Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 8 (1879)
- Issue
- No. 49. (3.12.1879)
- Date
- 1879-12-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/5367336-6488236-8755777--1421-4854801- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 49. Das Jüdische Literaturblatt Zar Beleuchtung aller Joden• thnm and Jaden betreffenden literarisch. Erscheinungen anf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnegraphle,The• ologie,Orientalin Exegese, Ho• miletllc, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben Rabbiner Dr. Moritz Rahm er. Mngdehurjf, 3. December 1879. Bfieher der einaahligtgea Eli• teratar, welche der Redactien lageteadf werden, indem ln diesem Blatte eingeh.Beepreeh• ang. Bei Einsendung ▼on awel Recenaioniexemplaren erfolgt anch Erwähn. L d.Wochemschr.!3= Das ״Jüillnrhe I.lterat ai ,bliu“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen BuchhzndtangM (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahr{ anjg: 8 Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift• (die vierteljährlich bei allen Pastanstalten nnd Buchhandlungen 3 Hk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt• gratis..— Inserate werden mit 20 PC für die dreig•- spaltene Petitzeile, buchhändlerische Beilagen mit 15 Hark berechnet. Die Expedition der ,.Israelitisches Wochenschrift.“ Inhaiti Wissenschaftliche Aufsätze: Shylcjk. Von Emil Lehmann in Dresden. — Unterliegen die aus,Palästina bezogenen Ethrogim der Zehnten und Hebegabenpdikht? Eine halachische* Abliandlung von einem Unparlheiischen. * Li te ra t u 1• b eri eht: Recensionen : 4elitp1ch, Franz, Herz und: Hirn, eine Abhandlung. — ה{£זלם fpiPIT Talmudischesi Rabbiuisches Lexicon von Dr. Kohiit ih Fünfkirchen. Literarische Anzeigen. i j Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. j Shylok. Von Emil Lehmann ii Dresden.*) Der Lichtgestalt des ״Nathan“ | wird als Schreckbild vielseitig, zumal heutzutage, ״Shylok“ gegenübergestellt Mit welchem Rechte -4־ aas mögen folgende Darlegungen bekunden. Der echte, geschichtliche Shjyloik war kein Jude, sondern ein Christ, Namens Pat^lo! Maria Secchi, ein reicher Kaufmann aus Rom. Er hatte die briefliche Nachricht erhalten, dass der englische Admiral Franz Drake die Stadt San Dominico auf der Insel Hispaniola erobert und dort reiche Beute gemacht habe. Er th eilte dies dem Juden Simson Ceneda mit. Dieser hielt die Nachricht für unwahr, bestritt sie [und sagte schliesslich: ״Ich will ein Pfund Fleisch van meinem Leibe verwetten, dass dies nicht wahr ist.“ Secchi erwiderte: ״Und ich will gegen Euer Pfund Fl 3isch tausend Scudi setzen, dass solches wahr ist.“ Cene la blieb bei seinem Einsatz und hot Secchi die Hand! mit den Worten: ,Wenn es dem Hjerrn gefallt, wollen wir eine Schrift darüber aufrichten “ Secchi wair damit einverstanden und so unterschrieben beide in Gegenwart zweier Zeugen einen Schein des Inhalts: Wenn die Zeitung falsch sein würde, dass Drago (Drake) j zui der und der Zeit die Stadt San Dominico auf der I^sel Hispaniolo eingenommen, sollte der Herr Paulus!Maria Secchi verhunden sein, dem Juden Simsoi )Ceneda 1000 Scudi an baarem Gel de und guter Mlnz|3 auszuzahlen. Im Gegentheil* wenn diese Zeitung wihf• sein würde, sollte der gedachte Secchi Macht haben, \ mit seinem wohlgeschärften Messer diesem jetzt! genannten Juden ein Pfund Fleisch von seinem Leihe hfers uszuschneiden, und zwar an welchem Orte es ihm dm Besten gefallen würde. Vor Ablauf von drei Monaten traf die amtliehe Bestätigung ein, dass die Stadt erobert und geplündert worden. Secchi ״bestand auf seinen Schein“ und verlangte dessen Erfüllung an Binem Körpertheile des Juden, den' der Anstand, oder wie der Ursprungliehe Erzähler sagt: die Bescheidenheit, zu nennen verbietet. Der bekümmerte Jude bot 1000 Scudi, Secchi *wollte von keiner anderen Genugtbuung hören, als der verschriebenen. Der Jude erbat die Vermittlung des Gouverneurs. Dieser berichtete die Sache dem Papst Sixtus V. (der von 1585 bis 1590 herrschte). Der liess beide Parteien vor sich kommen, las den Schein und sagte zu Secchi : ״Wer sich in •Wetten einlässt, muss sie erfüllen. Nehmt Euer Messer nnd schneidet in unserer Gegenwart aus dem Leibe des Juden, an welehern Orte es Euch gefällt, ein Pfund Fleisch heraus. Doch wenn Ihr nur ein einziges Quentlein zu viel oder zu wenig schneidet, müsst Ihr ohne Barmherzigkeit hängen. So schärfe man das Messer und bringe eine richiige Waage herbei.“ Bei Anhörung dieses Urtheils zitterte Secchi, er küsste thränenden Auges die Erde zu des Papstes"Füssen und sagte: ״Ich bin zufrieden, heiliger Vater, und verlange weiter nicht? als Ihren Segen und dass man den Schein zerreisse.“ Darauf fragte Sixtus den Juden: ״Bist auch Da zufrieden7® Der Jude bejahte es. Allein Sixtus erwiderte: ״Wir *) Aas der ״Dreed. Zeit.“ sind nicht zufrieden. Welch ein Gesetz erlaubte Euch solche Wetten? Die ünterthanen der Fürsten, richtiger alle Menschen, haben nur den Gebrauch ihres Leibes, : sie dürfen ihn weder ganz noch theilweise ohne ^£rlaubniss ihres Oberherrn verkaufen.“ — Man führte Beide iu’s Gefängniss; Sixtu9 verlangte vom Gouverneur schärfete Bestrafung Beider, damit so ärgerliche Wetten unterbleiben Der Gouverneur schlug dem Papste vor, jeden• um 1000 Scudi zu bestrafen. Allein der Papst verurtheilte beide zum Galgen, weil sie muthwillige1 Todtschläger seien. Auf Ansuchen der angesehenen Verwandten beider Parteien milderte er die Todesin Galeerenstrafe, und erst als sie schon die Ketten an den Füssen hatten, verwandelte er diese Strafe in eine solche von 2000 Scudi für Jeden, die zum Bau de(_ Hospitals di ponto sisto verwendet wurden. (Gregorio Leti, Leben SixtyV. P. II. L. XI S. 3 (deutsche Ausgäbe) 44 ff. Sbhudt, jüd Denkwürdigkeiten II. S. 191). Franz Drake hat Dominico 1586 erobert. Der Kaufmapn von Venedig ist nach Henslome’s Tagebuch (als ״Venetianische Comödie“) 1594 zum ersten Male ge- , geben worden, 1600 zum ersten Mal in Druck erschienen. (Gervinu^, Shakespeare II. 50, Elze, Shakespeare 386,) Hiermit ist' auf das Schlagendste dargethan, dass Shakespeare ein IZeitereigniss — freilich in Umgestaltung der Thaitsachen — benutzte, indem er den. Christen Secchi zu einem Juden Shylok, de ב Juden[ Simson Ceneda zu einem Christen Antonio, den ״weisen Daniel“ Papst Siktus in die schöne Porzia verwandelte. Wie hin'fälUlg ist somit die Folgerung Gervinus* (Shakespeare, 11/76 ff.) und Anderer geworden, welche den Shylok als die Personification des jüdischen Fanaand Porzia als die der christlichen tismus, Antonio