Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 7 (1878)
- Issue
- No. 22. (29.5.1878)
- Date
- 1878-05-29
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
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gleichnng finden, muss Jedem die Ueberzeugtlmg begründen, dass die Amorfier in der That nicht einen geschriebenen Mischnah-Codex vor sich gehabt haben können 1 , Welch eine wichtige Rolle spielt nicht d^s Wort א יפו ך oder מוחלפת השיטה Cvg1• Nedarim 61b. Kidd. 64b. Beza. 9b.), welches oft den gordischen Knoten der verwickeltsten Discussion wie mit einem Schwertstreich zerreist. Was bedeutet das Wort? Durch dasselbe wird die Leseart der Mischna eigenmächtig geändert, das Referat, in der Mischna im Namen eines beätimr'ten Tanaiten vorgetragen, wird einem ganz Andern beigelegt, dessen Ansichten wiederum den Namen irjes Gegners vorgesetzt erhalten. Mit welchem Rechjt haben sich die Amoräer dem Codex gegenüber eine solche Eigenmächtigkeit gestattet? Während die Spätem mit den schwersten: Flüchen Jeden belegten, der an ein heiliges ,Buch eigenmächtig Hand anlegt, sieht man bei den Amoräern eine geradezu räth6elhafte laxe Praxis; sie ändern und umstellen ii der Mischna nach Belieben, machen aus ״Unerlaubtem‘ — ״Erlaubtes“ (vgl. Nasir 11a u. a. St) aufi ״Rein" — ״Unrein“ (Sabbath 86a u. a.), aus Schanjiai wird Hillel, (Beza a. a. O.) aus R. Mfiir machen sie eineh R. Jose, aus R. Akiba einen R. Simon u. s. w. (Vgl. %. B. Nedarim 60a, Kidd. 64b,. desgl. Nedarim 19b u. a. St.) Man muss gestehen, dass das wenig pietätvoll scheint und namentlich durchaus nicht zu der rigorosen Art stimmt, in welcher religiöse Bücher dazumal titnd noch später respectirt worden. Hierfür giebt es blos Eine Erklärung: die Mischna war nicht schriftlich vorhanden! In der mündlichen Tradition konnten solche Ver- Wechselungen leicht Vorkommen; das menschliche Erinnerungsvermögen hat seine Grenzen, seine Schwächen, und man nahm keinen Anstand, Irrthümer, j die sich durch eine Di8cu38ion herausstellten, zu corrigiiren. Daher erlauben sie sich auch sonst, wo es ihnen güt scheint, (deine Aenderungen, (Chagiga 27a, Jorna 36b, Nasir 32b, Schebuoth 48a.) (Fortsetzung folgt.) i ■ Literaturbericht. 1 Reeenslonen. Töttermann, Aug., R. Eliezer ben Hyrcanos 8ive de vi qua doctrina Christiana primis seculis illüstrissimos quosdam Judaeorum attraxit. (Fortsetzung); Die unbestrittene Wechselwirkung eines! neuerstehenden Glaubens und des Alten, dem er entwächst, sucht in den ersten Seiten Herr T. mehr einseitig als Einwirkung des Christenthums auf die Pharisäer darzustellen. Freilich wird dann (S. 7) das Zugeständnissj gemacht, dass die christliche Lehre theilweise jüdisch^ Sprüche und Gleichnisse aufgenommen habe — doch!das Neue wirke übermächtig! Die Logik dieser Behauptung in ihrer Anwendung auf den vorliegenden Gegenstand dürfte anzuzweifeln sein. Uebrigens ist z. B. der mitangeführte Satz (Nedarim 41a) ״der Kranke ersteht nur; dann aus seiner Krankheit, wenn ihm seine Sünden! verziehen sind“, dort auf seine Quelle (Ps. 103, 3) ״der verzeiht all deine Schuld, der heilt all deine Krankheit“ zurückgeführt. Zu dem bekannten hagad. Satze: ״Mit dem Maasse, mit dem der Mensch misst, wild er wieder gemessen“ vergleiche Herr T. doch Meclilta בשלח K. 6 S. 61 ed. Weiss, und er wird finden, wit) oft dieser Gedanke schon in der hl. Schrift ausgesprochen ist. Noch weniger geglückt ist der Nachweis der vom Christenthume in seinen Anfängen geübten Einwirkung durch die Aufzählung einiger Talmudstellen, ijn welchen Gewährsmahn dieses Geschichte d. Juden von Heilungbn erzählt wir« 1, die durch!das Aussprechen des Namens Jesu versucht wurden. Das beweist nur, dass damals der Abergla ihe, es könnten durch Besprechungeni Heilungen bewirkt werden, weit verbreitet war, und begründet die Vorschrift ״Alles darf zur Heilung angewendet werden, a isser Götzendienst, Unkeuschheit und Blotvergiessen“. Auch des Epiphanias Erz&hlung von der Bekehrung e nes Patriarchen ist so wenig beglaubigt, dass sie a ls ein Märchen angesehen werden muss, zumal ein getaufter Jude, Josef, der Erfinder und Gest hichtchens war (cfr. Graefz, IV S. 336, II. Auflage). Noch•' weniger ergebt sich aus dem Reiche der Fabel der Christusglaübe des R. E ieser. Nach einem kurzen Lebensabriss des Tanaiten und einer Würdigung desselben (dass seine Verordnt ng ובסכנה מכסהו — Sabbath 130a — das Beschneidurigsmesser in der Gefahr zu ver- ' decken, auf die Hadcianische Verfolgung hindeute, erscheint um; so unwahrscheinlicher,- als selbst, wenn er so alt geworden, er dam) .18 gebannt war) bis 8. 14, ־ beginnt die eigentliche Beweisführung. Dass R. Elieser das Niedergehen des Wissens (חבימיא למהוי כ0םריא) von der Tempelzerstörung־ datirt, die 40 Jahre nach l und nicht vor dem Auftreten Jpsu erfolgte, zeigt, dass die 40 Jahre dauernde Messiaszeit, von welcher dasselbe Zeichen gelten soll, von ihm damals noch nicht als eingetreten erachtet wurde, sondern dass er sie, gleich R. Akiba,!erst im Anzuge dachte — (dadurch schloss ־ der Letztere sich Bar Kochba an!). Hier mag Herr T. der Hinfälligkeit seiner Cambinationen, da sie gar zu!deutlich ist, sich selbst vergewissern. Nebenher b©־; merkt, steht R. Elieser mit diesen Anschauungen nicht vereinzelt, vgl. z. B. R. Pinchas ben Jair: ״Nach des Tempels Zerstörung sind beschämt die Grossen und Edlen, . sie verhüllen ihr Haupt, und gelähmt sind die' Werkthätigen, stark aber die Gewaltsamen und die Zungenhelden. Niemand sucht und forscht und frägt. Auf wen sollen, wir uns stutzen? Auf unsern Vater im ■■■ Himmel!“ (ibid. Sota cap. 9 [nicht 8!]); und dass Busse dem Juderithum stets höher stand, als aller Opfer- und Tempeldiqnst, beweist nicht allein neben R. Elieser R. Jacobs Spruch (Aboth 4, 17): ״Schöneri st eine Stunde in Busse und Gutthat in dieser Welt, als das ganze Leben des Jenseits“, sondern die ganze heilige Schrift, von Samuel (1,15, 22): Gehorsam ist besser als Opfer, — bis auf Maleachi (3, 22): Gedenket der Lehre Mosis, meines■ Dieners, die ich am Horeb an ganz Israel entboten, Gesetze und Rechte. Zudem wird doch Herr T. das von ihm freilich nicht mehr miteitirte מקבות משיח־ חוצם׳ י0נא ״In den Fussspuren des Messias erstarkt die Frechheit“ nicht al$ Significatur des beginnenden Christenthums wollen gälten lassen? Ernster wird der Angriff (S. 16), wo die Joma 66b den R. Elieser gestellten Räthselfragea und die ebenso räthselhaft ausweichenden Antworten desselben in geistvoller, aber durchaus eines polnischen Darschan [würdigen Weise auf Christus umgedeutet wer• den. Nut Schade, dass dabei solch kleine Kunststückchen Vorkommen und leicht bemerkt werden, die gegen die ganze Argumentation misstrauisch machen müssen. Warum wird nicht der Reihenfolge gemäss die Entdeckung zuerst vorgebracht, dass in der Discussion über den Sündenbock des Versöhnungstages über keinen Geringern Verhandelt werde, als über den Stifter des Christenthuines? Weil das von dem Funkeln der geistreichen Irrtlichter des Herrn T noch nicht geblendete Auge sofort sehen würde, dass da eine nüchterne ha-, - lachische Discussion stattfindet, welche Herr T. beileibe nicht in ihrem ganzen Umfange und Verlaute anführen darf. Siä möchte sonst sein ganzes mühevolles, künstliebes Gebäude niederstürzen. Denn wie? Sollte es nur ein y er sehen sein, dass unser Verfasser es nicht