Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 7 (1878)
- Issue
- No. 43. (23.10.1878)
- Date
- 1878-10-23
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gat, als das Erste, wovon der Opferbegriff ausgegangen, war wohl immer geblieben; doch traten, je nach Bildung und Religionsanschauung, noch Momente hinzu, die den Begriff modificirten. — Drei verschiedene Theorien über Opfer mögen hier eine kurze Erörterung finden. 1) DieanthropopathischeAnsicht. Sie sucht den Ursprung der Opfer in den rohen ,sinnlichen Vor- Stellungen vom göttlichen Wesen. Die Opfer, behauptet sie, seien Geschenke verzehrbarer oder ge niesebarer Dinge, wodurch körperliche Bedürfnisse deT Götter befriedigt, oder den Göttern sinnliche Genüsse verschafft,־ oder der Zorn und die Rachgier d§r Götter befriedigt würden. י— Allein solche sinnliche Vorstellungen vom Opfer konnten wohl die Aegypter haben, die sich in den heiligen Thieren Incamationen des ׳Göttlichen dachten, die sie daher mit den wohlschmeckendsten Speisen versahen and ihnen die köstlichsten Gerüche bereiteten, nicht aber der Mosaismus mit seinem JHVH als dem absoluten geistigen Sinn. Hier kann von einer Speisung und von einem sinnlichen Genüsse der Gottheit keine Rede sein. Ueberdies bildete ja . der Mittelpunkt des mosaischen Opferritus das Blut. Dieses bildete aber nirgends die gewöhnliche, geschweige die beliebteste Speise, womit man die Grossen und daher auch die Götter hätte ehren können. Ebensowenig konnten die auf dem Altar verbrannten Eingeweide und Opferstücke mit ihrem brennzliehen Gerüche einen sinnlich wahrnehmbaren Wohlgeruch verbreiten; und wenn es von denselben heisst: ״Dem Ewigen zum lieblichen Geruch“, so kann dies unmöglich anders als im figürliehen Sinne verstanden werden, in der Bedeutung ״zum Wohlgefallen*. (Fortsetzung folgt.) Achiman, Scheschai und Talmai. Von Dr. Stier, Rabbiner in Steinamanger.. (Schluss) Wenden wir ans nun der Art zu, wie Talmi d und Midrasch die Namen erklärt und gedeutet hab3n, so zeigt sich zweierlei: 1) gewahren wir da' der St11׳ wierjgkeiten oft noch mehr als in der Bibel. Wenn sich auch die Deutung dem Sinne nach leicht ergibt, Er klärung und Erklärtes eine ungefähre Aehnlichke it aufweisen, so braucht man doch nur aufmerksam linzusehen, um Schwierigkeiten wahrzunehmen. Das zeigt sich bei der Erklärung des oben angeführten I'elden Scheschai, wie wir unten auseinander setzen v ollen. 2) zeigt sich darin, wenn auch im Kleinen, der Unterschied der 8chreib- und Lehr weise ■der zwisehei dem Talmud, als der ׳ Quelle, und den Midraschim, die aus dieser Quelle geschöpft haben, besteht. In jenem stellt sich der Forschungsgeist in seiner Ursprünglichkeit dar, in diesen zeigt sich die Abhängigkeit von fremdem Gleiste, dort ein prägnanter, zuweilen! sehr dunkler Ausdruck, hier mehr Breite aber auch!mehr Deutlichkeit. Dort ist es, am im Bilde zu reden,־ das Metall das die Bergleute aus dem Felsen brechen, hier das gewonnene Gut, das die Kunstverständigen jbreitschlagen und verwerthen. Die Talmudisten sind For- 8£her, die den von gesetzgeberischer Thätigkeit ernjtldeten Geist eine Erholung in der Bibelexegese suchen lassen ,*) aber auch hier weder die Schärfe ihres Geistes, noch die< Sicherheit ihres Urtheils verleugnen. Die Midraschisten sind Homiletiker, deren Denkthätig- Jteiten sich in der Exegese erschöpft Obwohl, sie zuineisfreiferiren, da96e)be mittheilen, was die Talmudisten aasgesprochen, ist es doch nicht dasselbe. ־ Um uns von der Richtigkeit der beiden genannten Punkte zulüher- *) Obgfeieh uu eeseUgeberischen Thätigkeit, zur auch1 Siegele geübt werden musste, kommt das hier nicht in " ' zeugen, wollen wir uns die Namenerklärungen vou Achiman und Scheschai ansehen, und die Erklärung des Talmud der des Midrasch gegenüberstellen. Talmud (Sota 34, Joma 10): מיומן שבאחיו=אחיםן, die Rechte (auch der Rechte, der Stärkste) unter seinen Brüdern Daraus machen die Midraschim folgendes: Rabboth zur Stelle: ״ אחי מן יךא עליMein Bruder, wer kommt zu mir? (ist mir gleich?)*) Tanchuma z. St. Er sagte: אחי מאץ יבא עלי שום ״ ,אדםMein Bruder, woher wird irgend ein Mensch gegen mich kommen? (gegen mich auftreten?)“ Tanch. will augenscheinlich Rab verbessern, seine La. liest sich auch geläufiger. Man .sieht aber, was die beiden Midraschim**) aus dem Satze des Talmud: מיומן שבאחיו gemacht haben. Es ist, wie gesagt, dasselbe und doch nicht dasselbe Die Form ist ganz, der Inhalt zum Theil ein anderer geworden. Dadurch, dass sie das Wort in אחי מן und אחי מאין zerlegten, und ihre Erklärung dennoch der des Talmud anzupassen suchten, erscheint die Quelle, aus der sie schöpften, stark getrübt. Ist hier, in dem Worte Achiman, wenigstens eine Anlehnung an die Erklärung des Talmud, so zeigt sich l die Erklärung des zweiten Recken Scheschai, wie sie der Talmud gibt in den genannten Midraschim ganz verwischt Talmud das. erklärt ששי mit שמשים את הארץ ״ כשחתותer macht die Erde wie Gruben.“ (Er (sein Tritt) macht Vertiefungen, Gruben in der Erde.) Die beiden Midraschim haben kurzweg; ״ שהיה בריא בשישer war gesund (stark,, fest) wie Marmor.“ Wie oben ist es auch hier der Wortklang in erster Reihe, der die Midraschisten veranlasste, diese Erklärung zu wählen. Aber auch darin sind sie nicht selbstständig, sondern copi^en Raschij1) indem sie dessen Vermuthung als bare Münze nehmen. Raschi erkennt die ganze Schwierigkeit der talmud. Auslegung und weiss es sich nicht zu erklären, wie der Talmud Scheschai mit ״Gruben“ zusammenbringt. Raschi stellt daher die Vermuthung auf (ונראה) dass wie die Schwere des Marmors (שיש) Spuren in der Erde zurücklässt, so der Tritt des Recken Scheschai. Dass Raschi nicht Wortspielerei treiben wollte, sondern die Sachen ernst nahm, beweist dessen Erklärung zur selben Stelle in Joma 10a. Daselbst erklärt er ששי mit שאת והשבר M. Echa 3,47. שאת heisst: Verderben, Verwüstung. Dem entsprechend müsste man משימין א׳הארץ כשחתות Übersetzen: ״Er macht Verwüstungen in der Erde.“ Eine Uebersetzung, die offenbar dem Worte mehr entspricht. Da aber der Stamm שחת als Nomen nur im Sinne von ״Grube, Graben“ u. dgl., nie aber als Verwüstung, Verderben vorkommt, (in letzterem Sinne wird es stets’) als Verb gebraucht) so erscheint auch diese Erklärung etwas gezwungen. Wir glauben nicht zu irren, dass die Talmudisten zur Erklärung des Wortes ששי die Wurzel שש&$ angenommen haben. אשש lat. ״sternere, hinbreiten, zu Boden legen.“ In weiterer Bedeutung drücken, pressen, treten, graben. Hiervon abgeleitet אשיש der Grund, die Vertiefung, אשישי ענבים Traubenkuchen, eigentlich gepresste Trauben. Ist in der Schrift das )Vort אשש nur im weiteren Sinne als ״pressen, treten, graben“ zu nehmen, *) Da er nach demTalmad der Stärkste unter seinen Brüdern ist, dürfte es besser sein, zu lesen: 'מאחי מן י' ע »UQter meinen Brüdern, wer kommt zu mir, ist mir gleich.“ **) Jalkut hat die Leseart des Talmud aufgenommen, er bringt nar unter תנא אמך*״" zur Erklärung Achimans eine ähnliehe Leseart wie Rabboth. (Red.) Das kann man doch so allgemein nicht behaupten am allerwenigsten von den älteren Midraschim. >j Es findet sieh auch als Kamen, Hiob 33,23 u. 38, Ps..65,34; .nach einigen auch Deal. 33,5. (Red.)