Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 7 (1878)
- Issue
- No. 27. (3.6.1878)
- Date
- 1878-06-03
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
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zwar auch die Weisheit, jedoch nur als Eigenschaft eines Menschen, der durch seine Frömmigkeit und Geistesthätigkeit zu ihr gelangte, also den Weisen. Die Propheten (נביאים) waren verschwunden und an ihre Stelle traten die Weisen (חכמים) und (Baba buthra f. 12a) ״חכם עדיה מנביא) der Weise, d. i. der Ei^sichtsvolle, der göttliche und menschliche Dinge richig auffasst und in ihnen Rath weiss, ist mehr als der Prophet. Dieses Thema sucht das Buch Esther durchzufilhren. Mordechai stellt sich uns in jeder Hinsieht als ein Weiser dar. Er sieht iin Voraus, wie sich die Dinge am Hofe des Ahasveros entwickeln werden und ergreift weise Massregeln. Der Mensdhenvergötterung ist die auf Frömmigkeit sich gründende Weisheit feind Darum wirft er sich vor Ham״n nicht nieder. Er b<!lauscht die Empörer, welche einen Anschlag auf das Le^en des Königs gefasst hatten und vereitelt denselben, verlangt aber nicht sofort eine Belohnung, sondern wartet auf den entscheidenden Moment, wo er als Retter des Lebens des Königs aufireten und Hamans Ränke '■ernicliten könne Er erzieht seine Mündel wie ein Weiser und ertheilt ihr weise Rathschläge etc. etc. Vrenn er nun, zur Herrschaft gelangt, Bache nehmen l Isst, so ist dies nicht auffällig, denn der Weise bleibt immerhin ein Kind seiner Zeit, und er übt in diesem Falle nur morgenländische Sitte Die Zahlen der Getödteion sind jedenfalls nach morgenländischer Schreibart sehr übertrieben. — Die uralte Frage, warum der Nam? Gottes nicht im Buche Esther vorkömmt, löst sich schon dadurch, dass hier nich ein die Rathschlüsse Gottes unmittelbar empfangender Prophet auftritt und handelt, sondern ein Weiser vermittelst seines reflectirenden Verstandes. Dennoch fehlt darin auch die Religion nicht, da damals das Fasten der Ausdruck dejr reuemüthigen Rückkehr zu Gott und der religiöse!) Gesinnung war.-Ich weiss, diese Ansicht über das Buch Esther ist neu und, man kann sagen, kühn. Dennoch wollte ich sie der Oeffentlichkeit übergeben. Vielleicht regt sie Manchen an, sich in den Gegenstand mehr zu vertiefen. Darmstadt, im Mai 1878. M. Mannheimer. Literatur bericht. Recensionen. Buer, Abraham. בעל תפלה Der praktische Vorbeter. Gr. 8. XXII und 358 S. Frankfurt al/M. bei J. Kaufmann. (Schluss von No. 24.) Mit Rücksicht auf den grössten Theil der Leser dieses gesell. Blattes vermag ich nicht auf die Details dieses grossartig angelegten Werkes hier nähep einzugehen, und beschränke mich nur auf einige! Punkte. In nicht weniger denn 1511 Nummern brijigt Herr Baer neben Recitationen und Minhagim vorzüglich polnisches, aschkenasisches und selbst sephardisclpes Chasonuth. Und wie schön geordnet ist da Alles! iNehmen wir ein beliebiges Stück, welches verschiedenes Chasonuth hat, z. B. יוצר אור, so zeichnet Herr B|aer erst die! polnische Weise mit dem Texte auf, fücjt dieser auf einer zweiten und dritten Zeile die aschk0nasische und sephardische und schliesslich in einer Anmerkung noch einen Minhag hinzu. Auf solche Art!hat beispielsweise ^as דוכן לג' רגלים neun theils bekannte, theils solche Melodien, die bisher noch gar nicht aufgeschrieben worden waren Wir haben nur Weniges in dem Werke vermisst, was lür den ״praktischen“ Vorbeter nöthig ist; unentbehrlicher als z. B. No. 5 u. 1156 *) Uer חכם i*t schon deswegen mehr als der ינביא we*l er erst auf die Keibe aller Propheten folgt und daher alles Wahre und (Jute, das Letztere erzeugt, in sich anfgenommen hat. (die Art, wie der Rabbiner die Tekioth v|oriusagen ־hat), wäre ein על הראשונים für die Sephira;!auch והוא רחום und ברכו am Sab bat hausgange vor der Seüchothwoche,ולירושלים UQd שומר ישראל die ״drei M ochen“ wäre vielleicht wichtiger und das Aufschreibens lohnender, als die Notirung der ganzen Schmone-esre für Wochentage nach einem und demselben Recitaliv oder gar Cantor Offeqbach’s Liedchen: ״Ein Lämmchen11. Das 1^־60^מה־נשתנה^ lässt man sich schon gefallen, weil es so recht an den Ton erinnert, wie man Ge^ mara ״lernt*. — Sieht man von diesen, wie ich selbst, gestehe, unwesentlichen Erinnerungen ab, so müssen wir von diesem Werke des Herrn B. nar wiederholen, dass wir dari 1 eine grosse Aufgabe meisterhaft gelöst finden. Während seine Vorgänger blos das gebräaehliehe Chasonuth, und auch dieses nur dürftig, notirt häben, hat Baer neben diesem eine ganze Reihe präch-־ tiger Melodien und Recitative der Vergessenheit ent* rissen. •Und das ist gewiss ein grosses Verdienst Höehst überrascht wurde ich durch die sephardische Melodie zu ילדוד ברוך die schon vor 200 Jahren Benedetto Marcello,' ein venezianischer Patrizier in seinem ״Estro poetico armonico* unter der Ueberschrift: ״Intonazione degli Ebrei spagnuoli“ brachte und zwar, da der hebräische Text darunter, von rechts nach links gedruckt. Vermuthend, dass sie Herr Baer dorther habe*), suchte ich auch nach der Melodie zu מעוז צור, welche Marcello im 15. Ps. mit ״Intonazione degli Ebrei tedeschi* bezeichnet — einer ganz anderen, als wir sie heute^in Deutschland zu hören bekommen — fand sie aber zu meioem Bedauern nicht vor. Sie ist so reizend, dass sie wohl verdient, unter den Collegen bekannt zu werden.**) Indem!ich zum Schlüsse eile, mache ich nur noch auf einige ״•verbotene Quintengänge'■‘ (siehe No. 1471 Takt 5 und No. 1488■ N. W. Takt 2!) und den Irrthum in der Vorrede, das(5 ״die Herslellbarkeit der althebr. Vacalmiisik“ nicht Arndt, sondern Leop. A. F. Ar ende***) zum Verfasser hat, aufmerksam und spreche im Namen vieler Collegen Herrn Cantor Baer für seine bewunderungswürdig fleissige Arbeit den wärmstea amtsbrüderlichen Dank ans. Ich I10ffe( bei Gelegenheit auf sein epochemachendes Werk noch zurückziikomtnen uDd würde mich herzlich freuen, wenn der Verfasser selbst in der versprochenen Abhandlung über die Entstehung der traditionellen Gesänge, worüber auch ich schätzbares Material gesammelt, baldige Veranlassung hierzu gäbe. Hat er sich ja durch seinen ״praktischen Vorbeter * nicht nur selbst als sol* chen, sondern zugleich als einen Philologen ersten Ranges auf dem Gebiete des Chasonuth erwiesen. I E. Birnbaum, Cantor in Beuthen. ־ מגלת קהלת, hebräischer Commentar von B. Wer* ber in Brody. Warschau, I. Goldmann. Auf 41 Octavseiten liefert der Verf. Text und Com* mentar. Das nimmt sich doch höchst erfreulich aus im Vergleich mit׳ den ziemlich umfangreichen Bänden, in welchen namentlich die neue Exegese den ,räthselhaf- 1enu Koheleth aufzuhellen bestrebt ist. Diese! anfänglich angenehme Eindruck würde sich auch zu einein bleibenden gefallen, wenn der Commentar die Aufschluss« bieten, die, er zu bieten vermeint, wenn das Verständnis« ies Ganzen erschlossen und die Schwierigkeiten iin Einzelnen gelöst würden Allein auch Herr Werber dürfte Koheleth sein Geheimniss nicht anvertraut ־haben. Welches ist *) Uebrigens bringt Forkel, .Geschichte I. 162—65 alle )0dischen Melodien aus Har cello ohne Quellenangabe. »*) . Ich beabsichtige sie später nach der Bearbeitung meines horhgesch. Lehrers A. 0. Ritter zu Magdeburg als besondere Beilage diesem Bl. beizugeben. ***) Es i-t das derselbe Arends, welcher ein ״Neues System der Stenographie“ herausgegeben i