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Das jüdische Literaturblatt · 1879-12-10 · No. 50. (10.12.1879) · p. Seite 200

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
8 (1879)
Issue
No. 50. (10.12.1879)
Date
1879-12-10
Page
Seite 200 (sequence 4)
Language
German
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"Wohlbekannte Gestalten steigen vor mir aus ihrer mehr• tausendjährigen Gruft herauf, es sind Juda’s im Todes• kämpfe mit den Römern verklärt erscheinende Helden, die Streiter mit dem Schwerte, die zu dem Waffenruhme den Glanz geistiger Hoheit gefügt, stille Gelehrte, die in der Stunde' der allgemeinen Gefahr, sich und ihr Studium vergessend und nur noch ein Ziel, die Rettung des bedrängten Vaterlandes kennend, alle Tugenden eines glühenden Patriotismus entwickelten. Da steht sie durch die Kunst des Dichters vor mein geistiges Auge hingezaubert, ״die ewige Stadt“ Jerusalem, mit ihren sagen bekränzten Hügeln, mit den vom 8trahlenkränz der Gottheit umgebenen Tempelzinnen, mit ihrem auf Märkten und Strassen einst so bunt bewegten Volksleben, mit den stürmischen Volksversammlungen, den Vorboten des nahenden Sinkens ihrer politischen Grösse, und wie im Hintergründe der blutigen Katastrophe sehe ich fast still zwei Weltanschauungen, die neueotstandene des Christenthums, wie die in friedlichen Lehrhäusern sich verjüngende des Judentbums sich erheben, um die Menschheit auf verschiedenen Wegen zu dem einen Ziele, dem ächter Bildung und Gesittung zu führen. Und das Buch, das solche Wirkung auf mich ausgeübt? Es ist ein zuerst in der ״Deutschen Roman• Zeitung“ von diesem Jahre unter dem Titel: ״Das Haus Hillel* veröffentlichter Roman, eine den ächten Dichter ▼errathende Erscheinung unserer Romanliteratun, die der bei dem deutschen Lesepublicum von älteren Erscheinungen her wohl bekannte Max Ring vor Kur• zem auf den deutschen Büchermarkt hinausgesandt hat. Der Dichter hat darin die sonst gesondert erscheinenden Volksgruppen des damaligen Jerusalems, wie die in dem Drama jener Tage besonders hervortretenden Einzel• Persönlichkeiten in innere Berührung gebracht. In dem Rahmen, der das Ganze umschliesst, erscheint als die Hauptfigur, der möglichst viel Licht vom Dichter za-‘ getheilt worden, Rüben ben Schebna, einer der baby- Ionischen Juden, der der babylonischen Seitenlinie des Hau9es Hillel entstammt ist Von Wissbegierde getrieben, ist er in das Haus seines hochverehrten Verwandten, des Nassi Simon ben Gamliel, nach Jerusalem gekommen, um sich unter der Leitung dieses gefeierten Lehrers seiner Zeit dem Studium des Gesetzes zu widmen. Seine Liebe zu Mirjam, der holden Tochter des Nassi, inmitten der politischen Stürme ist wie das Abendglühen der scheidenden Sonne. Jerusalem ist hart bedrängt, das Volk in sich zerrissen, der übermächtige Feind, Rom'8 unüberwindliche Legionen im Anzuge, die heilige Stadt mit Untergang bedrohend, und dennoch werden noch Herzen in ihren Mauern von der Gluth der Liebe erfasst, spielt sich daselbst ein Roman ab, der nns das Glück der Liebe, die Befriedigung des Mensehen trotz einer ranhen Aussen weit, wie dessen Förderung zu idealem Streben und Ringen bei ihr zeigt. Raben ist kein gewöhnlicher Romanheld, und Mirjam hat mehr als ein für leichten Liebesscherz und leere Tändeleien empfängliches Mädchenherz; in ihrem Busen bewahrt sie all die Hochgefühle, all die flammende!Begeisterung für Religion und Nationalität ihres Volkes, bewahrt sie eine innige Theilnahme an den Geschicken dieses Volkes, wie sie allein würdig ist, eine Tochter . aus Hülelitischem und Davidischem Hause. Der Dichter lässt die Beziehungen der Beiden zu einander, ihre Liebe, die Verschmelzung ihrer Seelen vor unseren Blicken von den leisesten Anfängen bis zur Reife des finpfindens, bis zu dem Punkte wachsen, wo die Liebe ■ich innig durchdringt mit anderen Hochgefühlen, um mit. ihnen zusammen den Menschen zum ganzen Menschen za machen. Diese Reife, die die beiden Liebenden erlangt haben, ist für sie die Fracht mankSSSbot , nigfach wechselnder Geschicke, die uns der Dichter ia wunderbaren Verkettungen und Verschlingungen vorgeführt. Immer aufs Neue wird der Leser von überraschenden Uebergängen der Erzählung gefesselt. Dabei besitzt Verf. die Kunst, durch anziehende Seelenraalerei, durch eine anschauliche Darstellung, innere Situationen, seiner Erzählung noch ein hohes psychologisches In• teresse zu geben. Wir gewinnen die Hauptfactoren des Romans, Rüben und Mirjam, erst recht lieb, indem der Dichter die innersten Fäden ihres mehr und mehr zu einem idealen Höhepunkt sich entwickelnden Denkens und Empfindens vor unseren inneren Augen bloslegt, indem er uns zwipgt, mit unserem eigenen Denken und Empfinden an den Geisteskämpfen, den Seelenwand!ungen seiner Helden Antheil zu nehmen. Wie sorgfältig bis in alle Einzelheiten durchgearbeitet, und zugleich historisch wahr ist nicht auch, um hier nur einiger der hervorragenden Nebenpersonen zu gedenken, da9 Charakterbild, das der Dichter von Berenice, der Schwester des Königs Agrippa, und dem noch bekannteren Ge- Schichtsschreiber der Juden, Flavius Josephus, entworfen. Als Einrahmung der durch den Roman gehenden Handlung haben dem Verf. zahlreiche topographische wie ethnographische Schilderungen gedient, die er mit historischer Treue und gründlicher Sachkenntniss ausgeführt. Bald sehen wir uns mit dem anschaulich beschreibenden Dichter in die Tempelräume Jerusalems und mitten in das damalige Treiben der Parteien, denen diese Tempelräume 80 oft als Schauplatz haben dienen müssen, -bald in eine entzückende Gebirgslandschaft von Galiläa, bald wieder in das Amphitheater zu Rom, den blutigen Schauplatz der Gladiatoren und Thierkämpfe, und das dabei sich entwickelnde römische Volksleben versetzt. Ueberall ist farbenreiche, durchsichtige Beschreibung, nur erscheinen die Bilder für einen Roman gar z u weit ausgesponnen. Darf zum Schlüsse noch von einer mit den grossen weltgeschichtlichen Fragen seiner Zeit im Zusammenhänge stehenden Tendenz des Buches die Rede sein, so sei hier nur kurz auf das Bestreben des Verf. hingewiesen, Judenthum und Christenthum, diese beiden das Heidenthum von ihrem ersten Auftreten an mehr und mehr überwindende Weltanschaungen, daneben aber auch die damals so verbreitete Lehre der Stoa in ihren Vertretern in nähere Verbindung, diese Weltanschauungen selber durch Zusammenfassung der wesentlichen Momente, die ihnen gemeinsam sind, zu innerer Versöhnung zu bringen. Möge dem Vf. auch der wohlverdiente Lohn durch die weiteste Verbreitung seiner Dichtung zu Theil werden, was um 80 mehr zu wünschen und zu lipffen ist*), als Erzeugnisse dieser Art, die sich auf dem Boden jüdischer Geschichte, jüdischen Lebens bewegt, in unserer belletristischen Literatur nicht sehr zahlreich angetroffen werden. Dr. L. Tr eitel. Nachtrag luder ״talm. IVamensformel“ in Nr. 47. Zu dem Citat aus Jebamoth 24 wäre noch nachzutragen: Sifre (Piska 289) hat die Leseart יוסי• Darüber, dass ,יום identisch mit יוסף sei, jenes in Palästina, dieses in Babylonien gebräuchlich, ist Frankel, Mebo Hajeraschalmi S. 103 zu vergleichen. Sidon. (Wir haben zu der sehr plausiblen Erklärung des gesch. Collegen nur noch eine Vermuthung hinzuzufügen: Woher kommt'8, dass man gerade יוסף בן שמעון als Namensformel für ״N. N.“ genommen l}at? Vielleichtim Hinblick auf Genes. 42,3«:יוסף איננו ושמעון איננו? Red.) *) Doch dürften bei einer ■weiten Auflage manche dem jüd.- religiösen heben nicht entsprechende Schilderungen, wie das Tefillin-Legen am Jomkippur u, drgl auaxn>|cheidep »den. fHed.) mkippnr n. drgl aucnu^heidep ■den. fHed.) Barbj. Verlag von Robert Frist« TTKCST Dr. äafcmer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in

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