Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 8 (1879)
- Issue
- No. 49. (3.12.1879)
- Date
- 1879-12-03
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 194 — ״ Liebe darstellen. Gervinus hält den Shylok für einen ״Auswurf der Menschheit“, er findet ihn ,,kleinlich besorgt, vorsichtig umschauend, systematisch ruhig, innerlieh immer abspringend beschäftigt, wie der ächte Sohn seines Geschlechts, kein kleinstes Mittet, keinen kleinsten Zweck verschmähend, klügelnd auf den Pfennigerwerb“ Diese ״Verhärtung und Versteinerung spielt —nach Gervinus — in ihm fort, bis er auf der Spitze seiner Bosheit in die Grube fällt, die er gegraben hat, und dann nach den Begriffen des Zeitalters in den Handlungen Antonio's und des Herzog’s erfährt, wie Gnade in christlicher Gesinnung andere Thaten wirkt, als der unbarmherzige Götze der Welt, der ihm allein seine Gesetze schrieb.“ Kein Wunder, wenn in solcher Voreingenommenheit Gervinus es tadelt, dass ״in dieser Zeit der Verwilderung von Kunst und Sitte die Gemeinheit und Verrücktheit so weit gehen konnte, aus diesem Auswurf der Menschheit auf der Bühne einen Märtyrer zu machen.“ (Das hat bekanntlich Dawison in genialer Weise gethan). Shakespeare habe — meint Gervinus — den Shylok wohl, . am ihn nicht ganz unter unser Interesse herabsinken ' zu lassen, die Empfindung 6einer Parialage gegeben, von Emancipatioa der Juden aber habe er nichts gewusst, am Allerwenigsten von der dieses Juden, den Burbadge zu Shakespeare’s Zeit abschreckend, langnasig, rothharig gegeben und dessen innere Hässlichkeit weniger von Religjonsbigotterie, als von dem schrecklichsten Fanatismus, des Geizes und Wuchers, bestimmt sei. R ü m e 1 i n, in seinen Shakespearestudien (1874), sagt weit treffender: dem Shylok liege die Juden Verachtung der älteren Zeiten zu Grunde. _Der berühmte Rechtslehrer 1 bering führt in seinem ״Kampf um’s Recht“ aus, dass Shyloks Schein an sich nichtig, weil unsit£ lieh war. Wenn er aber für gültig erklärt wurde, dann war der Richterspruch der Porzia ein ״elender Winkelzug.“ Nach dem römischen Zwölftafelgesetz durfte ein Gläubigerseinen zahlungsunfähigen Schuldner ״in partes secare“, in Stücke theilen, ohne dass ein Mehr oder Minder im Schnitt ihm nachtheilig war: si plus minusve secerit, sine fraude esto. Wie schön fuhrt nun Ihering weiter aus: Die gewaltige Tragik liege darin, dass Shylok, ein Jude des Mittelalters, den Glauben an das Recht hat, man möchte sagen, dass er sich für ,ebenso gut hält, als ein Christ, und dass dann die Katastrophe über ihn hereinbricht und ihn belehrt, dass er nichts ist, als der Jude des Mittelalters, dem man sein Recht giebt, wenn man ihn darum — betrügt. Rümelin fügt hinzu; ״Diejenigen, die Shakespeare zu einem christlichen Dichter stempeln, möchten sich den Bekehrungszwang 8hyloks doch ad notain nehmen Denn wem der Glaube der Kirche eine wirkliche Herzenss&che ist, wird so etwas au^h nicht einmal beiläufig aus der Feder fliessen. Nur der unphilosophische, ja antiphiloeophische Geist von Gervinus habe das fertig gebracht.“ Ich füge hinzu: Shakespeare hat die mörderische Wette und den schlauen Richterspruch des Papstes ■ meisterhaft mit zwei alten Erzählungen verknüpft: von den drei Kästchen und von einer ähnlichen Fleischwette, die sich, jene in den Gesta Romanoruin cpt. 48, diese in der Novellensammlung des Giovani: II Peeorone _ vom -Jahre 1378, gedruckt 1554 (4. Tag 1) (abgedruckt in Prölss, Kaufmann von Venedig)j findet. Hier ist allerdings ein Jude der Fleischfordernde. Ein sterbender Vater in Florenz empfahl seinen enterbten Sohn Giennoto seinem Pethen Messer Ansaldo in Venedig. Jf<r wird von diesem, einem reichen Manne, t.n Kindes- Statt angenommen, reist mit dessen Schätzen nach ' ”^Alexandrien, wird unterwegs von einer 8yrene, der 8ehönen von Belmonte, gefesselt und mittelst Schlaftrunks auf eine hier nicht wiederzugebende Weise seiner Schätze | beraubt. Trotzdem zieht es ihm mit gleichem Misserfolge zu ihr. Auch zum dritten Male reist er nach Belmonte mit Schätzen, die sein Pflegevater nur durch Darlehnaufnahme (Erborgung von 10,000 Scudi) bei einem Juden ihm verschaffen konnte. Der Jude hat,'sich für den Nichtzahlungsfall ein Pfund Fleisch des Messer Ansaldo bedungen. Giannoto ist diesmal. glücklicher, weil er vor dem Schlaftrunk gewarnt wird. Kr heiratliet die Circe von Belmonte und vergisst in sei 11 er Freude des Pflegevaters, dem nun der Jude den Process macht. Kndlicli am Johannistage denkt Giannoto daran, erzählt den Vorgang seiner Frau und reist nach Venedig. Heimlich macht׳ auch diese dahin sich auf, und spielt, als Richter verkleidet, ganz so den weisen Daniel, wie in der Geschichte Sixtus., bei Shakespeare Porzia. Ja auch die Mystification mit dem Ringe, den sie von Giannoto als Lohn für das Unheil fordert, steht schon in.dieser Novelle. Auch giebt es ein Von Eschenburg übersetztes englisches Lied von Percy, von der Grausamkeit Gernuti, eines Juden, der einem Kaufmann 100 Kronen lieh und ein Pfund von seinem Fleische begehrte, weil er ihn zur gesetzten Zeit nichtj bezahlen konnte. (Abgedruckt *bei Prölss a. a. O.) Hier ist offenbar der Christ Giannoto in den Juden Gernutus verwandelt. Ferner erwähnt Grison in seiner ״Schule des Missbrauche“ 1579 ein Stück ״Der Jude“, dass ״die Habsucht weltlicher Freier und die Blutgier der Wucherer“ darstelle (Gervinus, Shakespeare II. 53) Endlich erzählt Schudt (a. a. 0.) nach Zwinger, Bd. 7 Theatrum vitae humanae 4. 1913 und Martin Delrio L. 4 Disquis Magic. Braeamb. p. in. 251 von einem Juden in Constantinopel, der einem armen Christen Geld gegen 4 Loth Fleisch von seinem Leibe geliehen, und von Sultan Soliman’s ähnlichem Richterspruch, Diese Erzählung trägt schon darin, dass sie die drei Religionen hereinzie'ht (den Juden als Gläubiger, den Christen als Schuldner und den Türken als Riehter), sowie in dem Mangel sonstiger geschichtlicher Unterlagen, das Gepräge der Erfindung an sich. Es gab drei Sultane׳ Soliman; der erste starb 1410, der zweite (berühmteste) 1566, der dritte 1091. Das Novellenbuch II Peeorone, wie das Lied vom Juden G*vnutus sind ebenfalls dichterische Erzeugnisse, wie d! ,in in den mittelalterlichen Novellensammlungen: den Gista Romanorum, den Cente novelle antiche, dem Aveilturoso Ciciliano von Busone, dem Decainerone des ßoeaccio etc der Jude sehr häufig — geradeso wie in der ino• dernen Novelle und Posse — zur drastischen oder humoristischen Ausschmückung nenutzt wird. Dagegen macht die Erzählung vom Urtheilsspruch des Papstes Sixtus V. den überzeugenden Eindruck der geschicktliehen Wahrheit, da sie auf historisch beglaubten Vorgängen — der Eroberung von St. Dominico durch Franz Drake, der energisch eingreifenden Persönlichkeit des Papstes Sixtus V., seiner ßautliätigkeit, der Darstellung in einer fast gleichzeitig erschienenen Biographie des Papstes Sixtus — beruht. Und dieser Vorgang war ein Zeitcrlebniss für Shakespeare! Es ereignete sich acht Jahre vor der ersten Aufführung des Kaufmann von Venedig. Unsere Verehrung für den Dic 11 ter Shakespeare wird dadurch in Nichts gemindert, dass er nach den ältesten Novellen and den judenfeindlichen Uaberlieferungen die teuflische Wette — die in der That ein Christ mit einem Jaden einging — umkehrte. Wissen wir doch, dass der geniale Dichter auch in seineu herrlichsten Drama, dem gleichfalls in Venedig spielenden Othello, einer Abneigung, die mit der heutzutage wieder aufgefrischten Antipathie gegen die sogenannten 8״emiten“ vollkommen gleichläuft: der gegen die schwarze Farbe, ein Opfer brachte, obschon