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Das jüdische Literaturblatt · 1878-06-03 · No. 27. (3.6.1878) · p. Seite 106

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
7 (1878)
Issue
No. 27. (3.6.1878)
Date
1878-06-03
Page
Seite 106 (sequence 2)
Language
German
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gen einer unterjjegangenen ־Welt und schrieb dickleibige stupend gelehrte Werke darüber.' Ihr macht es nicht besser! Um die Agada zu wissenschaftlichen Zwecken •udegen zu können, müsset ihr diese zuvor hineinlegen. — Nun denn eines solchen mti9sigen Beginnens glauben wir doch wohl aberhoben zu sein. Erstaunlicher wäre es allenfalls gewesen, wenn die Talmudweisen bei ihrem wunderbaren Scharfsinn und ernsten Eifer, ]bei der durch die Religion ihnen gebotenen, durch viele Generationen fortgesetzten minutiösen Beobachtung und Untersuchung der Schöpfungsdinge soche tiefe Ein* blicke und Erkenntniss nicht gewonnen hätten. Die Religion trat ja an ihren Bekenner bei jeder selbst ge* jjngftkgigsten. Lebensäusserung, bei jeder Beziehung zu Wesen und Erscheinungen der Aussenwelt, bei jedem Bissen, den er zum Munde« führte, bei jedem Gewände» in das er sich hallte, bei jedem Schritte in Haus und '!Hof, in Wald und Flur, in Schule, Tempel und Gerichtssaal, im Frieden und Kampfe, mit der steten Mahnung heran: betrachte genau, prüfe sorgsam,, unteraebeide haarscharf, urtheile richtig! Aufmerksame Beobachtung und innige Beschäftigung mit einem Gegenstände der Natur befreundet, begründet die innigste Sympathie mit demselben und diese fördert jene: Der genaue Kenner des Thierlebens wird ein Thierfreund und wohl auch umgekehrt; denn was man mit Vorliebe thut, geht ja am besten von Statten. (Forts, f.) Aach eine Ansicht über das Bach Esther., Herr Dr. Bloch, Rabbiner in Brüx, hat vor einiger •Zeit in diesen Blättern eine Reihe von Artikeln über das Buch Esther erscheinen lassen, worin er, habe ich um richtig verstanden, mit vielem Scharfsinn und mit Aufwand grosser Gelehrsamkeit nachzuweisen versuchte, das Buch Esther sei hellenistischen*) Ursprungs und -seine Tendenz bestehe namentlich darin, an einem eclatauten Beispiele darzuthun, dass nicht durch den Kampf der Maccabäer und durch feindliches Abschliessen von den Syrern die Juden zu Ansehen, Ehren und Ruhe gelangen könnten, sondern durch Güte und Milde und durch treue Anhänglichkeit an den König und dessen Yolk, wie dies bereits zum Nutz und Frommen desselben in einer frühem Zeit, zur Zeit des Ahasveros, geschehen wäre. Gegen diese Auffassung des Buches habe ich einige Bedenken zu erheben. Mordechai lässt, nachdem die Gesinnung den launenhafien Despoten umgewandelt und er än die Stelle Hamans getreten, furchtbare Rache an den Uüterihanen des Königs nehmen. Viele Tansende derselben werden umgebracht, obgleich, wie das Buch erzählt, ״die Furcht Mordechai’s auf sie gefallen“ und sie so muthlos waren, dass sie nicht wagen konnten, Hand an die Juden zu legen. Ist dies aber nicht ein offenbarer Widerstreit gegen die vermeintliche Tendenz des Buches? Wie hat *ich denn in eineni solchen Verfahren die Güte und Milde abspiegeki können, die den Juden in ihrem Verhältnisse zu den Syrern als Muster der Nachahmung dienen sollte? Wahrlich, durch ein so vom Dichter erfundenes Beispiel von Härte und Grausamkeit konnte! man weder die Juden vom Kampfe abwendig machen, *) Seit der Mitte des" dritten J&hrhnnderts v. Cbr. gab es in ^•nel viele hellenistisch Gesinnte, die danach strebten, griechisches Wesen and leichtfertige griechische Sitten unter den Jaden heimisch zu machen. Diese Hellenisten standen später der gesetzes* treuen maceab&ischen Partei feindlich gegenüber. ן noch die syrischen Griechen gewinnen. Schon dass I nicht blos Haraan gehenkt wurde, sondern dass auch seine Kinder sein Schicksal theilen mussten, konnte für die damaligen Griechen, die schon einen gewissen Grad von 'Bildung erreicht hatten, nichts Anziehendes und Verlockendes bieten, um wie viel weniger dieses angerichtete Massscre unter der Landbevölkerung. Der Vorhalt eines solchen war nicht geeignet, Syrer und Juden zu versöhnen und sie zu einem beiderseitigen brüderliehen Entgegenkommen zu veranlassen. Ist also dieses Buch weiter nichts als eine dichterische Fiction, so hat der Dichter schliesslich seiner Tendenz einen harten Schlag versetzt. Ein zweites Bedenken. Vor den Augen der Israeliten hatten sich im Laufe von nur wenig Jahrhunderten welterschütternde Ereignisse, grosse staatliche Umwälzungen abgewickelt. Weltreiche entstanden und verschwanden, das eine baute sich auf den Trümmern des andern auf: das assyrische, chaldäische, inedischpersische und macedonisch-griechische Weltreich. Die Israeliten waren dabei stets in Mitleidenschaft gezogen. Ihr Wohl und ihr Weh, namentlich aber ihre grössere oder geringe staatliche Selbstständigkeit, hing stets von derjenigen Nation ab, die zeitweilig zur Oberherrschaft gelangt war. Musste sich aber nicht unter solchen Umständen naturgemäss bei den Israeliten ein historisches Bewusstsein ausbilden und reifen, das wohl zu unterscheiden weiss zwischen einem wirklichen Geschehen und einem blossen Erdichten? Und dennoch sollten sie, nach der Ansicht des Herrn Dr. Bloch, die durch und durch erdichtete Erzählung, wie sie im medisch-persischen Reiche der Gefahr ausgerottet zu werden ausgesetzt waren, und wie sie durch die zarte.Hand eines Weibes aus derselben gerettet wurden, als haare Münze hingenommen haben! Das ist doch höchst unwahrscheinlich. Der Hinweis auf das Buch Daniel beweist nichts. Die Ansicht, dass dieses Buch ebenfalls keine historische Grundlage habe und zur Zeit der Maccabäer erst abgefasst worden sei, eine Ansicht, die hauptsächlich von Hitzig erfunden und vertheidigt wurde, hat allerdings unter den Gelehrten vielen Beifall gefunden. Allein wenn wir die neuern exetischen Bearbeitungen des Buches Daniel von Kliefoth, Kranichleid, Keil etc. lesen, so erscheint uns jene Ansicht höchst problematisch, wenn nicht gar unmöglich. Aber davon abgesehen, so betreffen die im Buche Daniel erzählten Begebenheiten zunächst nur Daniel und seine drei Freunde, es sind gleichsam nur Privatangelegenheiten, und da lasst sich die Unterschiebnng einer Dichtung eher denken, als wenn Begebenheiten ein ganzes Volk betreffen. Mjt dem Buche Esther hat es nach meinem Dafürhalten folgende Bewandniss. Demselben liegt allerdings eine wirkliche Begebenheit zu Grunde, und auf dieser Grundlage hat sich allmählich die Erzählung, wie wir sie jetzt vor uns haben, aufgebaut Der letzte Bearbeiter hat die theils mündlich, theils döcumeHtarisch überlieferten Bestandteile zu einem künstlichen Ganzen geformt. Die Tendenz, die mir aus dem Ganzen entgegenleuchtet, und die der Verfasser bei der Anlage desselben consequent durchzuführen .sucht, besteht in der Verherrlichung der Weisheit resp. des Weisen. — Nun hat der alexandrinische Hellenismus die Weisheit hypostasirt, d. i. er hat sie als eine selbstständige metaphysiche Substanz aufgefasst und dargestellt, wie dies aus dem ״Buche der Weisheit“ erhellt.*) Das ist zu weit gegangen. Diese Hypostasirung ist, aus dem Platonismus stammend, antijüdiseh Hiergegen kämpft das Buch Esther indirect an. Es verherrlicht *) In den Proverbien wird die Weisheit auch personificirt, 81lein dies ist nar eine Redefigur, eine Allegorie.

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