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Das jüdische Literaturblatt · 1882-02-01 · No. 5. (1.2.1882) · p. Seite 18

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
11 (1882)
Issue
No. 5. (1.2.1882)
Date
1882-02-01
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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I — ״Den Glauben Israels abschwören! *Uns diesem unversöhnlichen Feinde aberliefern, der seit achtzehn Jahrhunderten uns beleidigt, uns anspeit, uns ohrfeigt; der. uns aus dem Lande getrieben, uns lebendig verbrannt, uns aus allen ehrenwerthen Unternehmungen ausgestos8en, uns alle 'Thüren verrammelt, uns von allen anständigen Berufsarten ausgeschlossen hat, während er uns nur die niedrigste von allen, den Schaeher und Wucher, zugestand; der uns mit den gröbsten Beschimpfungen aberhäuft, uns wie etwas Unreines aussondert von Allem, was man etwa Brüderlichkeit nennen könnte, ja uns sogar den Genuss* der natürlichen Rechte verweigert!“ Auf die katholische Bemerkung, dass eine Behändlung, welche bereits achtzehnhundert Jahre dauert, als eine wohlverdiente historische Strafe, . betrachtet werden masse, erwidert er mit flammender Begeisterang: ,Ja, tausend Zungen möchte ich haben, es mit allen in die Welt hinauszurufen: Ein Volk, welohes einer achtzehnhundertjährigen Verachtung und Schmähung widerstanden hat, ein Volk, welches nach tausendachthundert Jahren des Hasses, der Verfolgung der Heim&thlosigkeit, der Misshandlung, Beschimpfung und DemUthigung noch unverändert existirt”— ist eines besseren Lohns würdig!“ Dieser selbstbewusste, von der erhabenen welthistorischen Mission seines Stammes durchdrungene und stolze Jude altspanischer AbsEammung, Don Daniel Morton, kommt als Schiffbrüchiger nach einem kleinen spanischen Orte, wo er Gloria kennen lernt und in Liebe für sie entbrennt. Sie wird Mutter eines Knaoen und hiermit beginnt der tragisehe Conflict, hervorgerufen durch die Verschiedenheit der religiösen Bekenntnisse. Soll Gloria's Ehre wieder hergestellt werden, so muss Morton sie zum Weibe nehmen, und um dies möglich zu machen, zum Christenthume übertreten. Ein gewaltiger Sturm, gewaltiger als jener, der das Schiff scheitern machte, das ihn nach Spanien brachte, erschüttert seine Seele, er kämpft zwischen Liebe und Glaubenstreue, sein .Inneres erhebt sich gegen den Abfall vom väterlichen Glauben wie das sturm gepeitschte Schiff auf dem Meere. ,Wäre es möglich“, schreit er in diesem fürchterlichen Seelenkampfe, ,dass in meinem Kopfe der Gedanke Platz griffe, diesen meinen Gott zu verleugnen? — ihn zu verleugnen,, um einen andern Glauben anzunehmen? — und welchen Glauben? .... in dessen Namen wir während achtzehn Jahrhunderten zerstreut, ▼erfolgt, verbrannt und beschimpft worden sind! .... ״Und zu meinem Jehova sollte ich sagen: ״Ich gehöre Dir nicht־ mehr!?“ Wahrlich! Ich bin wie jener Knecht, den sein Herr auszeichnete, indem er ihm sein höchstes Vertrauen schenkte. ״Und siehe, der undankbare Knecht beraubte seinen Herrn, ,floh aiis seinem Hause, ging zum Feinde über und bat um Sold, seinen alten Herrn zu bekriegen.“ «. ־ Das altspanische Maraenenblut regt sich in ihm; er will zum Scheine Christ werden, um die Ehre Gloria's zu retten, sie und den Knaben zu besitzen und dann Spanien verlassen und auf einem toleranteren Boden im Bunde mit seiner Gattin und seinem Sohne den Glauben Israels laut bekennen. Dieses Vorhaben stört die herbeigeeilte Mutter Esther. Sie will nichts von einem Scheinübertritte zum Christenthume hören und weist den Plan von der Bekehrung Gloria’s zum Judenthume eutschieden zurück. ״Täusche Dich doch nicht!“ spricht sie zu ihrem Sohne, ״kein Katholik bekehrt sich zu unserem schlichten Gesetze, das ohne Zauber und halbvergessen für Niemanden einen Reiz hat; ebensowenig aber auch zu Deinem vagen Theismus ohne Cultus und Gottesdienst, der ja an sich grossartig sein mag, jedenfalls aber nur zffr Vernunft spricht, für die Phantasie, das Herz und die Sinne jedoch stujnni ist. Und wenn ich auch zugeben will, dass dieses Mädchen von der glühendsten Liebe für Dich beseelt ist, so verstehe ich doch noch lange nicht, dass eS darum der Religion seiner Väter entsagen sollte, einer so lebendigen Religion, die man sieht, die man hört und die man spricht. Die unsrige und Dein abstracter Theismus sind dem hebräischen Idiome zu vergleichen, einer zwar herrlichen Sprache, die aber Nieraand versteht. .. . Glaube doch nicht, dass Dein einfacher, schmuckloser Gott auf irgend Jemand eine Anziehungskraft ausübe! Das thut er ganz gewiss nicht! Eine Christin denkst Du zu überzeugen, ein Weib, das schon von djer Wiege an in den Gekreuzigten verliebt istf — Eher; möchte ich glauben, dass nächstens die Sonne im Westen aufgeht!“ Morton :und Gloria gehen in diesem tragischen Kampfe unter! Um die j beiden Hauptpersonen gruppiren sich Repräsentanten: des Katholicismus in Spanien, von jener fanatischen ^lerzensh&rte an, welche einen Juden ein Nachtquartier verweigert und einen Bettler veranlasst, ein geschenktes Goldstück zurückzuweisen, weil es von einem Jhden stammt, bis zu jenem liberalen katholischen Geiste, der zwar entsetzt zurückbebt vor dem Gedanken, ein Christ könnte den jüdischen Glauben annehmen, in der Praxis aber milder und menschlicher sich bethätigt. Aus de!| Anlage, Ausführung und Tendenz des ganzen Romines erkennt man das edle Streben des Verfasseis, der spanischen religiösen Intoleranz einen Spiegel vorzjiBalten, der sie selbst mit Schaudern erfüllen muss,' für die Juden und das Judenthum aber mit muthigein Herzen und aufgeklärtem Geiste einzutreten und so mitzuhelfen, dass eine neue Epoche der Toleranz und Aufklärung, der Versöhnung und der confessionellen Eintracht in Spanien beginne, wachse und erstark^. Er that dies nicht in einem gelehrten Werke, sondern in einem Romaney der in die weitesten gebildeten Kreise dringt. ״Gloria“ ist bereits, wie erwähnt, in;dritter Auflage erschienen, hat also zahlreiche Leser j und Leserinnen gefunden, und wird gewiss Tausende von Herzen versöhnlich und friedfertig gegen die Juden stimmen und für die grosse Idee der Menschen Verbrüderung trotz aller coufessionellen Verschiedenheit {gewinnen.

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