Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 7 (1878)
- Issue
- No. 11. (13.3.1878)
- Date
- 1878-03-13
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
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Paarung, ' den Trächtigkeitsperioden und Geburtszeiten der Thierle handelt; obgleich die Daten nicht immer richtig und griechischen Physikern entlehnt sein mögen — merkwürdig darum, weil die Parallelisirung der Thiergetn^rten mit der Blüthezeit und Fruchtreife der Pflanzen den Beweis für den kritischen Forscherblick der Talmjudweisen ergiebt, dass sie das Allgemeine im Besonderen zu erkennen suchten und gleichmässige Naturgeseize in den verschiedensten Schöpfungsdingen ahnten. Was j sollten erst die Anatomen sagen, welche wohl wissen, wjie verfehmt das Seciren einer Menschenleiche bis zum U oder gar 16. Jahrhundert war1), wenn sie der Mittheilung begegnen: ״Die Schüler Rabbi Ismaels haben den Leichnam einer hinget ichteten Buhlerin anatomisirt und 252 Organe gefunden (um vier mehr als ^i einem Manne)“ (Becborot 45a.) (F. f.) Nachträge zar Kritik des •Baches Esther. Von Dr J. S. Bloch in Brtlx. ■ (Schluss des Art. IV.) Was! bezweckte man eigentlicl^mit dem Vortrage gerade dieser ״Rollen“? Ich habe bereits nachgewiesen, dass eine der wirkeam&ten Waffen, welche die Frommen gegen das sadducäische Herrscherhaus benutzten, die war, dass sie die Erinnerung an das Haus David im Herzen des Volkes immer wieder auffrischten, als die allein von jGtott eingesetzte Dynastie; man erinnerte dadurch, das die Herrschaft der hasmonftischen Priester eine widerrechtliche, der man deswegen weder Gehorsam noch Sympathie schulde. Das lag, wie wir gesehen haben, im Parteiinteresse der Peruschim und Schriftgelehrten, der einzigen Urheber und Veranstalter der Schriftvorlesungen in den Synagogen. Sehen wir uns die hier in Betracht kommenden 3 Schriftchjen genauer an, so gewahren wir, dass zwei, das H. 1J,. und Koheleth, zu ■den Salomonischen zählen, Ruth seine Wichtigkeit dem Umstand verdankt, dass ') .Jahrtausende hindurch besass man gar kein anderes Mittel znrKenntnias des menschlichen Körpers, als die Zergliederung von Thierlei ehern Ehe man es des allgemeinen Vorurtheiles wegen wagte, menschliche Leichname zu zergliedern, beifelf man sich zum Stadium •nd zur Erlernung der menschlichen Anatomie lediglich mit der Zergliederung von S&ugethierleicben. Der berühmte Arzt Galenus aas Pergamas, der im zweiten Jahrhundert nach Ohr. lebte ani ein System der Medicin stiftete, das sich beinahfe vierzehn Jahrhunderte herrschend erhielt, hatte den Ban des menschlichen Körpers nur an Aifenleichen stadirt, welche er sogleich als die menschenähnlichste Form unter allen Thieren erkannt hatte; und bis in dsis sechzehnte Jahrhundert herab wurde nur am Skelett eines Affen (des Magot oder Innus sylvanus) Anatomie gelehrt und stadirt. Erst Vesal oder Vesalius, der Leibarzt Kaiser Karl's ( des Fünften und König Philipp I!. von Spanien, wagte es zuerst, menschliche Leichname zu zergliedern und hatte dabei das grosse Ojagt&ek^ dass während der Sektion der Leiche eines jungen spa- Bischen Edelmannes, den er behandelt hatte, dessen Herz zu zucken anfing. Jfach den unvollkommenen physiologischen Begriffen jener Zeit glaubte man, Vesal habe einen lebenden Menschen zergliedert! and zur Bühne dieser grossen Schuld •musste der berühmte Anatom «ine Wallfahrt nach dem gelobten Lande antreten, welche ihm auf der Rückkehr durch Schiffbruch den Tod brachte.“ (Büchner, die Stellung des Menschen 129.) Nach Celsas sollen indess schon Herophiloe aas Chalcedon und Erasistratos aas Keos (300 v. Chr.) sogar lebende Verbrecher secirt haben. Diese Nachricht, sowie die Annah nie, dass altägyptische Priester bereits Anthropotomie betrieben,! entbehren jedoch authentischer Begründung. es allein die Genealogie des Hauses Isai enthält; alle drei erinnern somit an die Davidische Dynastie. Zweck und Absicht der Vorlesungen sind somit klar. . Nachdem aber das Hasmonäerthum vom Schauplatz der Geschichte abgetreten war, der Kampf mit den Sadducäern allmählich verstummte, hatte man kein Interesse, jeue Vorlesungen weiter zu pflegen; ein allzu eifriges Betonen der jüd.-nationalen Dynastie war sogar unrathsam, konnte Conflicte herbeifiihren mit der nichtjüd sehen Staatsgewalt, denen man auszuweichen tracliten musste. Man liess sie stillschweigend fallen; Mischna und Talmud durften darum sie ganz unberücksichtigt lassen. In Volkskreisen dagegen war man nicht gewohnt, alte Sitten wie alte Kleider zu wechseln. Was durch die Zeit geheiligt worden, wurde als treues Vermächtniss der Väter weiter vererbt. Wie die Festtage kamen, unterliess Keiner seine ״Rolle“ zu lesen. Darum mussten die Filnfrollenhandschriften für Private nach wie vor angefertigt werden und sind nie ausser Uebung gekommen. Darum weiss der Traktat Soferiin von dem alten Brauch zu berichten. Verhält es sich mit Estherfasten viel• leicht ähnlich? Eine andere interessante Analogie, noch näher liegend, bietet die Verherrlichung des Chanukafestes durch Lichteranzünden. Schon die Schüler Schamai’s und Hillel’s sollen darüber gestritten haben, wie viele Lichter anzuzünden, und ob sie täglich um eins zu vermehren oder zu vermindern wären. So berichtet eine Boraitha Sabhat 21b. Noch während der Abfassung meiner Schrift über Esther hielt ich dieses Referat für glaubwürdig und echt, — richtiger ich dachte über dasselbe nicht; weiter nach. Wer sollte denn überall Fälschungen und Entstellungen vermuthen? Aufgefallen war mir aller• dings, dass in der Purimhalacha Autoritäten solch hohen Alters, wie die Schüler Schamai’s und Hillel’s nicht tiguriren. Warum haben diese, so fragte ich mich, blos Chanuka, nicht auch Purim ihre Aufmerksamkeit, ihre Sorgfalt und ihr Studium gewidmet? Ich verfolgte jedoch den Gedanken nicht weiter. Später betrachtete ich die Frage von einem andern Gesichtspunkt, indem ich der Geschichte der Halacha meine. Aufmerksamkeit widmete. Im ganzen Mischnacodex iindet sich kein Sterbenswörtchen darüber, dass und wie am Chanukkalest Lichter angezündet werden sollen. Auch die Toselta schwefgt durchaus darüber. Nur die Boraitha referift jenen Streit zwischen den Hilleliten und Schamaiten! Die Thatsache ist sonderbar. Haben die Redaktoren der Mischna und Tosefta die. über Sabbathlicht zahllose gesetzliche Bestimmungen, die kleinlichsten und unbe• 1 deutendsten aufgenommen, jene Halacha nicht gekannt? Sie sollen eine Halacha übersehen haben, — das ist nicht denkbar. Auf die Controversen zwischen den Schulen Schamai’s und Hillel's hatten sie sonst alle Sorgfalt verwendet, sie mit aller Genauigkeit und mit jeder Nuance verzeichnet, — warum ist ihnen diese ent. gangen? רבי לא שנא ר״ח מנין לן? Gelegentlich er. wähnt die Mischna des ינר חנוכה Baba Kama VI Ende, indem sie die Folgen eines durch dasselbe entstandenen Brandes in den Kreis ihrer Erwägungen ziehen musste. Nirgends aber findet sich in der Mischna das נר חנוכה als gesetzliche Bestimmung, noch weniger dessen Modalitäten, die Art der Beleuchtung, die Zahl der täglich I zu brennenden Lichter, worüber doch angeblich schon I zwischen den Schulen Schamai’s und Hillel’s Meinung«־ I Verschiedenheiten geherrscht haben sollen. Man be- I denke blos die zahllosen Halaeha’s, die minutiösesten I Bestimmungen über das Sabbathlicht, und man wird I