Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 7 (1878)
- Issue
- No. 23. (5.6.1878)
- Date
- 1878-06-05
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
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90 thümlichkeiten erkannt als moderne Naturforscher. Denn damit sich ein Thier, zur Nahrung oder als Lastthier oder zuin Pfluge ausnehmend eigne, muss es, was die Zähigkeit der Muskelfaser, die verschiedene Vertheilung und Entwickelung der Muskelpartien, die Beschaffenheit der Sehnen, Derbheit der Knochen, Vefhaltniss der .Gliedmassen zum Rumpfe, Fettansatz u. s. w. betrifft, grundverschiedene Eigenschaften aufweisen, nach denen man jene Verwendung und die damit zusammenhängende Zuchtwahl treffen kann. — Eine Correlation der Farbe mit der Gemüthsart domesticirter Thiere beobachteten sie an der Katze. (Baba Kama 80a und b.) Daselbst ist die Rede davon, welche Spielarten von Katzen man züchten und im Hause,' halten dürfe. Als gefährlich mit Bezug auf einen Fall, wo eine Katze ein Kind arg beschädigte, werden die weTssen und wahrscheinlich die grauen (חיודא), als unschädlich jedoch die dunkelfarbigen (אכם ,אוכפא, das ägyptische ״Kemi“) bezeichnet. Daselbst: ״Eine dunkle Katze, die von einer grauen stammt, deren Erzeuger dunkel waren, ist der Wildheit verdächtig.-Eine dunkle Katze hingegen, die von einer grauen stammt, deren Erzeuger ebenfalls grau waren, ist sicher 90 gefährlich wie eine graue (Wildkatze).“ Unschwer’istdarin auch das Gesetz des Rück- Schlages1) zu erkennen. Darwin sagt hierüber: ״Die Fälle von Rückschlag lassen sich ip zwei Hauptklassen eintheilen, welche indessen in manchen Fälleai mit einander verschmelzen. Nämlich erstens solche Fälle, welche in einer Varietät oder Race auftreten, 4he nicht gekreuzt worden ist, aber durch Variation irgend einen Charakter verloren hat, den sie früher besasa, und der später wieder erscheint Die zweite Klasse umfasst alle Fälle, in denen ein unterscheidbares Individuum, eine Subvarietät, Race oder Species zu irgend einer frühem Zeit mit einer distincten Form gekreuzt worden ist. und wo nun ein aus dieser Kreuzung hergeleiteter Charakter, nachdem er während einer oder mehrer Generationen verschwunden war, plötzlich wieder auftritt.“ (Darwin, das Variiren . . . II. 38, 47.) Beide Klasseu von Rückschlag sind in jener talmudischen Decision über Züchtung von Katzen exempllficirt. Da die domesticirte Katze wahrscheinlich von der Wildkatze ursprünglich stammt, so ist sie unter die erste Klasse zu subsumiren, bei der “die Charaktere, welche ursprünglich bei den Eltern gemeinsam gewesen, aber in einer früheren Periode verloren gegangen waren, wiedererscheinen; denn solche Charaktere können nach einer fast unendlichen Anzahl von Generationen wieder auftreten.“ Da aber die Katzen, von denen (Baba Kama a. a. 0.) abgehandelt wird, sich zugleich als zufällige Kreuzungsresultate von zahmen und wilden Katzen tdarstellen u. nach der Verschiedenheit in der Vererbungsstärke oder dem Ueberwiegen der Ueberlieferung von Seiten <ler beiden elterlichen Formenrückarten, so fällt dieses Beispiel auch in die II. Kategorie des Rückschlages. — Es sei noch erwähnt, was Darwin über verwilderte Katzen sagt: Sie sind sowohl in Europa als in. La Plata regelmässig gestreift; inmanchen Fällen haben sie eine ungewöhnlich bedeutende Grösse im Wachsthum erreicht, sind aber von dem Aomesiicirten Thiere in keinem andern Charakter verschieden.“ Daselbst 43. Der Talmud weiss also, wie erwähnt ward, von einer bemerklicheren Abartung bei verwilderten Katzen zu erzählen. Dass die dunkle Katze von früheren wilden, grauen Erzeugern blos die Wildheit, nicht aber zugleich die Färbung geerbt, erklärt sich aus dem Satze Häckels: ״Lediglich die partielle Identität der specifisch oonstuuirten Materie im elterlichen und kindlichen Ör- •) Synonym dafür sind Atavismus, Reversion, Throwing-back, PS*-e*-arri4re. ganismus, die Theilung dieser Materie bei der Fort* Pflanzung, ist die Ursache der Erblichkeit.“ Mythologie II, 171. (Fortsetzung folgt.) Einige talmudische Termini, kritisch beleuchtet von Dr. J. S. Bloch in Brüx. (Fortsetzung ) Sehr oft aber war mit solchen kleinen Correkturfcn nicht geholfen, eine blosse Namenänderung und Umstellung, Streichung oder Hinzufügung eines Wortes hätte den Widerspruch noch nicht gelöst. Die Amoräer schrecken dann vor einem radikaleren Vorgehen nicht zurück. Sie nehmen keinen Anstand, ganze Sätze in die Mischna neu hinzuzufügen. Die gewöhnliche Forme 1 ist da: חסודי מחסרא והכי קתני. vgi. z b. Gittin 74b, Sabbath 102a. Selbst dort, wo sich dem Talmud eine andere Lösung bietet, die ihm aber nicht zusagt, giebt er jenem Ausweg den Vorzug; siehe Baba Bathra 93b. Dass dies aber nicht auf Grand alter beglaubigt Lesarten, sondern kraft der eigenen amoräischen Combination geschieht, zeigt namentlich Taanith 26b. Die Mischna betrifft das Duchan der Kohanim, ist durchaus klar und verständlich, bezieht sich allerdings blos auf den jerusalemischen Ritas. Sie ist in voller Ueberein- Stimmung mit den Angaben der Tosefta, bedarf also nach keiner Seite einer Correktur. Allein die Amoräer, die nur an den babylonischen Ritus gewöhnt waren, blos an diesen dachten, fanden die Mischna unverständlich, und ohne langes Besinnen wurde mittels der Zauberformel הסורי מחסרא והכי קתני ein ganz neuer Satz in die Halacha hineingeschoben — eine Verschlimmbesserung der ärgsten Art, eine Corruption in Sprache und Stil. Vgl. Pineies, Darke schel Thora p. 41. Wer sich überhaupt alle in dieser Weise eingeschobenen Sätze genauer ansieht, der erkennt auf den ersten Blick, dass sie fast immer in der Mischna nichts zu suchen haben, fremde Gäste, für welche sogar der Raum nicht hinreicht. Das geht denn doch über Alles, was sich der kühnste moderne Kritiker an Coujecturen erlauben würde. Woher kommt dieses Hervortreten des subjectiven Urtheils bei den Amoräern der Mischnah gegenüber. Einzig und allein daher, weil sie das Gedächtniss in richtiger Würdigung der Grenzen aller menschlichen Sinne nicht für unfehlbar hielten und immer in Angst waren, dass sie vielleicht den richtigen Wortlaut der Mischna vergessen hatten. Einer geschriebenen Mischna gegenüber, einem überkommenen Texte, würden sie gewiss nicht so leicht gesagt haben:חסודי מדזסרא והכי ל,תני. Ihren Vorfahren hätten sie um Alles in der Welt keine Irrthümer zugetraut; sie misstrauten blos dem eigenen Erinnerungsvermögen. Als ich diese meine Auffassung dem gelehrten Hrn. Dr. Jeüinek in Wien mittheilte, zeigte ermir, dass sie sich merkwürdigerweise in den כללי שמואל des Ibn Sid oder Sedillo oder Serillo (der Name schwankt) am Schlüsse des תומת ישרים bereits findet. Seiner Güte verdanke ich einen Auszug jener Stelle und dort heisst es in voller Uebereinstimmung mit dem oben Gesagten: חסורא מחסרא שכחת ה׳אי דקתני רבינו הקדוש ♦ ♦ שכחת המשנה ולק חסרת ממנה Vergesslichkeit spielt überhaupt in unserm baby- Ionischen Talmud eine bedeutsame Rolle. Resch Lakisch (Menachoth 9a) vergass der Mischna Negaim 14,10; dem Huna u. Samuel (Sabbath 50b) war die Mischna Kala'im I, 9 entgangen. Von dem letztem wird Aehnliches auch Bechoroth 46b gesagt. In Moed Katan 5a sieht sich der Tosafist zu der Erklärung genöthigt, דהמקשה האי קושי' לא הי מתניתין שנורא בפיו. Ware das denkbar, wenn Juda Hanassi den Codex schriftlich