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Das jüdische Literaturblatt · 1879-12-17 · No. 51. (17.12.1879) · p. Seite 203

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
8 (1879)
Issue
No. 51. (17.12.1879)
Date
1879-12-17
Page
Seite 203 (sequence 3)
Language
German
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— 303 ־— Literaturber BtetMltin. Wolf, G., Oesterreich und Preussen. (1780—1790) Wien 1880. Hölder. Der Inhalt dieses historischen W erkes gibt demselben im Allgemeinen kein Anrecht auf Besprechung in diesen Spalten. Allein die Persönlichkeit des Haupthelden der darin geschilderten Begebenheiten, des Kaisers Josef II., sowie der Verlauf der letzteren selber geben dem ver dienstvollen Verfasser dieser äusse st interessanten Monographie des öfteren Gelegenh 5it, auch manches Zeitgeschichtliche (Iber die Juden nn's Licht zu ziehen. Der Verf. erzählt auch von den Folgen des Toleranzpatentes. Nach der Publication lesseiben (Linz, 13. Octob 1782) wurde Umfrage gehalten, zu welcher Religion sich die Leute bekennen. 111 Pardubitzer Kreise erklärten mehrere Unterthanen, die lisher als Katholiken gelebt, sie seien Israeliten. Das ( ubernium bemerkte dazu, dass diese Leute nur an Go||t, übrigens aber an kein Religionsgesetz glauben. Ajuf einen diesfälligen Bericht der Hofkanzlei rescribirte per Kaiser: ״Ich beangenehme das Einrathen, und witd der Königgrätzer Bischof mit dem Kreishauptmann sich selbst ad locum verfügen und diese Leute wol zu □plehren haben. Sollten sie dessen ungeachtet auf ihre!Erklärung, dass sie Israeliten sind, verbleiben, so müssen sie auch nach der Vorschrift des Gesetzes Moses behandelt und ihnen die Verbindlichkeit, sich allsogleich mrmlich beschneiden zu lassen, aufgelegt werden, wetphes vielleicht weit schneller ihre Bekehrung, als all5s weitere Zureden bewirken wird. Sind sie aber scn in wirklich beschnitten, so sind sie Juden und können nicht anders als wie diese im Lande behandelt werden, nomit sie auch nicht mehr fähig, Gründe eigentümlich 2 1 besitzen.“ (S. 37.f) Der preussische Gesandte bespöttelte die reformatorische Thätigkeit Josefs. So berichtet llaron Riedesel nach Berlin: ״Wie es heisst, arbeitet (3er Kaiser selbst die projectirten Edicte. Das Töleranzipatent füir die Protestanten und die Freiheit der Juden naben eine so heftige Opposition in den Provinzen, dass man annimmt, sie werden nie publicirt werden.“ (S.|40.) Nun in diesem Punkte hat sich der zünftige Diplrmat getuscht, wie in so vielen anderen. Wohlthuendj stechen von obiger Auslassung die wirklich erleuchteten Aussprüche des österr. Gesandten Reviezny in einem Memoire vom 5. Februar 1781 ab, wo es heisst: ,,Stärker als in den glücklichen Zeiten lässt sich die lichkeit im ganzen civilisirten Eut indem sie den, dem Glücke der Mt der Staaten so sehr schädlichen und Verfolgung unterdrückt, leh^t der Verschiedenheit der Religion , betrachten mU6se, welcher sein! demselben mit Eifer und Treue! Hof hat jedoch einen grösseren E Ijer für das heilsame Stimme der Menschöpa vernehmen, und 1!sehen und der Ruhe Seist der Intoleranz sie, dass man. trotz och Jeden als Bürger rater)and liebt und lient. Kein kathol. ibit grösserem Nach- Hof unter der Re- Princip bewiesen, noch hat er es druck ausgeführt, wie der kaiserlj gierung Sr. Maj. des Kaisers Josplf II. Mehrere'Ver- Ordnungen, die bereits ausgeführl oder angeküüdigt sind, wurden von Seiten des lt! «seren Theiles der Christenheit mit grossemJleifall aufgenommen, weil sie der Gewissensfreiheit Rechnung tragen.“ Herr v. Atembert richtete an den König Friedrich II. einen Brief, worin es heisst: ״II dtait enfin roservd ä l’Empereur de terrasser cette infame (Rom)*. Man tröstet sich hier (in Berlin) mit der Hoffnung, daai der P'anatismus der Katholiken noch genug lebendig s«1i und die Ausführung dieser Gesetze hindern werde.“ [!8. 111.) Die Miss-, gunst beider Höfe gegen einander prst reckte sich demnach auch auf die innere reformatorische Thätigkeit. Nach erfolgtet Kriegserklärung Josefs an die Türkei wurden öffentliche Gebete ausgeschrieben. Der Kaiser genehmigt den Vorschlag der Hofkanzlei, dass an diesen auch die Griechen, Protestanten und Juden Theil nehmen. (163). In dem Heere, welches gegen die Türkei auszog, sollen bereits 3060 Juden mitgefochten haben. (165 ) Jüdische Geldmänner haben an den Höfen in dieser Periode eine wichtige Rolle gespielt. Ein Jude Barach, Banquier des Kurfürsten von Cöln, unterstützt 1780 die Wahl des Erzherzogs Maximilian zum Coadjutor durch Rimessen für die Tasche des Ministers. (S. 17.) Ein Jude Isaak vermittelt dem preuss. Kronprinzen Friedrich Wilhelm ein Darlehen beim österr. Hofe. (16) Bekann־ ter sind die Negotiationen der Banquiers Itzig in Rerlin und seines Schwiegersohnes Arnsteiner in Wien. Arnsteiner hatte 1788 mit Itzig ein Anlehen von 6—8 Millionen Gulden für die österr. Regierung abgeschlossen, doch Hess er das Geschäft fallen, weil die preuss. Regierung dagegen war. (S. 171.) König Friedrich Wilhelm’s II. zwei legitime Prinzen wurden, wie berichtet wird, in din Naturwissenschaften van einem Jaden unterrichtet, per Verf. vermuthet, es sei dies Hofrath und Professor! Markus Hera (gest 19. Januar 1803) gewesen. (S. 184.) Dem Beispiele Josefs folgend, suchte dieser König die Juden aus ihrer gedrückten Stellung zu erheben (135.) 1 Wir können von diesem hochinteressanten Werke, das ein Decennium der österr. und preuss. Geschichte beleuchtet, welches, obwohl vielfach schon behandelt, jetzt erst seine intimere Darstellung und Beleuchtung durch die eingehendste Benützung archivalischer Quellen erfahren, nicht scheiden, ohne unserer Genügthuang darüber Ausdruck zu geben, dass ׳es dem Vf.-, gestattet war, die geheimea Hof- und Staatsarcinve in Wien, Berlin und Dresden zu durchforschen und die allervertraulichsten diplomatischen Aktenstücke an’s Licht za ziehen, was wir um so höher anschlagen dürfen,, als Herr Wolf, bei1 aller Objectivität seine freisinnige Anschauung, ganz besonders aber sein Interesse für. Juden und Judenthum in allen seihen Publieationen frei zur Schau trägt. ־ .״ Roth, Aron, Bezirksxabb. Eine׳ Studie über den Selbstmord von jüdischem Standpunkte. Selbstverlag, Siklos 1819. 110 S. 8°, 1 Dass der Jude, der die Erbtugenden seines Stammes zu ehren und gebührend zu würdigen vermag, nicht ohne Wehmuth in eine Studie Uber den Selbstmord von jüdischem Standpunkt sich vertieft, braucht nicht erst weitläufig begründet zu werden. Durfte ja die längste Zeit Juda stolz sich rühmen, ein Selbstmord uhter seinen Kindern sei nach Massgabe des tief in ihnen wurzelnden religiösen und Sittlichen Bewusstseins fast etwas Undenkbares, es müsste denn gerade sich um קדוש השם handeln. Die letzten Jahre haben, wie . bekannt, un8 auch diesen Ruhm streilig gemacht. Der Wiener Correspondent eines hebr. Blattes musste bezeichnend genug seit den Jahren des Krach’s^ wenn er jüd. Verhältnisse in Wien beleuchten wollte, über Werke jüd Wohlthätigkeit und über die Zahl, das Ende und den Jammer — jüd. Selbstmörder und ihrer Angehörigen unausgesetzt berichten. Eine Studie über den Selbstmord nach jüd. Auffassung ist daher leider zeitgemäss und es verdient wahre Anerkennung, dass der gelehrte Verf. sein trauriges Thema vielseitig und gründlich za behandeln weiss; Er beherrscht offenbar sein weitschichtiges Material und bekundet im Allgemeinen wie im Einzelnen nicht nur eine vollkommene Vertrautheit mit dem bei dieser Frage in Betracht kommenden tälmnduchen und rabbini8chen Schriltlhame, sondern aach eine recht er-

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