Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 7 (1878)
- Issue
- No. 52. (25.12.1878)
- Date
- 1878-12-25
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
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Eine Legende knüpft sich an . bebe sich, heisst es, für den Lichterbauin im Tempel nur e i n Krüglein heiligen Oels vorgefuaden der Bedarf für einen Tag; durch göttliches Wunder habe der Inhalt aber für acht Tuge gereicht, bis neues Oel beschaffe worden sei Zum Andenken hieran, sagt man, wird heute noch am jüdischen Weihnachtsfeste acht Tage lang eine dem Tempel-Originale nachgebildeter Lichterbäum angenzündet, mit einem Lichte beginnend, und . jeden Abend ein neues hinzufügend, so dass zuletzt der ganze Baum im hellen Lichtergianze erstrahlt. * Diese Legende stellt in orientalischer Parabelform sinnbildlich den Maccabäer-Kampf und -Sieg dar. Der Lichterbaum ist sinnbildlicher Träger des Religionslichts; er stellt das Volk Israel dar — mit Stamm, Aesten, Zweigen, lieberall war dieses Licht erloschen. Das Oel für Nährung und Unterhaltung des Lichts war durch die Feinde entweiht und unbrauchbar^ gemacht; die religiösen Institutionen waren aufgehoben und zerstört Nur in der Maccabäer Brust und Hause brannte das Licht der Religion noch, und diese! hielt aus, bis überall wieder angefacht, alle Flammen brannten, und der ganze Lichter bäum wieder im hellen Strahlenlicht erglänzte. An dieses Ereigniss und an diesen Ideengang lehnt sjoh i lie Feier des jüdischen Weihefestes mit seinem in den Häusern Israels alljährlich auf’s Neue leuchtenden Lichterbäume. Es ist ein Lichterfest und bedeutet den Sieg des Lichts über die CTnstemiss, den Sieg religiöser Wahrheit über heidnische Verirrung. Charakteristisch ist an ihm das Anzühden des Lichterbaumes, verbunden mit häuslichen Vergnügungen und Kinderspielen. Aus diesem jüdischen Weihnaehtsfeste ist das christliche entstanden. Die Naturreligionen der alten Völker erkannten in dem Lichte, zunächst dem himmlischen, der Gestirne, •ine göttliche Kraft; das materielle Licht war ihnen eine wirkliche Darstellung des göttlichen, welches sie verehrten. Also auch hier wie überall im Heidenthnm eine Vergötterung der Materie. Im Judenthum ist das physische Licht nur Symbol des geistigen Lichts der göttlichen Lehre; der Lichterbanm des Tempels wie des Weihnachtsfestes ist symbolischer Träger desselben. Mit der heidnischen Auffassung vom kosmischen Lichte ,hat dies keinen Zusammenhang. Dagegen hatte das Heidenthnm einen wahren Cnltu« der Lichtgestirne. Es fasste' den Wechsel von Tag und Nacht, wie die Zu- oder Abnahme der Tages- und Nachtlänge als einen Kampf zwischen den Göttern des, Iichts und der Finsterniss aal Wohl galten auch die Götter des Lichts und der Finsterniss als die Vertreter des Guten und Bösen (Osiris, Typhon; Ormudz, Ahriman; selbst der indische Diu. —- Zu, Zeus, Dev — bezeichnet ursprünglich den ״lichten“ Himmel); ihr Kampf ud Sieg galt gleichzeitig als ein ethischer: aber zu- :nächst hatte dieser Kampf nur eine kosmische Bezielrnng. Vön grosser Bedeutung waren daher im Heiden- *hum der 24. Juni und der 24. December als Tage der Sommer- und Winter-Sonnenwende. Im Sommer, wo j die Tage anfingen, kürzer zu werden, hatte der Gott der Finsterniss gesiegt; der Gott des Lichts galt als J gestorben, war todt. Der Tag der Sommer-Sonnenwende war daher ein Trauertag. Im Winter, wenn die Tage anfingen, länger zu werden, hatte der wieder auferstandene Gott des Lichts gesiegt; der Gott des Lichts war wieder geboren. Der Tag der Winter-Sonnenwende war daher ein Freudentag. Die Begriffe von Sieg, Geburt, Tod, Wiedergeburt Gottes warden auch auf das Christenthum übertragen Der 24. Juni ward hier zum Todestage Johannes', der 24. December (Abends) zum Geburtstage (zur Geburtsnacht) Jesu angenommen. Historische Begründung hat diese Annahme freilich nicht, sondern beide Persönlichkeiten galten als Bringer des (geistigen) Lichts, wie als Kämpfer gegen die (gei8ti>׳e) Verfinsterung. Die Abendfeier des 24. December fiel mit der jüdischen Weihnachtsfeier des 25. Kislew zusammen, denn die Abende gehören nach j üdischer Sitte zum folgenden Tage. Diese Sitte herrschte auch früher in der christlichen Kirche; daher heisst ja noch Samstag auch Sonn abend. Der Monat Kislew entspricht, wie erwähnt, dem December. Nicht aber nur wegen des Zusammenhangs mit dem jüdischen Feste ward die׳ Feier auf den Abend gesetzt, sondern auch um die Wirkung der Lichter stärker hervortreten zu lassen. Denn wie die Heiden heute noch die Sonnenfinsterniss als eine Niederlage des Lichtgottes auffassen und demselben mit Fackeln und Lichtern zu Hülfe zu kommen suchen! so ward auch vom November an, wo die Abnahme der Tage anfing, recht auffällig zu werden, Anzündung der Abendlichter (Martinifeuer) üblich, bis zum Februar, wo die Zunahme des Tageslichts wieder anfing bemerkbar zu werden. Daher im Christenthum auch am 2. Februar die Lichtmessfeier. Die geweihten Kerzen gelten hier als Träger des (geistigen) Lichts. Die Osterkerze mit ihrer Bezeichnung der fünf Wundmale will ebenfalls Jesus als den Träger des geistigen Lichts hinstellen. Das heidnische Lichter fest war mit ausartenden Saturnalien und Bacchanalien verbunden. Diese vertrugen sich natürlich am wenigsten mit dem Ernste der christlichen Weihnachten. Sie wurden daher bis Neujahr verschoben, wo heute noch die verbreitenden Faschingsbelustigungen und andere Vergnügungen ihren Anfang nehmen. Nur di• Kinderbescheerungen liess man am Weihnachten. ' Man betrachtet sie wohl als Geschenke des neugeborenen Jesukindes, wie heute noch die neugeborenen Kindlein den kleinen Hausgenossen derartige Geschenke mitzubringen pflegen. Uebrigens waren, wie bereits angegeben, Spiele and Vergnügungen aach am jüdischen Weihnachtsfeste üblich. Der Katholicismus verfuhr aber dem Ernste der Weihnachten gegenüber selbst in Betreff der Kinderbescheerungen strenger und verlegte sie auf den 6. December, dem Nicolaustag. Indess ist auch dieser Tag nicht willkürlich gewählt. Die Monate des jüd. Mondjahres decken bekanntlich nicht immer genau diejenigen des Sonnenjahres; es findet hierfür ein Cyklus von 19 Jahren statt. Es decken sich darum auch nieht immer Kislew und December. Jedesmal am Schluss,des Cyklus fällt der 25. Kisslev auf den 6. December. Dies war auch im Jahre