Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 6 (1877)
- Issue
- N° 38.39. (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- Seite 152 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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r״ ״ ו י — 152 — so sehr, daß das arme Weib meinte, nur Schüchternheit halte ihn Don einer LiebeSeÄlärug zurück. Als, sie nun durch ein schriftliches, Bekenntniß ihrer Neigung ihn ermunterte, wies er sie grob zurück und erwiderte einen vorwurfsvollen Brief von ihr mit der Erklärung, daß ihm an einem Frauenzimmer allein Schönheit gefalle, daß er wirklich ein Epicuräer-iei und ihre Rache umsoweniger fürchte, als die Zeit ihre Waffen (Nägel uvd Zähne) schon mürbe gemacht habe. Wie anders hätte Herrn Witte's Tugendheld sich benoinmen, wenn die Dame, mit cher er gerändelt, jung, anziehend und — vermögend gewesen wäre. Wäre ihm sein Eheband störend gewesen? Freilich das Fehlen dieser drei Eigenschaften kann auch einen Lüstling tugendhaft machen. Doch immer tiefer noch ' sollte er sinken. 9iach Hamburg zurückgekehrt sieht er die Juden immer weniger gewillt, den vagabondirenden Ungläubigen zu unterstützen. Dies ist ihm Grund genug, an die Taufe zu denken. Mit ihr wollte er, wie er sich ausdrückt, ״seine zeitliche sowohl als ewige Glückseligkeit erreichen." Die zeitliche . Glückseligkeit, das heißt Geld und Stellung; die ewige ist verdrämende Redefloskel. Zu seinem Unglücke war der (Geistliche, an den er gerathen, ehrenhaft genug, einen Menschen, der Nichts mehr glaubte, als keinen Gewinn für das Christenchum anzusehen und allegorische Deutungen der Geheimniste dieser Religion — zu denen der Täufling sich verstchen wollte — als nicht zureichend anzuerkennen. Nun freilich machte Maimon aus der Noch eine Tugend. Er setzte sich dem'Geistlichen gegenüber auf das hohe Pferd, sprach von dem Lichte der Vernunft, mit dem er Alles beleuchten müffe und fügte das halbwahre Wort hinzu; ״Meine Religion befiehlt mir Nichts zu glauben׳, sondern die Wahrheit zu denken und — das Gute auszuüben". Ewig an den Schandpfahl aber stellt chn die weitere Aeußerüng: ״Werde ich selbst darin durch äußere-Umstände gehindert, so ist dieses nicht nleine Schuld, - ich lhue, was in meinem Vermögen ist." Er blieb also Jude — und chm blieb das jüdische Erbarmen als Unterhaltnngs mittel. Zwei Jahre destltchte er, genügend unterstützt, das Gymnasium in Altona, um sich in Sprachen zu vervollkommnen (etwa 30 Jahre alt). Während dieser Zeit ließ seine verlaffene Frau durch das Hamburger Rabbinat den Scheidebrief von chm fordern. Er verweigerte, ihn auszustellen, und als der Rabbiner ihm einen Schofar vorwies, atlf den Bann hindeutend, dem er anheimfalle, mit der Frage, öb er dies kenne, antwortete er mit kecker Stirn: Ja wohl, das ist ein Bocks- Horn. Von Hamburg suchte er Berlin abermals heim. Um ihn nur wegzubringen, schickte ihn der Mendelssohnsche Kreis nach Deffau, wo er sich literarisch — mit Uebersetzen in's Hebräische — beschäftigen sollte. Als aber seine Arbeiten nicht gedruckt wurden und er sich für seine Leistungen nicht , , genügend honorirt sah, überwarf er sich mit seinen Gönnern und wandte sich nach Breslau. Seine kühle Aufnahme dort maß er den Verläumdungen der Berliner bei, als ob sein Vorleben sie nicht zur Genüge rechtfertigte Selbst die Pro Lektion eines Geistesverwandten, des haltlosen Dichters Efraim Kuh, sind des Profeffor Garve nützte ihm nur kurze Zeit, da das dir bald wieder aufgenommene lustige Leben in Schenken und unanständigen Häusern ihn der Unterstützung unwerth zeigte und auch die endlich erfolgte Scheidung von seiner Frau ihn in unliebsamer Weise öffentlich bloßstellte. Die so lange schütz- und brodlos von ihm gelaffene Frau war mit ihrem fast zwanzigjährigen ältesten Sohne nach Breslau gekommen und verlangte entweder Versorgung oder Scheidung. Daß er sie verlassen, kann ja snit Wille, als ״der Wahrheit halber" und weil er ״allein dem Göttlichen nachging", geschehen sein und somit entschuldigt werden. Daß er aber ihrer und seiner Kinder bisher nie gedacht, daß er nicht nach Brod für sie gestrebt, sondern im Taumel der Lust ihrer vergessen hatte, das können auch die schönsten Redensarten nicht in gutes Licht stellen Ueberboten wird das freilich noch dadurch, daß er den Sohn, der wahrscheinlich der Mutter und der Geschwister Ernährer war, seiner Frau entreißen und ihn überreden wollte, bei ihm zu bleiben, da ״er durch seine Anleitung und durch Unterstützung von Freunden sich hier bester entwickeln würde". Abermals zog es ihn nach Berlin (um 1788 -- Witte 1786). Doch Medelssohns Tod hatte ihn des einzigen Fürsprechers beraubt, und die Roth ließ ihn wieder an die Taufe denken. Durch Ben David, llr. Herz und Dr. Saul, Ascher wurden ihn! neue Unterstützungen zu Theil und er in die Bahn gewiesen, in der er Ersprießliches leisten sollte. Sie lehrten ihn Kant kennen Er commentirte die Kritik der reinen Vernunft uud erhielt dafür Kam's Lob und Anerkennuugsetwa 1789) und wurde fortan ein fruchtbarer, philosophischer Schriftsteller, besten Schriften noch heule bei den Männern von Fach beachtet und geach et werde». Kant freilich hat in vertraulichen Briefen dem Aerger über den ״Juden", der ihn nachbestern gewollt und gekonnt, freien Lauf gelasten. Für jüdische Kreise iit sein ״Gib'at ha More", Lommentar des More Nebuchim, und seine nach Rousseau'schen Muster bis zum Ekel offenherzige und doch ziemlich berechnet geschriebene ״Selbstbiographie" genügend, um seine Vorzüge und seine Fehler, seine Verdienste und seine Niedrigkeit darzustellen. Nachdem er als Schriftsteller berühmt geworden, lud ihn (um 1795) Graf Kalkreuth nach Niedersiegersdorf bei Glogau, wo er 1800 starb. Wer könnte es der Glogauer Gemeinde verübelit, daß sie diesem Manne, der dem Juocnthum so viel verdankte und ihm doch so schlecht gedankt Hute, nicht ein ehrendes Begräbniß gewährt hat? Freilich ist es wohl eine Fabel, was die Sage kündet, daß er stehend eingebettet worden ist. Herr Witte hat sein Buch mit zu großer Liebe geschrieben. Er wird zum Advokaten, der seinem Clienten auch das Unglaubliche glaubt, der ihn rein wuschen will, müßte er auch Unschuldige anschwärzen. Aber in der Würdigung der geistigen Begabung und der unermatieten Kraft dieses Juden, sich zum Misten und zur Denkfreiheit anfzuschwingen, stimmen wir alle überein. Uns aber ist er, wohlgemerkt, nicht ein Einziger, sonder» Einer von Vielen, und unter diesen ist gar Mancher bester als er. Die Leser dieses Blattes dürste es? interessiren, wenn wir nach nach Witte*) einen Auszug über Maimon's das Judenthum und Jüdisches betreffende Ansichten als Schluß ansügen. 1) Die Kabbala, deren Eintheilung in eine theoretische und praktische er sehr richtig zeichnet, ist ihm in ihrem Ursprünge nichts Anderes, als Psychologie, Physik, Moral udrgl. Durch Symbole und Hieroglyphen in Fabeln und Alle- Serien vorgestellt, deren geheimen Sinne man nur denen ent - deckle, die dazu tüchtig waren. Nach und pach ging, vielleicht durch manche Revolution, dieser geheime Sinn verloren. Die Zeichen wurden statt der bezeichneten Sache selbst genommen. Da man aber leicht merkte, daß diese Zeichen doch etwas bedeuten mußten, so überließ, man es der Einbildungskraft, diesen geheimen Siun, der längst verloren gegangen war, auf's Neue zu erdichten. Die entferntesten Analogien zwischen Zeichen und Sachen wurden ergriffen, bis endlich die Kabbala in eine Kunst, mit Vernunft zu rasen, ausartete. Das niehr reelle d. h. der Vernunft nähere System des Moses Korvowera zieht er dem mehr formellen, d. i. vollständigerem Bau seines Systems, des Jsaac Luria vor. In der Thal ist die Kabbala nichts Anderes, als erweiterter Spi Nazismus, worin nicht nur die Entstehung der Welt aus der Einschränkung des göttlichen We!ens überhaupt erklärt, lonüern auch die Entstehung einer jeden Art von ׳Wesen And ihr Verhältniß zu allen übrigen aus einer besonderen Eigenschaft Gottes hergeleitet wird. Unter den zehn Sephiroth dachte er sich die zehn Prädikamenie des Aristoteles, die allgemeinsten Prädikate, ohne welche Nichts gedacht werden kann. 2) Religion überhaupt ist Ausdruck der Empfindungen der Dankbarkeit, Ehrfurcht u. s. w., die aus dem Verhältniß einer oder mehrerer uns unbekannter Mächte zu unserem *) Zusätze l l. S. 61—76. Störend wirkt der fehlerhafte Druck hebräischer Namen, so S. 62 Witail statt Vldal, S. . 1 Nabinen statt Rabina, Rabashi statt Nab Aschi, Halladas statt Hakodausch.