Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 6 (1877)
- Issue
- N° 45. (7.11.1877)
- Date
- 1877-11-07
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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diesem einen Beispiel den Unterschied in der Erfassung der Kedentung des jüdischen Philosophen von deutscher und englijcher Seite aufzuzeigcn, wie stümperhaft jene und wie verständnißvoll diese ist. Von Avicebron interessirte Kirchner, wie wir gesehen, nur eine Behauptung, während Lewes nach Jourdain von ihm aussagt ״eine richtige Erkenntniß der Periode sei ohne Bekanntschaft mit der fon9 vitae unmöglich." Und nicht allein für die Vergangenheit ist dieses Werk des jüd. Dichters und Denkers wichtig: ״Wer die kous vitae aufschlägt oder Munks Abriß derselben liest, wird sich überrascht finden durch die bekannten Züge von Speculationen, .welche er den neuesten Deutschen zugeschrieben und von Speculationen aus der Plato- Nischen und Peripathetischen Schule." (S. 66). Auch die Bedeumng der Juden ״als Denker" erfährt hier eine andere Würdigung und Beleuchtung. Freilich spricht Lewes auch nicht von Gojim u. s. w.: ״Glicht zu gedenken ihrer großen monotheistischen Leistung wollen wir uns nur einen Augenblick bei den drei großen Namen Philo, Jbn Gebirol und Spinoza verweilen." (S. 64. 65.) — ״In unfern Falle sind die Juden als die Hauptwerkzeuge zu betrachten, wodurch die arabische Philosochie auf die europäische Bildung zur Wirkung kam. Und auch in Spanien waren es hauptsächlich die Juden, welche diese Philosophie studirten." — ״Die Leichtigkeit, womit die Juden Sprachen lernten, machte sie gleich zu Dolmetschern zwischen Muselmännern und Christen. Und durch ihre liebersetzungen, wie durch ihre originalen Denker, Avicebron (Jbn- Gebirol) und MoseS Maimonides wurde der Occident von griechischen und orientalischen Gedanken durchdrungen." So LeweS; dieses eine Beispiel genüge. Man begreift recht wohl, wie in der geistigen Atmosphäre solch' gerechter Würdigung Mischer Geistesarbeit ein Roman wie ״Daniel Deronda" (dessen Verfasserin bekanntlich Lewes' Gattin ist) entstehen konnte. Wann aber wird in Deutschland endlich die Zeit anbrechen, in welcher Unparteilichkeit und Gründlichkeit di« ersten Vorbedingungen sein werden, die man vom Volksschriftstelle! fordert? Wann wird dtr alte Judenhaß endlich aus den Studirstuben unserer deutschen Gelehrten weichen? Der BerlagShandlung gebührt Dank dafür, daß sie jenes Erzqpgniß englischer, unparteiischer und gründlicher Gelehrsamkeit auf deutschen Boden verpflanzt hat; mögen die Kirchner'« daraus Belehrung schöpfen, ehe sie daran gehen, ״geschichts-philosophische Katechismen" zu schreiben. Dr. A. Lew in. Mocatta, Frederic David. The Jewa of Spain and Portugal and the Inquisition. London, Longmanns 1877. (99 S)*) Ein ganz bescheiden auftretendeS, aber vortreffliches Buch, von dem wir sehr wünschen, daß es inS Deutsche übersetzt werden mAge. Daß es einen höchst interessanten Abschnitt der jüdischen Geschichte behandelt, brauchen wir gewiß nicht erst zu beweisen. Nun sehU e« un» nicht an gediegenm Werken über die nachbiblisch« Geschichte der Juden, aber für das größere jüdische Publikum, dem Kemttniß unserer Geschichte dringend Nolh thut, ist durch dt« vorhandenen Bücher noch nicht gesorgt! Söir treten dem Grätz'schen Werke gewiß nicht zu nahe, wenn wir sagen, daß es als Lectüre — »nd das Publikum will lesen, nicht studire» — viel zu umfangreich und gelehrt ist, zu viel Borkenntniss« vorauSsetzt, sehr viele Abschnitte enthält, die da» Publikum gar nicht verarbeiten kann. Wir habe» Bearbeitungen einzelner Stücke au» der jüdischen Geschichte, Monographien, die sich gut lesen lassen, sie find aber größtentheil» tu Sammelwerken und drgl. ierstreut. Daneben habe« wir Compendien, Schulbücher über die Sesammtgeschicht« der Juden, die sich wieder nicht zum Lesen eignen. Kurz, wen» uns Jemand um ein Buch bittet, in dem er etwas aus der Geschichte der Juden leien möchte, so können wir ihm nichts gebrn al» — da- Buch von Dessauer, *) Durch rin unliebsam«« Berseh« ist da« Srschrinen dieser Slecrnfion angebühriich verspätet, worüber wir zunächst den Hrn. Verfasser um gütift* »Mschuldigung bitten. ein Buch, welches usisres Tadels nicht bedarf, und doch ist es hier und da besser als gar,nichts!*) So ist denn ein Buch über Geschichte der Juden im Ganz m, oder über große» Abschnitte derselben, welches sich leicht liest, das allgemein Interessante anmuthig erzählt, mit Warne und in echt jüdi» schem Geiste geschrieben ist, aber auch ohne Nebertreittzmg und Schönmalerei, ohne stark ausgetragene Tendenz, welche leicht Widerspruch herausfordert und verstimmt, und welches vor allem den einen Gesichtspunkt stets im Auge behält, daß es dem großen Publikum sine belehrende Lectüre bieten und nicht zugleich auch den Gelehrten in Text oder in Noten-Ballast neue Aufschlüsse bieten sind von tiefen Quellenstudien zeugen will — ein solches Buch ist immer »och ei» unbefriedigtes und doch sehr dringendes! Bedürfniß. **) Wir sprechen nun zunächst aus,!daß das klein« Buch von Mocatta ganz und gar den epen aufgestellte» Anforderungen entspricht. Es behandelt die Seschiche׳ der Juden auf der pyrenäischen Halbinsel von den erst« Spuren ihrer Einwanderung bis zur Vertreibung resp. Flucht oder allmähligen Auswanderung der letzten Rester der «»ft blühenden und glücklichen Kolonie. Die ältere Zeit ist-nur in allgemeiner Uebersicht behandelt, von dem «intritt her" durch die Inquisition über die spanischen Juden gebrachten LeideuSperiode wird die Erzählung ausführlicher. Das Buch ist aus einer Vorlesung entstanden/ welche Hr. Mocatta vor einem Verein jüdischer Handwerker gehialten hat. Selbstverstündlich wird diese Vorlesung bedeutend erweitert zu« Druck gebracht worden sein, die populäre und praktisch« Tendeuz ist jedoch beibehalten. Diese Tendenz erkennen wir «steStheili» der warmen Schilderung der Leiden find der Glauben-treue der Juden, anderncheils in den eingestjceuten Warnung«», welche der Vers., durchsichtig genug, aher ungesucht, a» seine Zeitgenossen richtet. Die kleine Vorrehe gibt selbst «ach bMe» Richtungen hin Winke. Der Vers, ist ei» Nachkomme jener Qpß»«der.spanischen Inquisition, er schreibt also, mit sttteast» verem Gefühl; nach der anderen von uns angedeutete» Richtung hin führen wir seine eigenen Werte in der Vorrede a» ״Hätten die Juden in den ersten Phasen ihrer Leiden mehr Takt bewiesen, und hätten sie sich mehr auf wissenschaftliche und literarische Bestrebungen gelegt, äl» aus die Erwerbung von Reichthstmern, so hätte« sie die Endkatastropke wohl verzögern, ja vielleicht abwendeä können." Er fügt freilich gleich hinzu, daß man die Juden unter etnem Regiment«, wie da» des bigotten Phllipp U., unter keim » Umständen in Ruhe gelassen haben würde; aber an meh erett Stellen de» Buche» (S. 11—12, 15 u. s. w ) spricht ft sich darüber an», daß der Haß der Spanier gegen die Juden, die in unverhältnißmäßigem Umfang Land- und Gelddefitz in ihre Hände gebracht, als Steuerpächler manchen Druck direkt oder indirekt geübt, als Capitaliste« Viele in Abhängigkeit!von sich gebracht hatte« und durch Reichthum wie durch «tzfwand Neid erregt», ein ziemlich erklärlicher sei. Ferner sägt er: ״Ran muß ge» stehen, daß unter den Judenselbst!eine gewisse Sntarttü, Platz gegriffen hatte . . . rn moralischer und geistiger Beziehuug waren sie von dem Höhepunkte, auf dem sie zur *Jett des Maimonides gestanden hattsn, herabgesunkea. AtrSgenom» -) Bon den drei verschiedenartigen Jost'schen Werken reden wir hi» richt: »undige wissen, daß,!eint von ihn« als Lesebuch dienen kenn. Wir Hab« überhaupt hier! kein« Sesmmnv-Nebersicht über di« jüdisch« «eschichtgliteratur zu geben, sonst hält« chir ja noch manche« vH*• oder klein»« Werk zu nenn«, wetche« »ehr oder weniger ״für da« BaV bestimmt sein will und geeignet srin mag. I Gerade für d« von Wo«-' behändest« Grschichttabschnstt komm« natürlich dt« Werk« von ftqrfttUn, ganz besonders in Betracht. Sie Hab« füi M« Geschichte der And« in Spanien und Portugal, besonder« auch in literarisch« «qiehnnch «st di« Bahn gebrochen, ebendarnm find fit ab« «st zu viel gelehrte» Apparat und Beiwerk »ersehen: sie find für d« Hautgebr-uch zu grinMÜl, weil fi« Fundgruben für d« Literat» find. *•) Da« neueste in S Lieferungen «ischeinend« Buch von BäS» von dem, al« die obig« Reeenfion geschrieben wurde, noch nicht« er« schienen war. scheint diese Lücke au«süllen zu woll« (»»«L W St» ctnfton in Rr. 43 d. Bl.) Aus Le»in'« Lehrb. d. Jüd. Srichichoennd Literatur kommen wst in rin» d« nächsten Nummern zu sprechen. (Kebd