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Das jüdische Literaturblatt · 1877-09-19 · N° 38.39. (19.9.1877) · p. Seite 151

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
6 (1877)
Issue
N° 38.39. (19.9.1877)
Date
1877-09-19
Page
Seite 151 (sequence 3)
Language
German
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151 .'düng und Wissenschaft der sie umgebenden Welt nicht abgewiesen, ihr eigenstes innerstes Wesen aber, das Heiligthum, welches sie in ihr Herz geschlossen, nimmer preisgegeben. Ist cs wahr, daß blos nach dem Inhalte, nicht nach ihrem Verfasser und Urheber der Werth einer Schrift darf ermessen werden, so nimmt das Buch Elher ungeachtet seines hellenistischen Ursprungs seine Stellung in unserm kanonischen Schriftthum mit voller Berechtigung ein. Ohnt Esther wäre unsere hebräische National-Literatur lückenhaft, unvollständig und ergänzungsbedürftig. Solomon Maimon. Von Rabbiner l)r. A. Lew in. (Schluß.) In seinen! 16. Jahre lernte er das lateinische und deutsche Alphabeth an den zur Bezeichnung der Bogenzahl gesetzten Schriftzeichen und ließ sich durch die Kabbala in die Philosophie cinführen. Daneben ward er durch physikalische und andere Werke, wie sie der Zufall ihm in dis Hand spielte, mit einzelnen Theilen der modernen Wissenschaft bekamt, liebäugelte aber auch eine Zeitlang mit dem Chäjsidismus, bis ihn die äußerste Noth — eine Hauslehrerstelle auf dem Lande war seine letzte Zuflucht gewesen — zu dem Entschluß brachte, nach Deutschland zu wandern, um dort Medicin zu studiren. Der moralische Halt war ihm verloren gegangen. Nicht das Streben nach Wissen stand ihm inehr im Vordergründe, sondern das Bestreben, die Fesseln der drückenden Verhältnisse abzustreisen und materiell vorwärts zu kommen. Jedes Mittel und jeder Weg dazu war ihm recht. Natürlich nahm er, wo es zweckentsprechend war, die Maske des frommgläubigen Talmudisteu oder die des vorurtheilssrcien Philosophen an — Beides war Maske,, er hatte keine Ueberzeugung, sonder^ einen Magen. Das Utile war ihm entscheidend. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts (Geiger nimmt den Spätsommer 77, Grätz Frühjahr 77, Witte, wohl zu früh, das Jahr 70 an) kam er, etwa 22 Jahre alt, nach Königsbcrg. Dort konnten ihm die Mittel zum Unterhalt nicht verschafft werden. Doch wies man ihn, da er Stücke aus Mendelsohn's Phaedon in's Hebräische übersetzte und gut erklärte, nach Berlin. Fünf Wochen währte die Seereise bis Stettin, die ebenso wie der weitere Landweg an Entbehrungen reich war, wenn auch das jüdische Rachmonus dem Wörtchen sagenden Schnorrer das Fortkommen ermöglichte. Vor dem Rosenthaler Thore Berlins mußter Halt machen, da fremde Betteljuden nur mit Erlaubniß der Gemeiudeältesten eingelassen wurden. Daß ihm es nicht verstatlel wurde, stellt er als ein Martyrium dar, welches er wegen seines aufklärerischen Commentars zum Mor§ Nebuchim, den er dort einem Rabbiner gezeigt haben will, erlitten habe. Aber Grätz hat wohl Recht, daß man in Berlin auch ohne solch bestimmten Grund die Pole», welche sich den! Wissen zugewandt, im Verdacht arger Ketzerei und — setzen wir hinztu — auch sehr schwacher Charakterfestigkeit hatte. Der Weg zurück führte Maimon nach Posen, wo es ihur mit Hilfe des edlen Rabbinen Hirsch Janow gelang, einige Jahre in Ruhe und in geachteter Stellung zu verlebest. Aber ihm war die Glanzseile des JudenhumS fremd geworden oder fremd geblieben. Er vermochte sich weder zur Aneiänmrg, noch auch nur zur Würdigung der sittlichen Reinheit,) der bescheidenen Demuth, die seine Religion fordert, erhebest. Ihm galt cs allein, logisch .streng zu denken, und was ist seine Formeln sich nicht fügte, war ihm Wahn und Aberglauben, gegen den er in seiner cynischen Derbheit losfubr, ohne darauf zu achten, wie er dadurch die zartesten Gefühle feister Wohlthäter verwundete, wie er jede Einwirkung auf seine! Umgebung dadurch unmöglich machte. Er wollte ja gar nicht wirken und sich selbst fördernd Andere fördern; er wollte groß werden, wie noch heutzutage die Devise ihm ^ähnlicher polnischer Streber lautet: Werden und Sein, sticht Wirken uns Schaffeil ir dieser Leute Ziel. An die Stelle der mechanischen Formenübung seiner Jugendzeit war ihm das Aufstellen gedanklicher Formeln als Inhalt seiues religiösen Bewußiseins getreten. Was die Religion dem Gefühle und dein Gemüthe ist, blieb ihm ewig unbekannt. Was ihn über die gewöhnlichen Streber erhebt, ist allein die Schärfe seiner Denkkrast, durch welche ihm die Bedeutung des Maimonides für die jüdische Philosophie nicht allein, sondern auch sür die Fortentwickelung der jüdischen Religion ahnend aufgestiegen war. Leider sind die Entdecker und ersten Trägjer derartiger Gedanken selten geeignet, sie bethätigend in die Praxis einzuführen. Wir erinnern an Pestalozzi's verunglückte Erziehungsanstalten, an die.׳ Unglückselige Stellung der Mendelsohnschen Familie und seiner ersten Anhänger zum Judenthum. So war auch Maimon's Leben eher geeignet, seine Ideen zu discreditiren als in Aufnahme zu bringen. Was Witte*) die »Reinigung vom alten, falsch anerzogenen jüdischen Adam" nennt, welche ״Maimonides an Maimon vollendet hat", das war nicht ein festes System der Vereinigung von Wissen und Glauben, von Philosophie und Religion — was wirklich maimunisch ist —, sondern ein wüster Scepticismus. der sich auf der vernünftige» maimunischen Basis breit machte, die ungezügelte Gier und Lüsternheit des durch Entbehrungen heißhungrig gewordenen, sinnlichen Menschen. Sein Wissen und seine geistige Befähigung erwarben ihm Freunde, sein Wesen, seine Lebens- und Denkweise, sein Charakter und seine Sitten entfremdete» sie ihm immer wieder. Halte sich dies schon in Posen gezeigt, so trat es noch deutlicher bei sÄnem zweiten Aufenthalte in Berlin hervor. Da er mit der Post ankam, wurde er am Thore nicht angehalten, sund auch die Bewilligung des dauernden Aufenthaltes erhielt er. Hier kanien ihm endlich philosophische Werke in deutscher Sprache zur Hand — zuerst Wolf —, die er, ohne mit der Sprache recht vertraut zu sein, st»dirte. Die Beweise sür das Dasein Gottes, die er darin fand, genügten ihn! nicht, und eine Widerlegung derselben in ׳ hebräischer Sprache schickte er an Mendelssohn. Das erwarb ihm die Unterstützung und Förderung des seltenen Mannes^ sodaß ihm Gelegenheit und Muße zum Weiterstudium geboten und selbst sein Eintreten in's praktische Leben damit vorbereitet wurde, daß er die Apothekerkunst erlernte. Aber er erwies sich dazu uni so untauglicher,, als eben jetzt sein Hang zurrst Bummeln den Höhepunkt erreicht halte. Selbst sein Lobredijer Witte**) nennt diese Zeit, sowie die nächstfolgenden Jahre! einen Abschnitt, ״in welchem Maimon's Charakter uns aist wenigsten gefallen kann." Er ״geräth hier in ein Schwanken und Taumeln, das ihn hart an die gefährlichsten Abgründe führt." Doch Witte will darin die Sturm- und Drangperiode des genialen Menschen finden. Leider ist von Genialität viel we- Niger als von Gemeinheit zu merke». Ausschweifung und Undankbarkeit sind hervorstechend, .sowie Rücksichtslosigkeit, die selbst einen Mendelssohn einen Heuchler und alle Menschen Epikurüer zu nennen wagte. Die Planlosigkeit seiner Studien, die K. Fischer etwas grell schildert^ kann ihm dagegen nicht zum Vorwurf gemacht werden. ’ Er suchte sich zu bilden, und es ist natürlich, daß dex durch lalmudische und religioflsphilosophische Studien geschärfte Geist nicht regelrecht vom ABC zu mensa. und so weiter aufsteigt, sondern daß er im Lesenlernen schon studirte uns Philosophirte. Liederlich aber war er, das zeigt selbst das Beispiel aus seinem Ausenthal e in Holland (Gravenhagen), wohin er, in Berlin aufgegeben und in Hamburg ununlerstützt, sich begeben habe, und wo er etwa 9 Monate unter dem Schutze eines reichen Mannes lebte — ein Vorkommniß, das Witte komischer Weise als Beleg für sein: Sittlichkett anzuführen nicht unterläßt. Dort kokellirte er mit einer 45jährigen armen Wittwe, die durch Unterrichten im Französischen sich ernährte,, und die nach seinen eigenen Worten nicht viel Anziehendes sür ihn hatte. -) ib. S. 28; **) S. 31.

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