Als eine gleiche, dieselbe Tendenz verrathende Beschränkung muss aber die immer wiederkehrende Ermahnung angesehen werden, nur an einem einzigen Orte des Landes Opfer darzubringen.*) Man bedenke die ungemein erschwerende Tragweite dieser Beschränkung für ein an den Opferkult gewöhntes Volk, und man wird nicht umhin können, auch in derselben das bewundernswerthe Streben zu entdecken, Israel nicht nur im Monotheismus zu belehren, sondern auch vornämlich zu demselben zu erziehen..— Wenn in 2. Mos. 32,26 ff. Spuren von Menschenopfern erblickt werden,-so müsste eigentlich jede für Verbrechen verhängte Todesstrafe als ein Menschenopfer angesehen werden. In einer nach theokratischem 8ystem regierten Gesamintheir ist eine Beleidigung der Gottheit selbstverständlich ein Verbrechen, das durch Strafe, und nicht durch Opferung vergolten wird. — Die Auffassung von Deut. 20, 16 als ein Menschenopfergebot verräth eine völlige Verkennung der zwar durch einen übermenschlichen Willen eingeleit-e* ten, aber durch geschichtliche Mittel in das geschiehtliehe Völkerleben sich einreihenden Verbreitung des monotheistischen Gedankens. Der österreichische Kronprinz hat es erst jüngst in seiner Reisebeschreibung ausgesprochen, dass kein Land gleich Palästina zur ersten Pfiegestätte des Monotheismus sich hätte eignen können. Eine augenblickliche oder allmähliche" Bekehrung der in den unsittlichsten Götzendienst versunkenen Urbewohner wäre aber um so weniger möglich -gewesen,1als die Israeliten selber erst schwache Anfänger in der neuen Lehre waren. Jene Urbewohner hatten zudem, bereits ausgespielt, sie waren reif geworden zum Untergang; der Untergang eines solchen Volkes vollzieht sich aber in der Geschichte in der Regel nicht von selber, er wird vielmehr durch ein nicht nur kräftigeres, sondern auch besseres Volk, das noch unbenutzte Keime in sich trägt, an ihm vollzogen; den letzten Todesstöss empfängt es_in der Regel von Aussen: das ist, so zu sagen, ein Naturgesetz des geschichtlichen Entwicklungsganges der Völker^ und in keinem anderen, als irh Dienste dieses Naturgesetzes stand das Gebot, die Kanaanitischen Völker zu vernichten. Wie die scharfsinnigste Naturforschung die Entstehung der Organismen ohne Eingriff einer höheren Macht nicht erklären kann, so wird auch dem gelehrtesten Philosophen die Entstehung des Monotheismus in der Mitte des jüdischen Volkes, wenn er eine Offenbarung leugnet, nie 'klqr werden. Dagegen ist die Forschung sowohl auf dem Gebiete der Reli- *) Es freut mich, dieselbe Ansicht über die Opfer hinterher auch schon bei Salvador ^Gesch. d. mos. Institutionen S. 117, 3. Bd.) zu finden.

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