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Das jüdische Literaturblatt · 1879-12-10 · No. 50. (10.12.1879) · p. Seite 199

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
8 (1879)
Issue
No. 50. (10.12.1879)
Date
1879-12-10
Page
Seite 199 (sequence 3)
Language
German
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ruft.* Ich kann dein geehrten Herrh Rdcensenten versichern, dass seine Einwendungen geg!!n einzelne Punkte mir fast ebenso lieb sind, wie seine Lobeserhebungen für meine Arbeiten itn Allgemeinen!Wh sind ja beide nur die unterthänigsten Diener der ^ah •heit; wir sind ja beide einfache Soldaten, die füp d e gute Sache kämpfen, sich gegenseitig mit Rath Und That beistahen, sich gegenseitig belehren und ergänzen m(ls6en. Kein Mensch ist unfehlbar; wir sind alle!den Irrthum ausgesetzt. Wohl dem, der seinen Fehler anerkennt und ein Herz hat, für Zurechtweisungen (einige Dankbarkeit zu fühlen. Nur möge mir der geehrte ]Herr Recensent erlauben, seine Einwendungen mit ihm| zusammen zu untersuchen. ' Die erste Einwendung betrifft das jus talionis, Auge um Auge u. 8. w. Hier will ich nur drQi Punkte berühren: a) ״Die Talmudisten, sagt der! geehrte Herr Recensent, machen nirgends den!Anspruch auf die Autorschaft einer Abschaffung des biblischen Gesetzes über Realinjurien.“ Darin hat er ganz recht. Nicht nur die Lehrer!des Talmud haben Nichts abgeschafft, sondern sie haben auch Nichts geschaffen, mit Ausnahme der Gesetze, die Thekanoth genajnnt werden, deren , Name deutlich anzeigt, dass sie ihrf: Entstehung irgend einer berühmten Persönlichkeit odeif dem Synhedrin zu verdanken haben. Es ist hier nicht! der Ort, um nachzuweisen, dass die ״G e serot 11“ genannten Gesetze meistentheiis, zumal nicht alle, ihre Entstehung der Tradition, und nicht gewissen Persönlichkeiten! zu verdanken haben, nicht einmal dem Lehrer, der gesagt hat: ״Dieses oder jenes soll verboten sein alsGesej-ah, dass man nicht einen Schritt weiter thue und. so pie zur Verletzung eines mosaischen Gesetzes kommen sollte.‘' Dieser Weise hat nichts weiter gethan, als! seine individuelle Ansicht ausgesprochen über Ulen Ursprung eines Gebrauches, der schon längst z0t_Ze5t seiner Vorfahren vom Volke beobachtet wurde Y Wenn die Weisen die Urheber der talmudischen Gesetze wären, wer würde so blödsinnig sein, diese mit denen eines Moses zu vergleichen? Wer schenkt nicht den vollsten Glauben den biblischen Worten ולא קם נביא עור כ&שה? Ich könnte hinzpfüden, dass das jadische Volk, zerstreut in allen Ländern der damals bekannten Welt, keineswegs neue Gesetze von irgend einem Rabbi angenommen, der keine flacht ausserhalb seiner Gemeinde und seines Vaterlanjdes ausüben konnte, und nur den Einfluss gehabt, den ]hm das Volk selbst zugestehen wollte. Was aber einzelne Menschen nicht thun sollen und können, das that <]ie allmächtige Zeit nach dem ewigen Rathschiusse des Allmächtigen, der da will, dass die Menschheit immer Fortschritte machen, niemals still stehen und immer schaffen und abschaffen soll Denn was unbeweglich ist, ist] tod, und was leben 6011, muss sich in rastloser Thätiggeit befinden. Der Fortschritt der Jahrhunderte hat ifl der That sehr viel geschaffen und abgeschafft, oder, j um mit Herrn Recensenten zu sprechen, das alte Gesetz stark modificirt. Die Zeit, und kein Rabbi, hat denj mosaischen Brauch der עגלה ערופה abgeschafft (8 בסלה עגלה; ערופה Traktat Sotah fol.,47). Die Zeit, und kein Rabbi, hat das Gesetz von סוטה abgeschafft (ibide n). Die Ausdrücke משרבו הרצחנין * ♦ המנאפים sind gewiss nicht historisch aufzufassen. Die Zeit, und kein Rabbi, hat die Gesetze vom בן סורר ומורה und die von der עיר הנדחת abgeschafft. Niemals,׳ sagt ein Rubbi, sind diese Geä setze ausgeübt worden. ״Ist es dem möglich,“ sagt derselbe, ״dass ein Vater seinen eigenen Sohn steinigen lässt, weil dieser etwas zu viel Fljisph gegessen oder zu starken Wein (יין האיטלקית) gearujnken hätte?“ Der Fortschritt derZeit hat J ihfhunderte lang vor der Zerstörung des zweiten Tempels einen neuen Cultus^ eingeführt (die תפלות ׳טחרית וערבית), der bald den* mosaischen ganz vertreten sollte. Ich musste diesen Artikel sehr lang ausdebnen, wenn ich alles das aufzählen wollte, was der Fortschritt der Zeit geschaffen und abgeschafft hat, oder — um mit Herrn Rabbiner Kroner zu reden — stark modificirt hat, aber wirklich sehr stark. י: Die jGirösse der rabbinischen Gesetze besteht eben darin, dass sie nicht einzelnen Personen ihre Entstehung zu verdanken haben, sondern zwei Momente haben bei ihrer Bildung und Gestaltung mitgewirkt Einzelne Individuen, wenn sie auch die berühmtesten Weisen ihrer Zeit gewesen wären, könnten nicht Gesetze für tausende von Jahren schaffen; wir hätten nicht einmal die Gewissheit, dass sie für ihre eigene Zeit immer das Beste verordne! haben würden. Y- Das erste Moment unserer rabbinischen Gesetze war die Tradi ti 0n der Jahrhunderte, d. h. das Volk selbst hat sie geschaffen, entwickelt und modificirt nach dem Geiste der Zeit. Dies giebt uns die Sicherheit, dass Bie immer so waren, wie sie sein sollten. So wollte es Gott selbst, dass unsere Vorfahren auf der Grundlage der biblischen Prinzipien sich immer nach dem Geiste der Zeit entwickeln und ihre Gesetze und Gebräuche demgemäss modificiren; vox populi vox Dei. Aber wenn auch das Volk instinktmässig besser seinen Weg findet, als ein einzelner Mensch, der durch seinen Verstand ihn ausfindig machen will, so hat־ doch das populäre Thtjm und Lassen eine angeborene Schwäche. Das Gefühl gehorcht den Gesetzen der Natur, es hat eine ungeheure Kraft, aber es ist sich nicht seines Wege« klar bewusst, und seine Aeusserungen haben immer etwas Unsicheres und Unbestimmtes; der eine drückt dieses Gefühl nach seiner Weise aus, der andere thut es auf eine andere Weise Die Verschiedenheiten ia der Art und Weise das allgemeine Gefühl auszudrücken, kann dann Verschiedenheiten in dem Gefühle selbst hervorbringen; das allgemeine Band wird gelockert, die Einheit kann geschwächt werden und endlich verschwinden. Da kam nun das zweite Moment, die Weisen des Talmud, welche die ganze Tradition systematisch geordnet, jedes Gesetz definirt, jedem Gebrauch bestimmte Formen gegeben, gesetzliche Formen, die jeder Jude beobachten sollte, dte Keiner modifiziren, noch nach Belieben ändern durfte, und die in gleicher Weise von Jedem ausgeübt, einem Jeden verständlich und einem Jeden das Gefühl erinnert, das Alle in gleicher Art befriedigen wollen. Wenn also unsere Weisen sich nur darauf beschränkt haben, die traditionellen Gesetze und Gebräuche festzusetzen, njiit einander in Harmonie zu bringen und so die ganze Tradition in ein wissenschaftliches Sys em umzuwandeln, so kann man nicht sagen, dass der Talmud etwas geschaffen oder abgeschafft hat; die ־Zeit allein konnte es thun, aber] nicht ein einzelner Mann. ' | (Schluss folgt.) ’ ■; " '־ -:-f-- v Literatur bericht 1 Keeessisaca. I Ring, Max, Das Haus Hillel. Historischer Roman luä dem ersten Jahrhundert. 3 Bände. Berlin 1878.' O. Janke. Vor mir liegt aufgeschlagen ein Buch, über dem ich io stilles 8inuen gerat he, bald hochgeschwellte Be* » geisterung, bald abwärts ziehende Wehmuth empfinde.:

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