Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 8 (1879)
- Issue
- No. 37. (10.9.1879)
- Date
- 1879-09-10
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sl&tte auf, in welcher unter Zusammenschweissung der jad. Religion jund der griechischen Philosophie das Christenthum geschaffen wurde! Man kann auch nicht behaupten, dass das Christenthum eine geistigere Religion sei, als das Judenthum. Schon die Perser erklärten Jeden, der von Gott sich ein Bildniss mache und dieses anbete, fUr einen Narren, und so fasste auch das Judenthum seine Gottesidee geistig auf. In den Propheten und-io denjPsalmen werden alle Aeusserlichkeiten des Gottesdienstes verworfen und-fiur ein!einer Sinn, Beschneidung de9 Herzens, Gerechtigkeit und Milde verlangt. Das; Alles war so geistig und so moralisch, dass die Juden sich .!wohl freuen durften, ihren' humanen Monotheismus sijch unversehrt erhalten zu haben, als sie sahen, welche heidnischen Wege das Christenthum nach seinem Sijege wandelte. Noch Eines aber, dessen Bedeutung nicht zu! unterschätzen 18t, hat das Jjidenthum dem Christeuthupn überliefert. Das ist die Glfith religiösen Gefühls, die Kraft der Ueberzeugung und idie Unüberwindliehkeit des treuen Festhaltens selbst in Noth und Tod. Die Geschichte der Juden ist ein fortlaufendes Beispiel von der Wirksamkeit dieses in der antiken Welt einzig dastehenden Volks- Charakters; die Geschichte der Juden unter den Baby- Ioniern, Syriern, Griechen und Römern war ein grosses Martyrium, nicht Einzelner, sondern des gesatnniten Volkes. Wenn es' das Zeichen der wahren Kirche ist, dass sie viele Blutzeugen hat, so kann wahrlich das Judenthum in erster' Linie auf diese Eigenschaft Anspruch machen. I Das unter Josija aufgefandene Herr Rabbinowicz aus Paris spricht in seiner Broschüre: ,Das Judenthum der Vergangenheit und der Zukunft'1 die Ansicht aus, das in Reg.: II c. 22 ,und Chr. II c. 34 erwähnte ספר oder ספר הורה sei nur . ein Schriftstück, etwa ein Drohbrief des Propheten Jereinias gewesen, worin wegen der Lauheit, mit der Josia die begonnene Restauration des isr. Cultüs betrieb, geeifert worden und ob der Missbräuche im Lande der Zorn Gottes über Reich und Thron herab beschworen sein mochte. Aus Schüchternheit öder aus Furcht wagte i Jeremias nicht, es dem Könige selbst izu sagen und spielte ihm indirekt seinen Brief in die Hände. Um je^en Verdacht von sich fern zu halten, hätte Jeremias eine Zeit la^g Jerusalem verlassen. Öurch letztem Umstand, meint R., sei zugleich die schon vom Talmud aufgeworfene: Frage, warum die Prophet»n Chulda Tind nicht der Zeitgenosse Jeremia über das ספר befragt wurde, beantwortet Jeremia sei eben beim Auffinden des ספר in Jerusalem nicht anwesend gewesen, daher musste die in Priesterkreisen wohlgekannte Chulda befragt werden. Unser Text in Reg. wie in Chr. scheint die Ansicht mit der scheinbar überflüssigen Bemerkung והיא יושבת בירושלים במשנה bestätigen zu wollen. Die Antwort des Talmud habe für uns nur! homiletischen Werth. Die Worte II. Chr. c. 34,14 משה ■tä ספר תורת ה׳ waren nach R. ein Zusatz aus späterer Zeit. Bei voru rtheilsloser, sorgfältiger Prüfung und Vergleichung der Relationen II. Reg. c. 22 und II. Chr: c. 34 zeigt 8i :h jedoch, auf welch’ schwachen Füssen die Hypothese des Herrn R. steht, wie er! zu dieser Ansicht durch siine in genannter Broschüre ausgesprochene vorgefasste Meinung gedrängt worden.; R. stellt die I ־Behauptung auf, die Israeliten seien von Urbeginn ׳ an!durch alle Zeiten ein ,Volk der Literatur* gewesen, und sah sich durch unsere Stellen widerlegt. Wir wollen!R.’s Behauptung nicht unbedingt unterschreiben und haben daher nicht nöthig, dem Text Gewalt anzuthun. Dass wir unter ספר התורה einen Brief der Zurechtweisung und der Drohung verstehen sollen, hat schon an und für sich eine sprachliche Schwierigkeit, da תורה stets in der Bedeutung von Belehrung gebraucht wird, jenes ספר aber furchtbare Drohungen enthalten musste.*) Diese Schwierigkeit steigert sich aber noch, da wir in II. Reg an zwei und in II. Chr. an einer Stelle das aufgefundene Schriftstück mit ספר הברית bezeichnet sehen, was doch schwerlich von einem Brief aus unbekannter Hand hätte gesagt werden können. Wie will aber Hr. R. die Stelle Reg. II c. 23 v. 3 verstehen: ,Und der König stellte sich auf den Stand und schloss den Bund vor dem Ewigen, nachzuwandeln deip Ewigen und zu beachten seine Gebote und seine Zeugnisse und seine Satzungen . . . aufrecht zu halten die Worte des Bundes, die geschrieben sind in diesem ספר“. Wäre das ספר nur ein Briet Jeremiss, würde es gewiss, wie die übrigen proph. Reden, ganz allgemein gehalten sein und nicht specielle מצות עדות חרדות, wie wir sie bei keinem Propheten ausser bei Moses finden Nach Reg. II. 23, 21 sei das unter Josia stattgehat>te solenne Passahfest nach einer Vorschrift des aufgefundenen ספר in Scene gesetzt worden; was nicht der! Fall sein könnte, wenn wir einen Brief Jeiem. vor uns hätten. In seinem eigenen Buche sehen wir Jerein, ob des Götzendienstes, des staatlichen und moralischen Verfalls seines Volkes, allenfalls Jer. c. 17 v. 20 ff. auch wegen Nichtheilighaltung des Sabbath eifern, aber nirgends das Passahfest oder eine andere Satzung erwähnen. Was soll den Propheten in einer Zeit des allgemeinsten religiösen Verfalls, wie nach einem Manasse und Amon, eine Satzung hervorzuheben, die selb6t 'unter den Regierungen der frommen Könige nach II. Reg. 23, 21 unbeachtet geblieben? Nach all’ dem scheint es uns bewiesen zu*sein, dass wir: es hier nicht mit einem Schriftstück von unbekannter Hand, sondern mit einem Buche Mose’s zu thun haben. Das Räthsel, dass Chulda und nicht Jeremia wegen des ספר zu Rathe gezogen wurde, wollen wir auch ohije Hypothesen zu lösen suchen Eine Ungenauigkeit und Zweideutigkeit im Ausdrucke trägt allein alle Schuld an dem Räthsel. Fassen wir 11. Reg. c. 23 die Worte והיה בשמנה עשרה שנה למלך יאשיהו statt, wie es bis jetzt üblich war: ״Und es geschah im achtzehnten Regi er ungssjahre des Josia־ als ,im achtzehnten Lebensjahre“ auf, so ist jede Schwierigkeit beseitigt. Zu solcher Auffassung sind wir berechtigt, ja zwingt uns II. Chr. 34, 3 der Passus: Im achten Jahre seiner Regierung, da er noch Knabe war (15 J. alt), fing er an zu suchen den Gott Davids, und im zwölften Jahre fing er an zureinigen Jehuda und Jerus. von den Höhen und. Ascherim und Schnitz- und Gussbildern. Mit dieser Riinigung kann nur die in II. Reg. nach Auffindung des ספר beschriebene Beseitigung des Götzendienstes gemeint sein, und doch wird die Zeit an beiden Stellen verschieden augegeben, was jedoch sich erklärt, so wir Lebens- und Regierungsjahre streng auseinanderhalten. In II. Reg. c. 22, 3 wie II. Chr. c. 34 jy. 8 ist das achtzehnte Lebensjahr gemeint, da Josia seine. Beamten mit dem Aufirage betraute, deu Tempel zu restauriren; im selben od^r folgenden Jahre ging man an die Arbeit, fand, das 6םר, reinigte den Tempel und Jerusalem von den Götzen unq feierte das Passahfest. Etwa l*/a Jahre nach dem —i-■— *) Coafr. XL Reg. c. 22, 11 u. 13, wie IX. Chr. 31, 19, 21, 27.