Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 6 (1877)
- Issue
- N° 38.39. (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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V! — 150 — Junker ttrtb Emporkömmlinge zugleich, mit allem Hochmuth, allem Abeirglauben, aller lächerlichen Eitelkeit und Ueberhekung dieser Art! Männer ausgestattet, unersättlich im Ehrgeize, kleinlich bis zur schrankenlosesten Rachsucht, vor Allem, aber von einem angeborenen unvertilgbaxen-Haste gegen die zerstreuten geiste-begubten Ueberreste des alten Hebräervolkes —" auf dem ־®djouplaj} der Geschichte gar oft zum Vorschein gekommen, und jene!unheimliche verderbenbringende Wirksamkeit entfaltet haben, wjie unser Buch ste schildert. Und wenn Ihr den schwachmüthigen Despoten, der den hohen Stuatsrath versammelt, um einer Favoritin die Gunst zn entziehen, das Bertilgungsdecret eines ganzen Volkes aber — allerdings blos des Mischen — ohne jegliche Berathfchlagung zeichnet, immer wieder unter dem Namen Achaschwerösch sucht, dann mag er schwer zu finden sein. Was thut der Name? Schlaget auf die Gedenkblfltter Israels, schaut in das Buch der Geschichte mit sinnendem Geiste und horchender Seele, Ihr werdet solcher Könige vielfach verzeichnet und geschildert finden, Ihr werdet die Haman's einander ablösen bis zur Langeweile sich wiederholen und copiren sehen, Ihr werdet-auch Mordechai und Esther als historische Charaktere im höchsten Sinne verehren lernen. Derselbe Grundton, derselb« Ausdruck, dieselbe Sprache tritt Euch immer wieder entgegen; die Umgebung blos ein wenig anders, Einfassung und Einrahmung eine Keine Nüance verschieden — den Inhalt des Gemäldes erkennt Ihr als wesentlich unverändert. Und «er sagt Euch, daß der Dichter Israels Schicksal in der Zukunft nicht hatte schildern wollen? Daß es nicht ahnungsreich seine Bedrängnisse vorausgeschaut und ihm Anleitung geboten für Zeiten, ״da es sein werde im Lande der Feinde"? ״Da ist, klagt Haman, ein unter alle Völker zerstreutes und zersplittertes Völkchen; — das ist immer so geblieben, fügt der geistvolle Treuenfels hinzu, Israel ist heute und schon seit mehr alS 1800 Jahren immer weiter uizd mehr zersprengt als in jenen 127 Provinzen. Haman sagt: Wenn es deckt Könige gut dünkt, so wollen wir sie ausrotten lasten: — es hat seitdem unzählige Mal Königen und Meistern, geistlichen uud weltlichen Herren, Mächtigen und Ohnmächtigen, dem Hohen wie dem Pöbel gut und sehr gut gedünkt, Israel zu vernichten. Haman sagt: 10,000 Talente zahle ich obendrein, der Schah antwortet: Dein Geld begehr' und brauche ich nilj&t. Es hat seitdem sehr oft an 10,000 Talenten zur Vertilgung nicht gefehlt; Silbertalente und Geistestalente sind zu diesem Zwecke in Bewegung gesetzt worden: es werden noch heute alljährlich Zehntausende — in bedeutendem Plural — Silber- und Goldstücke eingesammelt und eingeliefert, um Jsrael durch Bekehrung Traktätchen und Reiseprediger zu ver- Nichten; dazwischen hat es auch nicht an Anderen gefehlt, die da erklärt haben:. Geld brauchen wir dazu nicht, und mit Geld ist es auch nicht zu machen, und sie haben andere Maßregeln zur Vernichtung vorgeschlagen und ins Werk gerufen, von Antiochus bis Bratiano, vom gewaltsamen Taufen des Kindts bis zum Erziehen des Broderwerbes, wer könnte den hundertsten Thell aufzählen".') ' Der Erfindungsgeist der Bosheit ist unerschöpflich, die Formen und Gestalten, in denen er auftritt, unzählbar. Sie HLMt sich nur, die alte Schlange, aber ihr Gift, ihre Wuth, -1- 0 Israel. Wochenschrift 1877. 9. S. 70. ihr tödtlicher Blick bleiben derselbe. In Zeiten der Willkür » und Gesetzlosigkeit, mit roher Gewalt das Wüthen feiler Banden entfestelt, den gierigen Pöbel zu Raub und Mord anreizend; in Jahrhunderten der Sitte und Gesetzlichkeit mit feingesponnenen Lügen, mit dem schleichenden langsamen Gifte der Verlkümdung hat der Kampf Haman's wider Israel alle Geschichte hindurch nicht aufhören, sein glühender Haß nicht verlöschen wollen. Ob dieser Haß in feindseligem offenen Kampfe auftritt, das gluthgeröthete Antlitz unverhüllt, ob er Geldsummen bietet, die wehr- und angeblich werthlosen als Waare einkauft, um sie nach Belieben dem Verderben zu weihen; ob der Haß mit falscher Tücke sich verbirgt, um bei günstiger Gelegenheit aus seinem Hinterhalte bervorzubrechen; ob er Lügen ersinnt und mit gleißnerischer Rede und tönender Phrase sich selbst beschwatzt, um für den schmachwürdigen Groll gegen die schuldlosen Opfer in ihrer eingebildeten Un- Würdigkeit 'Gründe zu finden — in allen diesen Gestalten, Höllen und Masken trat auf unserer mehrtausendjährigen Wanderung Haman uns entgegen, Amalek., unsterblich, untilgbar, wie die Bosheit, wie die Lüge, wie die Tücke. Daß aber Israel aus diesem Kampfe unversehrt ist hervorgegangen, dem vielgestaltigen und gewaltigen Feinde nimmer erlegen, daß es unter Druck und Schmach, unter Verfolgung und Elend nicht zusammengebrochen, daß all' die Beschuldigungen und Verleumdungen vergeblich sind gesponnen, all' die Gluthen und Brände vergeblich geschüret worden: das ist würdig eines nationalen Gedenktages für alle Geschlechter; diesen ׳Gedanken und diesen Keim verbindet das heutige Jsrael mit dem Purimfeste. Weil jedoch dieser Kampf und dieser Haß nimmer will aufhören, und der Feinde Wuth von unverwüstlicher Triebkraft, unausrottbar wie ihre bösen ungezügelten Leidenschaften — sich heute noch in dem kränkenden Hohne, in den kleinen Anfällen und Ausfällen feiler Tagesschreiber mit gleicher Intensität offenbart, wie in den blutigen thränenreichen Tagen des Mittelalters — darum auch die Verpflichtung der Pmimfeier unverbrüchlich für alle Zeiten. Megilla Jer. I. So erkennen wir Purim als einen nationalen und wahr- Haft historischen Gedenktag, nnd Esther, ungeachtet aller in Vergestenheit gerathener hellenistischer Tendenzen und Ideen, die es ursprünglich hatte vertreten und verbreiten sollen, als ein Buch der Geschichte Israels im bedeutsamsten Sinne. Und wie in den Anklagen, welche der Dichter die Feinde t wider Israel erheben läßt, so zeigt sich auch sein prophetischer Scharfblick in der Art, wie Mordechai und Esther jene Anklagen widerlegen. Gleich der Welle, die im Strome zerrinnt, dem Schafle, der im leeren Raume verhallt, so sind des Dichters hellenistische Liebhabereien und Tendenzen längst vorübergezogen und verklungen, aus dem Volksbewußtsein entschwunden. Seine weisen Lehren jedoch sind nicht unbefolgt geblieben. Nicht Schwert und Lanze, Ausruhr und Widersetzlichkeit, sondern aufopferungsvolle Hingabe an das Laud, dahin sein Geschick es verschlagen, aufrichtige Treue an den König, unter deffen Schutz es sich gestellt, inniges Anschließen an das Volk, in dessen Mitte es seine Wohn- und Ruhestätte gefunden: das allein war Israels Waffe, damit allein kemneichnete es alle Anklagen seiner Haster als lügenhafte VeGeumdung. Und wo immer sich den Irrenden ein schützender Paß, ein gastliches Obdach aufgethan, haben sie Sprache und Sitte, Bil-