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Das jüdische Literaturblatt · 1877-11-21 · N° 47. (21.11.1877) · p. Seite 186

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
6 (1877)
Issue
N° 47. (21.11.1877)
Date
1877-11-21
Page
Seite 186 (sequence 2)
Language
German
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Man merkt es bald, daß die Kritik nicht zwingend^von selber sich ergeben hat, sondern durch die Voraussetzung hervorgerusen wurde, daß es bei einem Firkowitz'schey Funde nicht mit rechten Dingen zugehen könne. Es heißt aber alle B^ sonnenheit verlieren und die Kritik in ihr Gegentheil verkeyren, wenn man harmlose Bereicherungen der Wissenschaft blos darum verdächtigt, well sie einem sonst anrüchigen Entdecker verdankt werden. In den Zusätzen der Petersburger Handschrift ist schlechterdings nichts zu finden, was etwa zur grö- Heren Ehre der Aaräer dienen könnte; der bloßen Lust am Fälschen zu Liebe hat aber F. nachweislich niemals gesündigt. So entbrennt denn dreihundert Jahre nach der ersten Veröffentlichung des ChazarenbriefeS, da man längst den Streit als beigelegt, die Ansichten, als geklärt betrachten durfte, über seine ursprüngliche Fassung ein neuer, frischer unv fröhlicher Krieg. Hoffen wir, daß er diesmal nicht so lange währen iwerde. Am Schluffe seiner Mitthellungen über die Chazaren m Xl. Band der ״Ruff. Revue" 143—67 antwortet Harkaoy mit ei» paar scharfen, wohlgezielten Hieben auf die Anfechtungen seiner Entdeckung. Fast fände man den Scherz der wahren Sache unwürdig, wenn die Einwände des Gegners nicht oft wirklich den Spott herausforderten. Caffel hat «S dem Bertheidiger der Echthell nicht eben besonders schwer gemacht. Die zwei einzigen Einwendungen, die etwas stutzig machen, hat H. nicht minder siegreich zurückgewiesen. Wenn Eaffel den Namen Mangup unter den neuentdeckten Ortsangaben verdächtig findet, so hat eben H. von allem Anfang an darauf hingewiesen, daß dieser« Nau^ auf einer Rasur stehe und allein Bedenken errege. Es war ferner entmuthigend, den -gefeierten Namen des russischen Akademikers Kunll von Caffel-unter den Bestreitern der Echtheit des ganzen ChazarenbriefeS aufgeführt zu sehen. H. hat es nun aus den Schriften dieses Gelehrten bewiesen, daß er bereis 1874 von seinen Zweifeln zurückgekommen war. lleberhaupt wirft H. sowohl der geschichllichen Einlellung wie den Anmerkungen, mll denen C. seine llebersetzung begleitet hat, Mangel an Bertrauthell mll den Fortschrllten der Wissenschaft vor. Ein Mann, unter deffen Verdiensten die Entlarvung Firkowitz'scher Fälschungen nicht die letzte Stelle einnimmt, wie vr. A. Harkavy, ist in jeder Frage, die F. betrifft, sicher ein unverdächtiger Zeuge. Sowohl in seinem Catalog der hebräischen Bibelhandfchriften der kaiserlichen öffentlichen BibliothÄ in Petersburg (1875), in dem die Prüfung der Epi׳ graphe von ihm allein herrührt, wie in seinen, Sachkenntniß und Scharfsinn bekundenden, alljüdischen Denkmälern aus der Krim (1876) hat er es bewiesen, daß es ihm weder am Muthe noch an der Fähigkeit gebreche, die verstecktesten Schleich- «ege des Fälschers zn entdecken. ES erweckt bereits ein gtzn-, stiges Vorurthell für sich, von H. etwas für echt erklären zu hören. Caffel'S Angriff hat das Verdienst, .die Spannung auf die Veröffentlichung des Urtextes nur gehoben zu haben. Es wird jetzt an H. sein, eine möglichst genaue und sorgfältige Beschreibung der Handschrift, ihres Materials wie ihrer Züge-zu geben, um uns in den Stand zu setzen, die Echtheit selbstständig beurtheilen zu können und überflüssige Bedenken zu zerstreuen. Eine eingehende Erklärung wird ihm um Hs weniger schwer fallen, als das schätzbarste Material in seinen zum größten Theile russischen Schriften über den Gegenstand bereits gesammelt ist. Wen» die Zusätze der ursprünglichen Fassung auch mehr die allrussische Geographie als die jüdische Geschichte bereichern, so kann es doch unserer Wissenschaft nicht gleichgültig die Urgestalt eines Denkmals kennen zu lernen, das über eines der interessantesten Ereignisse des Mittelalters und der jüdischen Religionsgeschichte zuerst Licht verbreitet hat. Budapest, 4. November 1877, vr. v. K. Einiges über die Stellung der Toffefta. Von vr. I. I. Bloch, Rabbiner in Brüx. II. Ueber die Frage der Autorschaft und Redaktionszeit des Mischnahcodex, zu der jene merkwürdige Talmudstelle (Chullin 46a) unwillkürlich anregl, des Näheren zu referiren, würde den zubemeffenen Raum bei Weüem überschreiten. Eine derartige Untersuchung oder Besprechung dürste den Umfang einer ' Brochüre annehmen. Aber soviel oürfte schon aus jener einzigen besprochenen Stelle heroorgehen, daß die Hand späterer Amoräer in der Mischnah, sei es redigirend, sei es interpolirend, gewaltet har. Selbst ohne Zuhilfenahme der Tosefta ist das dem Kritiker erkennbar und hat schon der geistvolle Abraham Krochmal, der würdige Sohn des großen Kritikers und Denkers Nachnian Kxochmal, mit überraschender Klarheit im Hechaluz nachgewiesen. Zuckermandel in seiner Vorarbeit über die Erfurter Handschrift, einer schätzenswerthen Schrift, die auf den Referenten besonders anregend gewirkt/) hat das ebenfalls ausgesprochen, jedoch nicht ohne dausendfache Entschuldigungen und die bestimmte Versicherung hinzuzufügen, daß er seiner innern Gesinnung nach, bei Leibe kein Häretiker; Verwahrung einzulegen gegen den fürch terlichen, ihm ״entgegengeschleuder,en Vorwurf, daß seine Kritik, die alle Grenzen überschreitende Kritik Geiger's hinter sich lasse." Referent muß gestehen, daß das auf ihn einen deprimirenden Eindruck gemacht hat, wenn ihm die Erklärung auch nicht fremd blieb. Der Verf. lebte gerade in Berlin, verkehrte, wie es scheint, in Kreisen, in denen man auf die unangenehme, vorwitzige und zudringliche ״Kritik" nicht gut zu sprechen ist. Was Abr. Krochmal in Lemberg mit wissenschaftlicher Bestimmtheit vor aller Welt ohne Scheu und Furcht verkündete, das durfte in Berlin nicht so ohne Weiteres verlautbart werden! Allein anstatt Gunst oder Duldüng um solche Opfer zu erkaufen, lieber möchten wir gehörsamst um Haß bitten, um recht viel Haß. Wer es unternimmt, Jahrhundert alte Jrrthümer zu beseitigen, vor den Vorurtheilen exclusiver Zeitgenoflen aber zurückweicht, stellt sich widerwillig jenem bekannten Ritter an die Seite, der auszog. die Welt zu erobern aber sofort umkehrte — weil es regnete. Und wäre es ein Regen voller Koth und Schmutz, und gösse es elende Verläumdungen und schamlose Lügen in echt orthodoxer Fülle, was thuts? ehrliche, redliche Gesinnung verachtet die Heuchlerbrut. Was in aller Welt hat die wissenschaftliche Erkenntniß sich darum zu kümmern, ob die von ihr zu Tage geförderte Wahrheit — vorausgesetzt, daß es eine solche ist — die Grenzen Geigersscher Kritik innehält oder hinter sich läßt? Ohne es unnöthiger Weise wiederholt zu betonm, ssnd wir von nicht minderer Hochachtung beseelt für die späteren Amoräer, wenn wir die wissenschaftliche Ueberzeugung, die sich mit der. unwiderstehlichen Macht der Wahrheit uns aufdrängt, auch nicht verleugnen, daß sse oft die alte Mischnah ihren eignen Tendenzen entsprechend, umgestaltet, ״verbessert" haben. Einem naiven Zeitalter an gehörend, sahen sie in diesem Verfahren nichts Arges und U nerlaubtes; sie glaubten ernstlich an ihre ״Verbesserungen." *) Di« Erfurter Handschrift der Toffefta. Berlin 1876. Louis Gerschel. Diese Arbeit, sowohl als auch die andere: ״Der Wiener Tossefta-Lodex. (Sonderabdruck au« Rahmer-s jüdischem Literaturblatt.) Selbstverlag des BerfafferS — sind jedem Leser der Toffefta dringend!u empfehlen.

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