Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 7 (1878)
- Issue
- No. 44. (30.10.1878)
- Date
- 1878-10-30
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 175 — Opferbegriff zu vergeistigen und ihn auf innere Zerknirschung und Reue, aufs Gebet, Rechtthun, Wohl sind: thätigkeit anzuwenden. Solche Bibelstellen Ps. 51,19. ״Die Opfer Gottes sind ein Gebrochenes Herz“. Ps. 119,108. ,Die freiwilligen Gaben meines Mundes nimm gnädig an, Ewiger!“ Hosea unsere Lippen die (gelobten) Farren ersetzen .Chag. 27. ,So lange der Tempel stand, sühnts der Altar, 14,3. ,Lass 1* — Talm. jetzt aber hat der Tisch des Menschen sühnende Kraft,“ wenn nämlich Arme und Nothleidende an ihm gespeist werden. Talm. Sucka 17. ״Wohlthätigkeit ist mehr als alle Opfer* Talm R. haschana 18a. ״|Die Sünde des Hauses Eli soll nicht gesühnt werden dur<Jh Schlachtr, (1. Sam. 3,14) ״aber sie ki und Mehlopfer, (). Sam. 3,14) ״aber sie krinn gesühnt werden durch Gesetzesstudium und durch Vyohlthaten.“ Wenn der Philosoph Rosenkranz von) Opfer behauptet: ״Das Opfer bezweckt, die Freiheit des religiösen Lebens durch die Refreiung vom Endlichen mit der That zu erweisen‘‘, so hat das Volk Isrjael auch in der Darbringung dieses vollkommensten Opfers sich be■ währt, indem in den Zeiten schrecklicher Verfolgung Hundert tausende seiner Angehörigen, der Religion willen, Alles hingaben, was dem Menschen lieb una theuer ist, und glaubensmuthig und opferwillig in den Tod gingen.*) - ' (Fortsetzung folgt.) *) Isaak Arama, (eia aas Spanien ausgewanderter gelehrter Rabbi, starb in Neapel 1494) hat in seinem trefflichen Werke Ajkedath Jizchak, worin er den Pentateuch auf philosophische Weise zu erklären suchte, gegen die Ansicht des von ihm sonst hochverehrten Maimonides Uber die Opfer folgende gewichtige Bedenken erhoben: 1) Wenn der ganze Opferritus weiter nichts als eine Vorsichtsmassregel war und nur den Zweck hatte, das dem Hang zum Opfern ergebene Israel abzubalten davon, dass es den Götzen Opfer brächte; wenn also der Gesetzgeber von der Voraussetzung ausging, die Opfer seien an und fllr sich Qott nicht wohlgefällig:1— wozu diese umfangreiche Opfer-Gesetzgebung? Diese Umständlichkeit in der Anordnung des Opferritus, diese ins kleinste Detail eingehenden Opfervorschriften, die gesonderte, genaue, jedem lrrtbum vorbeugeude Schilderung und Beschreibung einer jeden Opferart? Und ist nicht ein ganzer Stamm dem Opfercultus gewidmet worden? Und dies Alles sollte bloss in der Absicht geschehen sein, damit nicht sein. —! Gesetze8iiberdie Israeliten nicht den Götzen opferten! Das kann צ) Warum hat die Thora nur für unvorsätzliche tretungen, nur für in Irrthum und in Unwissenheit begangene Sünden (בשונג) Opfer, festgesetzt, warum nicht auch für vorsätzliehe (9* .(במדד• doch gewöhnlicher und öfter Vorkommen? — Ich möchte noch hinzufügen: wenn das Ganze nur eine Vorsichtsmassregel war, so hätte gerade der Umstand, dass im israelitischen Opfercultus für vorsätzliche Sünden keine Sühne zu erlangen war, Manchen veranlassen können, letztere bei den Culten anderer Völker durch Opfer zu suchen, bei welchen jener Unterschied nicht Stattkutte. — 1. Arama kommt nun, indem er an den Ausspruch des sifre (z. Abschn. פנחם) anknüpft: ריח ניחוח הה׳ נחת רוח ״ לפני שצויתי ונעשה רצוניEin Wohlgeruch dem Ewigen“, ״es dient mir zum Wohlgeiallen, dass ich geboten und mein Willen geschehen ist,“ zu der Theorie, das Opfer sei zu einer Zeit, wo d ie Israeliten äusserer, sinnlicher, kräftiger Thatzeicheu bedurften, um «uf ihr Inneres einzuwirken, Gott allerdings angenehm und wohlgefällig gewesen. Hätten die Israeliten das behan liehe Streben gezeigt, stets der Gotttesstimme zu gehorchen (2. M. )9,2) und ihre Anschauungen ,und Sitten danach zu regeln und eidzurichten, so hätte der OpferrituB unterbleiben können. Allein bei Anfertigung des goldenen Kalbes haben sie ihre Unreife gezeigt, und da erst ist die Einführung eines dauernden täglichen Opferri.us nothwendig geworden. Und so erklärt L Arama den bekanni en Ausspruch des Propheten Jirmijah (7,21): ״Vicht gebot ich euren Vätern am Tage, da ich sie aus Aegypten führte, in Betreff dss Ganz- und äcblachtopfer“ dahin, das ni.ht sogleich beim Auszugs sondern erst später das Opfjergesetz erlassen wurde. — Das Opfer sollte also den Opfernden auf die Beschaffenheit seines Letens und Sinnens aufmerksam machen, ihn warnen vor der Si nde und ihn, indem er die Vors'hriften des Opferritus pünktlich ei füllte, an die Beobachtung aller göttlichen Gebote gewöhne!. Dus Opfer hatte demnach nicht, wie Maimonides sagte, einen blr>88 negativen sondern einen positiven Zweck, es war ein wichtige! Erziehungsmittel. — Dies galt aber nur für die unvorsätzlicben Sünden. Die vorsätzlichen hingegen sollten nicht durch Opfer ges Ihnt werden, damit nicht offenbar würde, dass es Menschen gäbe, die absicht• lieh und mit Vorsatz Gottes Gebot überfräten; sie belurften Uberdies stärkerer Sahnmittel: Busse, gute_Werke, Leiden < tc. Ersucht | dies zu beweisen durch die oben citirte Talmudstelle (R< sch Haschan. 18a): ״Die] Sünde des Hause« Eli soll nicht gesühnt werden durch Schlacht- und Mehlopfer“ (1, Sam. 3,14) ״sie kann jedoch gesühnt werden durch Gesetzesstudium und durch wohlthätige Handlungen. - Auf solch? Weise deutet er anch die Stelle Micha 6,7—8. — L Arama hebt auch hervor, dass im Pentateuch das Wort עבודה n*® aüf den Opferritus angewendet wurde; denn das Wort passe nur auf den Dienst des Herzens and die daraus hervorgehende Erfüllung der Geb:te. Darum hatten ansere Waisen (Mechilta 8 תא. t) die Frage (2. M. 12,26) ״Was bedeutet euch diese עבודה den freveln-' den Sühnen beigemessen, die im Sinne der Götzendiener, bei denen das Opfer ein Dienst war, das zur Befriedigung und Besänftigung der Götter diente, ebenfalls das Opfer eine עבודה nannten. — Eine Bemerkung erlauhe ich mir hier za machen. Es wäre su~ wünschen, wenn der Akedath Jizchak mehr von Gelehrten benutzt würde, als dies meines Wissens bisher geschehen ist. Denn abgesehen von seinem reichen Inhalt, bietet er eine wahre Fundgrube für die nenhebräisehe Sprache. Man begegnet darin Wortbildungen, die man sonst nirgends mehr findet. — Arama weist aach, um die Ansicht des Maimonides za entkräften, anf die lange Zeitdauer hin, worin die Bestimmungen des Opferrita» ihre Geltung gehabt hätten, was nicht der Fall gewesen, wenn dieselben nur aus der Besorgniss, die Istaeliten möchten sonst den Götzen opfern, hervorgegangen wären. Ich möchte noch Folgendes hinzufügen. Der zweite Tempel hat von 516 vor bis 70—Jahre Jahre nach Chr. bestanden. Während dieses fast 60ojährigen Zeit; raums war jede Spur von Götzendienst aus Israel gewichen, der Monotheismus befestigt Eine Hinneigung zu den Götsen und zu ihrer Verehrung war nicht mehr zu besorgen. Und dennoch wurde das Opferwesen nicht nur beibehalten, sondern sogar mit immer grösserer Weihe, Pracht und Herrlichkeit verrichtet. — Und noch mehr. Die Evangelien legen Christas folgende Sätze in den Mund: Matthäus 5,23—24: ״Darum, wenn Du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst alllda gedenken, dass dein Bruder etwas wider Dich habe, so lass allda von dem Altar und gehe zuvor hin und versöhne Dich mig Deinem Bruder und alsdann komme und opfere Deine Habe.“ Matthäus 8,4. ״Und Jesus sprach za ihm (dem Aussätzigen): ״Siehe zu, sage es Niemand; sondern gehe hin und zeige Dich dem Priester und opfere die Gabe, die Moses befohlen hat zu einem Zeugniss Über sie Vergleiche Marc. 1,44. Luc. 5,14. — Er hat demnach das Opferwesen nicht bloss als fortbestehend angesehen, sondern auch zu dessen Beobachtung aafgfr^ fordert, und wäre dies, wie Manche behaupten, nur eine Anbequemung an die Volksmeinung gewesen, so würde er sicher nicht die Worte ״zum Zeugniss über sie* hinzugesetzt haben. Und sollte David Strauss und mit ihm noch andere gleichgesinnte Kritiker Recht haben, dass die vier Ev&igelien ihre jetzige Gestalt erst im zweiten Jahrhundert nach Christi erhalten und ihre Be- und Umarbeiter ihre eigenen Anschauungen hineingetragen haben, so beweisen jene Sätze, dass selbst in christlichen Kreisen gute Ansichten über den Werth des Opferwesens im Tempel geherrscht haben ׳ müssten, weil man sonst jene Satze Christus nicht in den Hund gelegt, sondern, wären sie überliefert gewesen, viel eher äusgeschieden haben würde Das Opferwesen war der Culturstufe der alten Welt angemessen, es war die naturgemässe Art ihrer .Gottesverehrung. In Israel hat der Opferbegriff alle Phasen der Entwicklung durchgemacht, bis er sich immermehr vergeistigte und in Gebet, Busse und guten Werken auswirkte. ln Evangelium Matth. (15,3—6) heisst es: ״Er (Jesus) antwortete und sprach zu ihnen (den Schriftgelehrten): Warum übertretet ihr Gottes Gebot, um eurer Aufsätze (Satzungen) willen? Gott hat geboten: Du. sollst Vater und Mutter ehren; wer aber' Vater und Mutter flucht, der soll des Todes sterben. Ihr aber lehrt: Wer zum Vater oder zur Matter spricht: Wenn lch’s opfere, so ist es Dir viel nützer, der thut wohl. Damit geschieht es, dass Niemand hinfort seinen Vater oder seine Mutter ehrt, und habt also Gottes Gebot aufgehoben, um eurer Aufsätze willen.“ Die Lehren und Satzungen der Schriftgelehrten und Pharisäersind im TF•nud niedergelegt. Da findet sich aber keine Spar von ״ der Lehr' .e die Darbringung eines Opfers höher schätzte, als die Ehre g-geii die Eltern. Gerade'im Gegentheii. Es gilt in demselben der unbestrittene GrundsaB, dass eine Opfergabe, die der ' Opfernde erst durch Uebertretung einer Pflicht brächte, verwert- ■ lieh sei, denn es wäre מצוהדיבאה בעברה• Nach meinem Ermessen sind die letzten Bearbeiter der Evangelien, die nach David Straus• im zweiten Jahrhundert nach Chr. lebten, Heidenchristen gewesen, ' Daher waren sie mit den Satzungen der S. hriftgelehrten und Püarisäer, welche letztere sie immer so! verbinden, als wenn beide iden« tisch wären, nicht genau vertraut, und zeigten öfters das Bestreben, diesen Schriftgelehrtendünkel anzuheften, um so das Christenthum vom Judenthum zu trennen. Es mochte allerdings auch viele . Judenchristen gegeben haben, die die Lehren und Satzungen der ,- Scbriftgelehrten nicht genau kannten, da dieselben nicht anfge-. geschrieben, sondern nnendlieh vom Lehrer auf den Schüler fortgfe-־־ pflanzt wurden; allein, was den Punkt der Ehre gegen die Eltern ' anbelangt, konnten geborne Juden unmöglich in den Irrthum ver- ' fallen, als stellten die Schriltgelehrten das Opfer höher als di• , Kindespflicht. * Ks j ■i■ :1 וי י־:•, *•s : V •ד i-i- 1.*?