Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 6 (1877)
- Issue
- N° 47. (21.11.1877)
- Date
- 1877-11-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 47. Das f , VI• Jahrgang. Zur Beleuchtung alter Judenthum u. Juden betreffenden literarischen Erscheinungen aus dem Gebiete derphitosophir,Geschichte, Ethnographie, Theologie, flriffitalia, Exegese, Homilelik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner D1\ Moritz Nahm er Magdeburg, 21. Stovember 1877. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Ne», de» ״Int. Literaturdlatt" in Magdeburg (oder der ״Israel. Wochenschr.- in Stettin) ,ugesandt werde», finden in diese« Platte eingehende Besprechung. V J Das ״Ajld. £it«fatUt6(Att" erscheint wöchentlich einmal; Preis pro Jahrgang 6 Mark, mit frankirter Zusendung: 8 Mark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen sin Leipzig durch Robert Friese), oder direct bei der Expedition der ״Jsraetttischcn Wochenschrift" in Magd«- bürg. — Inserate werden mit 20 Pf. für die drcigespatlene Petitzeile berechnet. — Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift" (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark 88 Pf. kostet) erhalten das ,Lüdische Lrteraturblatt" gratis. Inhalt. Literarische Abhandlungen: Zum 300jährigen Jubiläum der Veröffentlichung des Chazacenbriefes. — Einiges über die Stellung der Toffesta. — Eine Schlägerei zwischen christlichen und jüdischen ’> Studirendcn an der Prager Univerfität im Jahre 177V. Literaturbericht: Recenfionen: Bloch, De., Hellenistische Bestandtheile im biblischen Schriftthum. Literarische Anzeigen. Aum SttOjährigen Jubiläum der Veröffentliehung des Ehazarenbriefes. Der Schaden, den Fälscher in der Wissenschaft anrichten, liegt nur zum geringsten Theile in den Erfindungen und Fäl- .schungen selber. Folgenreicher und verheerender ist die Erschütterung des Vertrauens auf die Ergebnisse der Forschung, die Zweifelsucht und Ungläubigkeit, welche sie zu bewirken pflegen. Wie in schweren Krisen des Geldmarktes der Credit selbst nutzbringenden Unternehmungen entzogen wird, weil die Aengstlichkeit einmal an der Tagesordnung ist, so ergreift auch der Krach in der Wissenschaft den Schuldigen und den Unschuldigen, und selbst das Vertrauenswürdigste erweckt Verdacht, weil man sich eben ans Verdächtigen gewöhnt hat. So hat denn auch die große Katastrophe, die über F i r k o w i t s ch und Comp, hereingebrochen ist. Alles in Mitleidenschaft gezogen, was nur einmal mit dieser unsauberen Firma in Verbindung gestanden hat. Auf die Zeit der bedauerlichen Vertrauensseligkeit ist eine noch beklagenswerthere Furchtsamkeit gefolgt, die den Forscher seiner Arbeit nicht froh werden läßt, sobald sie an jenes mit dem Bann belegte Gebiet rührt. Weil es gelungen ist, einige Riesenfälschungen niederzuwerfen, gelüstet es Manchen nach solch lohnenden Kämpfen, die jedoch oft in Ermangelung von Riesen gegen Windmühlen sich richten und der Ehre genug gefunden haben, wenn man als Donquixvlerien sie bezeichnet. Es ist ein ebenso interessantes als belehrendes Beispiel aus der jüngsten Zeit zur Erhärtung dieser Bemerkungen anzusühren, welches auch den alten Satz auf's Neue beleuchtet, daß die Bücher ihre Schicksale Haben. Man zählte das Jahr 1577, als Jsak Akrisch in Konstantinopel zum ersten Male den Briefwechsel Chasdai ibn Schaprut's mit Joseph, dem Könige der Chazaren, veröffentlichte. Mehr als 200 Jahre lang setzte die Wissenschaft diesen Briefen nur Unglauben entgegen. Der Däne Daniel Suhm war es, der zuerst, wenn auch noch schüchtern, die Echtheit dieser Urkunden anzuerkennen wagte. Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts hat man aber vorzüglich aus den Schriften der Araber ein Zeugniß nach dem andern an's Licht gezogen, wodurch die Angaben der so argwöhnisch behandeUen Briese über allen Zweifel, sichergestellt wurden. Nur Engtzerzigkeit oder Unwissenheit ist es, wenn trotzdem selbst noch HLüle, wie z. B. von Palmer in England, die Bekehrung der Chazaren zum Judenthum als nngeschichtlich bestritten wird. Wenn etwas an dem Chazarenbriefe auszusetzen war, so ist eS hoch» stens seine deklagenswerthe Kürze. Dies war der Stand der lange und mit Heftigkeit behaNdelten Frage, als vr. A. Harkavy, der um die Geschichte der Chazaren so vielverdiente Forscher, 1875 im VII. BaNde der ״Russischen Revue" p. 69 ff. die deutsche Uebersetzüng einer ausführlicheren, besonders an Ortsangaben reicheren Recenfion des Chazarenbriefes veröffentlichte. . Bei einem so alten und kostbaren Aktenstück wäre jede Variante von Werth und min» bestens von Interesse; die Aussicht, die ursprüngliche Fässüng des geschichtlich so denkwürdigen Schreibens bald im Urtext veröffentlicht zu sehen,l mußte daher Freude und eine gewisse Spannung Hervorrufen. In der That ist denn j auch der hebräische Text bereits gesetzt und geht dem endlichen Erscheinen entgegen. Paulus Cass sel, der bereits ״selig" war, ehe er die Seligkeit gefunden, konnte jedoch den Zeitpunkt nicht erwarten, bis der in Aussicht gestellte neue Text erschienen sein würde, und entschloß sich zur Veröffentlichung des von ihm übersetzten Chazarenbriefes*), indem er die Varianten und Zusätze von Harkavy's Uebersetzüng in die Anmerkungen verwies. Hier werden denn diese mit mehr oder minder zweifelsüchtigen Bemerkungen begleitet, welche den Zweck hadert, das Petersburger Manuscript als eine Fälschung zu verdächtigen. Freilich geschieht"dies weder mit gehörigem Nachdruck, , noch! mit den nothwendigen Beweisen. Es ist mehr ein Schwanken sind unsicheres Verdächtigen, als eine begründete Anklage; Geschmack und Gefühl sind stumpfe Waffen, wo es ungeschichtliche» Spuck zu vertilgen gilt. Mangel an Unbefangenheit ist der gemeinsame Grundzug der angeblichen Verdachtsgründe, die von der begangenen Fälschung uns überzeugen sollen. Der chazarische ASnigsbries au« dem 10. Jahrhundert. Ei» Bei» trag zur Geschichte des südlich«» Rußland. Bon Neue» übersetzt und erklärt von Paulus Caffet. P. P. Doctor der Theologie. Berlin 1877. W- Weber.