Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 8 (1879)
- Issue
- No.27. (2.7.1879)
- Date
- 1879-07-02
- Page
- Seite 106 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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PT fr. r — 106 — '1 * ו | - I I ein halbes Jahrtausend vorwärts blicken“ CS• 25). — ״Wenn nun aber die Juden im Mittelalter nicht allein den Handel'an sich rissen, sondern auch durch Wuchersucht sich verhasst machten:• so hatten sie zwar in ihrem Zinsnehmen von Nichtisraeliten das mosaische Gesetz für sich, welches hier noch einen Unterschied zwischen Volksgenossen und Fremden macht....; aber jener gewerbsmä8sige Wucher war nicht imGeiste desJudenthums, denn der Talmud stellt den Ausleiher um Zinsen mit dem Hazardspieler auf gleiche Linie und erklärt Beide als lasterhafte Menschen, ftlr unzulässig zu-gerichtlicher Zeugen-Aussage“ (S. 26). Hierauf folgt ein vollausgefilhrtes Mosaikbild, das das Göttliche der Arbeit, den sittlichen Werth des Handwerks darstellt. Vermisst haben wir dabei Kiddnschin 4,14: (Arbeit und Gottergebenheit), ״dena.es giebt kein Handwerk, in welehern nicht Armuth undJReichthum ist: denn Armuth ist nicht vom Handwerk, sondern Alles ist nach des Menschen Verdienst“ Treffend wird in ״die höhere oder niedrigere Stellung der einzelnen Gewerbe im Urtheile des Volkes“ nachgewiesen, dass wohl eine Verbindung der gleichartigen Handwerker, jedoch keine Zunft be- ,stand — dass die zarte Empfindlichkeit für Rein und Unrein die höhere oder niedrigere Schätzung des Handwerks "bedienste — wie (S. 42, 43) weiter ausgeführt wird, das Gefühl ebenso für sittliche wie für äusserliefie Reinheit Dass auch die Handwerke (es sind 9 Arten ausser den Kleider* und Schuhmachern), die häufigeren Verkehr mit Frauen erforderten, niedriger geachtet wurden, beurtheilt der Verfasser als demZeitgeist entsprechend. Im IV. Vortrage: ״Ein Juni tag aus dem letzten Jahrzehnt des christlichen Jerusalems“ wird ,nach der Weise des Gal 1<1ף von Becker eine sehr interessante Schilderung geboten, der durch die Beziehung auf Herodes und seine zur! Zeit gefangenen Söhne von Mariamne ein dramatischer Hintergrund nicht fehlt. Der Morgen im Tempel, die zählreichen im Volksmunde gut verwendeten Sprichwörter (auB dem Talmud), der Einzug der Erstlinge bringenden Leute aus Samaria bilden den Rahmen für die Nennung und Schilderung zahlreicher Handwerke.*) In! ״Lehrstand und Handwerk in Verbindung“ ist der Hinweis zu beachten, wie Sirach bei aller Schätzung des Handwerks die Berufsaufgabe des Schriftgelehrten damit unvereinbar hält, während die spätere Zeit theoretisch und praktisch das Gegentheil erwies. — Gewiss! nicht Alles Material ist zusammengetragen. Aber aas war auch nicht die Absicht des Buches. Es giebt! ein Bild in reichen Farben, Jedem verständlich. — Dem Kopfe des tiefen Gelehrten, der Feder des geistvollen Schriftstellers entstammt, können wir es leider dem^jüdischen Publikum nicht anrathen, weil es die Farben des begeisterten Christen trägt. Den jüdischen Lehrern aber, den jungen Forschern, sei es als Fundgrube ׳und Vorbild eignen Arbeitens bestens empfohlen. j Dr. Lewin. *) Dass die Friseuse סגדלא heisst, sagt Obadja aas Bartinoro tu Kiddnschin D, 3 £גדלן °d*r מנדלת nnd ist aus' der letzten MUehna Sabbath 10 31( הגו1*לת ersichtlich. Das ist wohl der Ursprung des Namens Magdalene. ״Das moderne Hep-Hep.“ Die berühmte Schriftstellerin George Eliot, Verf. der so viel gerechtes Aufsehen erregenden Novelle: ״Daniel Deronda“.*) hat soeben eine ähnliche literarische Arbeit unter dem Titel: ״The Impressions of Theophrastus Such“ veröffentlicht, worin das Schlusskapitel die obige Aufschrift trögt Fände sich eine solche oder ähnliche Aufschrift in irgend einem Machwerke unserer modernen judenfeindlichen Skribler, so brauchten wir den Inhalt desselben gar nicht mehr zu lesen: wir würden ihn errathen. Wir würden einfach voraussetzen und es in der Folge auch bestätigt finden, dass er aus einer Multiplication von Schmähungen und Grobheiten besteht, die darin den ßekennern des Judenthums schonungslos in’s Gesicht geschleudert werden. Mit einem ganz anderen Gefühle aber nahmen wir das jüngste Geisteskind der Verfasserin des ״Daniel Deronda“ zur Hand, und namentlich lasen wir mit inniger Befriedigung jenes Capitel, das auf unsere Nation Bezug hat. Urtheile, wie wir sie da über unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft finden, haben einen um so grösseren Werth für uns, als sie der Feder einer Schriftstellerin entsprungen sind, die sich eines Weltrufes erfreut, und deren Schriften keinen unbedeutenden Rang in den Annalen der Geschichte der englischen Literatur einnehmen. — Nachdem die Verfasserin darauf hingewiesen, mit welchem gerechten Stolze die modernen Griechen und Römer auf ihre einstige glorreiche Vergangenheit zurückblicken, und wie sehr die jetzige Generation von dem Wunsche beseelt ist, diese beiden während mehreren Jahrhunderten eigentlich verwahrlosten Völkerschaften wieder aufblühen und gross, mächtig und einig zu sehen, geht sie auf die jüdische Nation über. Und mit einer Wärme und Begeisterung, die nur einem echten poetischen Gemüihe eigen sind, giebt sie ein Resumö ihrer Anschauungen über dieselbe, dessen Inhalt ungefähr folgendermassen lautet: ״Europa war von jeher daran gewöhnt, auf die Juden als eine exceptionelle Ra^e herabzusehen und sie von allen Gesetzen der Milde und Gerechtigkeit auszuschliessen. Es ist aber ein Verstoss gegen die reine Menschen Vernunft, ein Volk mit Verachtung zu behandein, das die grossartigsten Kämpfe gegen die Repräsentanten des heidnischen Alterthums geführt und schliesslich der halben civilisirten Welt eine Religion überliefert hat, deren Grundideen Uber Gott, Unsterblichkeit u. s. w. allenthalben grossen Anklang gefunden. Diese Verachtung war aber mehr alseine blosse Nichtachtung. Denn, wie man das Gewild meist ihrer Felle wegen hetzt und jagt, so wurden die Juden während mehrerer Jahrhunderte ihres Geldes wegen gehetzt und gejagt, und wenn Kaiser und Könige sie mittels gewisser Edicte vom gänzlichen Untergange zu schützen suchten, so war dieser Schutz nicht besser als der, den man gewissen wilden Thieren zu bestimmten Zeiten angedeihen lässt, damit ihr Geschlecht nicht gänzlich ausgerottet werde. Und selbst da, wo sie gelitten wurden, war ihr Loos durchaus kein beneidenswerthes. Denn stets wurden neue Beschuldigungen gegen sie erfunden: bald sol- |en sie Kinder gemordet, bald Brunnen vergiftet haben, und alle diese Grausamkeiten wurden nur zu dem Zwecke an ihnen verübt, damit sie einenHerrn anerkennen, dessen Diener die wohlthuenden Folgen seiner Lehren durch solche barbarische Acte offenbarten. Aber, trotz der bittersten Erfahrungen haben die Juden als Nation zu sein nicht aufgehört. Ja, wir müssten sogar über das seltene geschichtliche Phänomen staunqp, wenn wir *) ״Daniel Öeronda* ist, wie in der neuesten Nr. des ״Jew. Cliron.“ berichtet wird, bereits dramatisirt und wurde in Sau Francisco unter grossem Beifall aufgei'Uhrt,;Red.)