Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1879-02-05 · No. 6. (5.2.1879) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
8 (1879)
Issue
No. 6. (5.2.1879)
Date
1879-02-05
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5367336-6488236-8755737--1209-4854622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

rückgesetzten Selim zu rehabilitiren und Bajazet zu -verstossen, der nach Persien fliehen musste, wo er mit seinen vier Söhnen hingerichtet wurde. Don Joseph ward nun Selim’8 Vertrauter, wurde an den Holf gezogen, erhielt Ehrentitel und Gehalt und lebte in tagliehem Umgang mit dem Prinzen. , Auch in der Gunst Soliman’s stieg^Don Joseph täglich. Als sein Bruder Moses seinen Wohnort Ferrara verlassen wollte, um nach Constantinopel übjerzusiedeln, wo er sich mit Don Joseph auch geschäftlich zu vereinigen gedachte, widersetzte sich der Herzog von Ferrara diesem Vorhaben, um die reichen Cupitalien des Don Mose seinem Lande zu erhalten. Aber durch Don Josepii’s Beeinflussung, liess der Sultan dem . Herzog erklären, dass er sich dem Vorhaben des Don Mose nicht •zu widersetzen habe, — und der Fürst gehorchte. In gleicher Weise musste der Herzog auf des C Sultans Gebeiss dem Verlangen Donna Gracia’s, der Schwiegermutter Don Joseph’s, naehgeben und einen ן jüdischen Schuldner, welchen der Herzog schützte, zur i Herausgabe ihrer Capitalien zwingen, i Don Joseph’s Hauptbestreben aber ging noch irpmer dahin, .den von den Christen-Verfolgten Juden ]eine sichere Zuflucht zu gründen. Soliman schenkte, ihm dafür das Gebiet der in Palästina gelegenen Stadt Tiberias mit sieben benachbarten Dörfern. Die Stadt war durch die feindlichen Einfalle der Mongolen iinter! Tamerlan (1400) verwüstet worden; sie musstej also aus dem Schutte wieder aufgebaut werden, i Ein eigentümliches Spiel der Gegensätze! Im. 4. : Jahrhundert hatte der christliche Kaiser (Konstantin einen zum Christenthum übergetretenen Juden mit N^men Joseph beauftragt’, in Tiberias die erste christliche Kirche zn bauen. Jetzt im 16. Jahrhundert hatte ein muhamedanischer Kaiser einem vom Christenthum ab- : gefallenen Juden, welcher ebenfalls Joseph hiess,] die-; selbe Stadt übergeben, um an derselben" Stelle., wo Kirchen standen, Synagogen .zu.errichten. Dpn Joseph komite indess Constantinopel nicht , verlassen; er übertrug daher einem Statthalter, Joseph von Adrat, die Leitung des Baues, der zwar auf*viele :Hindernisse stiess, aber doch endlich gelang. Nur Ju- ' den siedelten sich in der neuerbauten Stadt an, welche Don Joseph zum Anbau von Maul beerbäunjen und zur Pflege der Seidenzucht anleitete, um mit den Fabri- -taten von Seidenstoffen dem ihm verhassten Venedig Concurrenz zu bereiten. Es ist falsch und beruht auf feindseliger Gesinnung, zu glauben, wie vielfach behauptet wurde, dass Don Joseph seine Stellung lediglich dem Einflüsse Selim’s zu verdanken gehabt habe, dessen Hang nach sinnlichen Genüssen er gefördert und für dessen' Geldmangel er Abhülfe zu verschaffen gesucht haben soll. Der Vater ־würde eine 80 verführerische und verderbliche Beeinflussung seines Sohnes wohl nicht geduldet haben. Soiiman erkannte vielmehr die geistige Bedeutsamkeit Don Joseph'8, seinen politischen Scharfblick, seine diplomalische Gewandtheit und schätzte neben diesen hohen ]Eigenschaften <üe untrügliche Ehrlichkeit des Mannes. Soliman starb 1566; Seliin folgte. Don Joseph brachte dem neuen Sultan seine Huldigungen dar, und als er dabei nach orientalischer Sitte sieb zur Erde neigte, erhob ihn der Sultan, umarmte ihn und ernannte ihn zum Herrn der cykladischen Inseln mit dem Titel ,Herzog von Naxos״. Don Joseph regierte selostständig in seinem Gebiete; er stand nur mit dieser neuen Würde und diesem neuen Titel unter der Souveränität des Sultans mit eiuem Jahrestribut von 14,000 Ducaten. Don Joseph benutzte seine erhöhte Stellung und seinen vermehrten Einfluss sehr bald, um das durch die Vertreibung der Juden ihm zum Hanptfeinde gewordene Spanien zu schwächen. Die Unzufriedenheit der Calvinistun in den Niederlanden in Folge der Iteligions- Verfolgungen seitens des katholischen Spanien gab bekanntlicli zu dem Aufstande der Niederlande und zu dessen Abfall von Spanien Veranlassung. Dieser selbst aber ward in seinen ersten Ursachen und Anfängen von Don Joseph in's Werk gesetzt, indem er die Türkei gegen ■Spanien aufwiegelte und von dieser bevollmäclitigt. wurde, die Niederlande zur Erhebung gegen Spa-, nien zu veranlassen' Er theilte demnach seinen ehemaligen Freunden in Antwerpen die Sachlage mir, und ermunterte sie zur revolutionären Erhebung, da Philipp von Spanien, von der Türkei angegriffen, an die Yertheidigung der, ■Niederlande nicht denken könne. Die Briefe Don Josepli's hatten in den Niederlanden zunächst den Erfolg, dass man der Statthalterin Margaretha von Parma eine Beschwerdeschrift überreichte, worin man über den religiösen Druck klagie und auf Beseitigung drang. Wilhelm von Uranien blieb mit Don Joseph in Correspondenz. Der Scharfsinn Don Josepli’s hatte auch die Bedeutung erkannt, welche der Besitz Cypern’s für die türkische Krone zur Beherrschung des Meeres und zur Sisherung der Hauptstadt habe. Er regte deshalb einen Krieg mit Venedig an; dessen Macht er ohnedies zu schwächen bestrebt war. Die politischen Anschauungen Don Josepli’s in Betreff Cypern’s ge wannen so sehr den Beifall des Sultans, dass er ilnn den Titel eines Königs von Cypern und .den Besitz oder doch die Verwaltung dieser Insel für den Fall eines glücklichen Erfolges in diesem Kriege versprach. Der Krieg währte nur ein Jahr und endete mit der Eroberung Cypern’s (1571). Aber Don Joseph wurde doch nicht König von Cypern. Neider machten ihtn diese Ehre streitig. Besonders war es Frankreich, welches den Neid auf diesen steigenden Einfluss des Don Joseph wach rief. Der französische Gesandte in Constantinopel scheute sich nicht, den fingirten Verdacht der Fälschung von Wechseln und Staatspapieren auf Don Joseph zu wälzen, welcher sich indess bald zum eigenen Schaden der Verläumder als Lügengewebe enthüllte Frankreichs Hauptabsicht dabei war, auf diese Weise steh der Schuld zu entledigen, welche Don Joseph an^die französische Krone zu fordern hatte. Diese Schuldforderang, von Heinrich II. herrührend, war damals, unter Carl IX., noch nicht getilgt, und dieser König suchte nun durch schlechte Mittel sieh von derselben zu befreien. Da erlangte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.