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Das jüdische Literaturblatt · 1879-03-12 · No. 11. (12.3.1879) · p. Seite 42

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
8 (1879)
Issue
No. 11. (12.3.1879)
Date
1879-03-12
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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יי^יוויי — 42 — ד Entwickelungsstufe, und den Bedarfnissen der Gegenwart gemäss zu gewähren. Damit ist die ״beispielslose Kri• $ik" zuija Schlosse gelangt; irgend einen Beweis far ihre absprechenden Behauptungen hat sie n i c h t geliefert. Noch einmal das Bach Esther. Das Purimfest lenkt unsere Gedanken wieder auf das Buch Esther. Die Frage hinsichtlich des hi&torisehen Gehaltes des Buches, auf welche Herr Dr. Bloch 80 riei Geist und Gelehrsamkeit verwendet hat, ist noch nicht als abgeschlossen zu betrachten. Die Wissenschaftliehe Kritik rechnet oft mit blossen Möglichkeiten und erzielt dadurch manche Wahrscheinlichkeitsresultate; das mit so grossem gelehrten Apparate kunstvoll aufgefahrte kritische Gebäude des Herrn Dr. Bloch ist aber zum grossen Theile auf Unmöglichkeiten basirt. Oder ist es etwa nicht so? Wenn Jemand eine Gebirgsgegend durchwandert, in welcher ein Gebirgsriese neben• dem andern, in ihrer Formation von einander unterschieden, kühn die Spitze gen Himmel emporstreckt'und seinen ־ Blick fesselt, und es würde ihm nach einer Reihe von Jahren ein in seinem äusseren Hervortreten sich von allen anderen unterscheidender Berg genannt, welcher der von ihm durchwanderten Gebirgskette ängehören soll und an welchem vorbei oder über welchen hinweg sein ־Weg nothwendig geführt haben müsse, ohne dass sich in seinem Gedächtnisse die mindeste Spur hiervon befindet, so wird er zwar des Zweifels an der Wahrheit und Richtigkeit der aufgestellten Behauptung sich nicht ganz erwehren können, aber er wird doch, der menschliehen Vergesslichkeit Rechnung tragend, und weil die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, dass er, in den Anblick der übrigen Gebirgsriesen versunken, diesen einen übersehen habe, die Möglichkeit des Vorhandenseins desselben zugeben. Hat jedoch seine Wanderung nicht eine Gebirgsgegend berührt, sondern eine grosse, gebirgs’- lose Ebene durchschnitten, wo weit und breit sich dem Auge weder Berg noch Hagel zeigt, und man will ihm nach einer Reihe von •Jahren einreden, dass mitten in dieser Ebene, sich, ein isolirt stehender Berg himmelanstrebend erhebe, an welchem dicht vorüber oder über seinen Rücken hinweg sein Weg ihn geführt habe, so wird er mit der ganzen Macht der Gewissheit gegen diese Behauptung Wiederspruch erheben und dieselbe nie und nimmer als wahr anerkennen. Wenden wir dieses nun auf die bezüglich des Buches Esther aufgestellten Hypothesen an. Dasselbe soll eine blosse Tendenzschrift, ein Phantasiestück ohne allen historischen Gehalt sein. Nun hat aber der Verfasser des Buche9 die Handlung nicht in eine für das israel. Volk historisch bewegte Zeit, in welcher das Volk etwa in langjährigem Ringen um seinen Bestand sich abmühen musste und Unglück und Glück, Niederlage und Sieg, trostloser Zustand und Rettung in jähem Wechsel aufeinander folgten, sodass durch dieses Durcheinandertosen, durch dieses Auf- und Niederwogen der Ereignisse in den späteren Jahrhunderten sich Erinnerungslücken bemerklichmachen konnten, welche dem sagebildenden Dichter Anreiz zur Auslüllung dieser Lücken durch Phantasiegebilde und der verwirrten Erinnerung Glaubensempfänglichkeit für dieselben einzuflössen im Stande gewesen wären, sondern er lässt — wenn unter Wahrheitsfirma ausgegebene Dichtung, ungeschickt genug! — die berichteten Thatsachen in einer für das isr. Volk ruhigen, sturmlosen Zeit vor aieh gehen. Das Volk lebte zwar im Exil, aber seit über £in halbes Jahrhundert schon ruhig und sicher erst uuter babylonischer, dann unter persischer Herräph&ft. Die bistorische Erinnerung konnte Uber'diese Zeitperiode mit sicherem, unverwirrtem Auge, wie über eine weite berglose Fläche hinschweifen, in welcher auch nicht die geringste Bodenanscljiwell mg den Fernblick stört. Der Verfasser des Buches Esther stellt mitten in diese weite Fläche einen ungeheuren Bohrten Bergriesen dem Volke in den Weg, schildert eir Ereigniss, welches nothwendig die ungeheuerste Erregung, die grässlichste Angst und in seinem weiteren Verlaufe unermesslichen Rettungsjubel im ganzen Vol te hervorrufen musste. Solche geschichtliche Vorgänge, unter solchen Verhältnissen, prägen sich dem Volksgedächtnisse für ewige Zeiten ein, ihre Kunde trägt sich von Mund zu Mund bis zu den spätesten Geschlechtern hin. Selbst das unentwickeltste Volk wird daher auf eine, selbst bestgelungenste Dichtung, die sich ihm unter solchen Verhältnissen als ein Stück seiner vor einige 1 Jahrhunderten erst selbst erlebten Geschichte, als eite wahrheitsvolle, geschichtstreue Erzählung aus seimr verhältnissmässig noclijungen Vergangenheit darste len will, mit Spott und Entrüstung zurückweisen! Keiner würde auch nur einen Augenblick iin Zweifel dt.rüber sein, dass wenn eine solche Begebenheit stättgef inden hätte, die Kunde davon im Volke noch lebendig sein müsste. Wie wäie es daher möglich, dass die Einsetzung eines auf diese Begebenheit Bezug habende 1 Fast-, sowie eines darauf folgenden Festtages hätte gelingen können, wenn die Erzählung aller geschieh;liehen Wahrheit entbehrte? Es wäre dem Volke gar licht aufgefallen, dass dieses Fest doch jedenfalls schon damals, nicht aber erst jetzt hätte eingesetzt werden müssen? Und das israel. Volk war damals doch durchaus tein geistig niedrig stehendes! In seiner Mitte hatte sich bereits ein lebhaftes Schriftthum entwickelt, in welclem auch, wie die uns überkominenen Schriftstücke t eweisen, der historische Styl schon eine gelungene, heute noch mustergültige Vertretung fand! Und inmitten eines solchen Volkes sollte ein solches literarisches Ttschenspielerkunststück gelingen können? Wir stehen liier vor einer Unmöglichkeit! Ja, mehr noch. Unsere alten Schriftgelehrten und Gesetzeslehrer, gegen deren liaarspaltende Gewissenhaftigkeit, deren unerschütterlicher Wahrheits- und Gesetzestreue kein Zweifel aufkomuien kann, hätten mit vollstem Bewusstsein ein zu Gunsten der ihnen ver hassten hellenistischen Richtung verfatstes Lügenbuch canonisirt? Hätten die ernstesten, einen ganzen Talmudtractat füllenden Discussionen Ubef* dasselbe und das einzusetzende Fest abgehalten? Hätten die Blasphemie begangen, Dankgebete und Lobsprüche anzuordnen für Wunder, von denen sie wussten, das > sie nie stattgefunden haben? Diese Männer, die jede blosse ברכה לבטלה lür e^ne schwere Sünde erklären? Ist das nicht die reinste Unmöglichkeit? Hätte nicht Jeder aus dem Volke, hätten nicht die eigenen Schüler ihnen zugerufen: ״Unsere Lehrer! Hat dat Gesetzesvort ״ מדבר שקר תרחקSei fern von einer lügenhaften Sache!“ seine Geltung verloren? sogar auf dem Gebiete der Religion seine Geltung verloren?“ ״Aber“, wird gesagt, ״sie wollten auch dem in jüd. Kreise eingesc ilichenen Bacchusfeste einen jüdischen Inhalt geben, uir so die heidnischen Begriffe zu verdrängen!“ Wo und wann, frage ich, hat das Judenthum auf diese Wese mit dem Hcidenthume pactirt? Auf jüdischem Boden ist so etwas nie geschehen! Der Grundsatz, dass der Zweck das Mittel heilige, hat in ihm nie Platz gefunden! Aber, wie will man d e Eigentümlichkeiten des Buches Esther erklären? Meines Erachtens hat es damit folgende Bewandtniss. Wenn Hr. Dr. Bloch die syrische Verfolgungszeit als die Zeit der Abfassung dieses Buches bezeichnet, so hat er sichei, Recht. ־-Nur hat das Buch nicht einen hellenistisch geiinnten, sondern einen hellenenfeindlichen, gesetzestreuen und gesetzeseifrigen Verfa88er.*J Die ursprüngliche Urkunde ist es, wie aus dem *) Da«sagt auch Orfttz, Ges :b. d. J. II. B. p. 332 u. 339 ff. (Bd.) 1

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