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Das jüdische Literaturblatt · 1877-09-05 · N° 36. (5.9.1877) · p. Seite 143

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
6 (1877)
Issue
N° 36. (5.9.1877)
Date
1877-09-05
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
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— 143 — fßeht das Gelesen« gleich so, daß er eS erkläre», commentiren, ׳Lndere dann unterrichten, Einwürfe dagegen machen kann, tzr disputirt mit jedem Buche, welches er liest. DaS ist sein Talmudistentalent, sein am Talmud geübter Scharfsinn, den er mit Leichtigkeit auf jedes beliebige Buch.anwendet ..... So verfährt er mir der Kabbala, mit Wolf und Locke und ebenso später mit Kant. Heute lernt er Locke's Schrift ,um ersten Male kennen, und morgen bietet er dem Freunde, der ihm das Buch geliehen, seinen Unterricht in der Locke'schen Philosophie all. Ebenso macht er eS mit Adelungs deutscher Sprachlehre. Er, der kein deutsches Wort richtig lesen, der die deutsche Sprache nie fehlerfrei schreiben konnte, erbietet sich die deutsche Sprache lehren und Adelungs Grammatik erklären zu wollen, noch bevor er dieselbe auch nur gesehen hatte- Und es ist keine Prahlerei; er unterrichtete wirklich den Einen im Locke und den Andern im Adelung " Daher wird die Schilderung seines Lebenslaufes stets ein allgemeines aüturhistorisches Interesse behalten und geeignet bleiben, wirksame Streiflichter auf die Einwirkung des Judenthums und seiner Lehre auf Geist, Gemülh und Verstand zu werfen. Denn schon die K. Fischer'sche Darstellung genügt, um die von Maimon gegebene, von Witte* *) adoptirte Schilderung des dritten Grades iw Talmudstudium (der erste ist nach ihm die Erlermmg des Idioms, der zweite die Auffassung des Inhalts und des Zusammenhanges) als zu sehr in'S Schwarze gemalt zu erkennen. ״Der dritte oder Disputirgrad besteht in einem ewigen Hin- und Herreden über dies Buch, ohne Ziel. Scharfsinn, Beredsamkeit und Frechheit geben dabei den Ausschlag. Es ist das eine Art talmudijiischer Skepticismus.-einem zweckmäßig systenlatischen Studium durchaus zuwider." So ganz ,weck und ziellos war die pilpulistische Methode nun doch nicht. Wohl ist sie zu weit getrieben worden. Doch; mindestens hat sie stets denselben Werth gehabt, wie die währeud des ganzen Mtttelalters auf den Universitäten so eifrig gepflegte» Disputirübungen. In der guten Zeit erstrebte und erreichte sie Klarheit im Erfassen des vorliegenden Gegenstandes. Den besten Beweis liefern die Toflafoth. Aber selbst im Verfalle noch schärfte und schulte sie das logische und juridische Denken. Ueberhaupt ist Herr Witte allzusehr geneigt, Maimon zu glauben, der nie das Mahnwort beherzigt, daß in den Brunnen, aus welchem man selbst sich gelabt, man keinen Stein werfen dürfe, und deshalb über die ״hebräische Wissenschaft" in absprechendster Weise zu urtheilen**), ja ihr den Rang einer Wissenschaft überhaupt streitig zu machen. Tn ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Eben was ihr an Maimon — und ebenso unbedenklich dürften wir hierbei an sittlich reinere, geistig ihm mindestens gleich hoch stehende Männer der Gegenwart (z. B. Rappoport, Zunz) erinnern — bewundert, das ist die Frucht der vielgeschmäheten und unverdient verachteten jüdischen Wissenschaft, von welcher Maimon - nur zum kleinsten Theile Kunde hatte. Tenn ihm fehlt ganz die Bekanntschaft mit den jüdischer Dichtern, wie überhaupt Empfänglichkeit für Poesie, und auch von den philosophischen Schriften scheinen ihm nicht wenige — und nicht gerade die unbedeuienderen — unbekannt geblieben zu sein. Wenden wir uns nun zum Leben des Helden selbst. Er ist 1754 in einem Dorse polnisch LithauenS geboren, wo sein Großvater Hejnemann als begüterter Pächter lebte. Den Namen Maimon nahm er erst später als Ausdruck seiner Verchrung des Maimonides an Der Großvater war ein tüchtiger Geschäftsmann, der, selbst ungebildet. Alles aufbot, um seine Kinder mit tüchtigem Wissen auszustatten. So war Maimons Vater befähigt, ein Rabbinat zu bekleiden Da er jedoch ohne Amt im elterliche» Hause lebte, dürste er zu der dritten Klasse zu rechnen sein, (die erste sind die Ungebilten, die zwefte die gelehrten Beamten) von welcher Maimon folgendes schiefe Bild entworfen***): (Sie) ״besteht aus den- Wenigen Gelehrten, die wegen ihrer vorzüglichen Talente und Gelehrsamkeit die Aufmerksamkeit der Ungelehrten auf sich *) ibid. e. 10. ) ibid. 6. 21. **׳) M Witte 6. 9 u. 10. ziehen, von diesen in ihre Häuser genommen, mit ihren TSch» lern verheirathet und einige Jahre auf eigne Unkosten mit Frau und Kändern unterhaften werde«. Nachher aber muß diese Frau me Ernährung ihres heiligen Müßiggängers und. ihrer Kücher! (die gemeiniglich bei dieser Klasse sehr zahlreuh find) auf sich nehmen, worauf sie sich, wie billig, schr vä einbildet." Nichts kann ungereimter sein, als eine solch« Klaffe schm»» ratzender Gelehrter anzunehmen.׳ Richtig ist allein, daß Wisse« adelte, und haß eS als Ehre galt, einen junge» Gelehrten zu« Schwiegersöhne za erhaften (Maimons eigenes Beispiel führt ans in die ttiedrigiim Gesellschaftsschichten). Dieser sollte die Muße, welchi! die reiche Ausstattung und die freie Kost im ׳ Hause der Schwiegereltern ihm gewährte, dazu benutzen, sei« Wissen abzurunden, um sich gut Uedernahme eines Rabbiner» . oder Predigetamtes z» befähigen. Nicht gar selten aber che» schah es, daß der junge Gelehrte den Beweis lieferte für die Wahrheit des Sprichwortes: Aus einem Bachur kann man ׳ Alles machen, daß er Geschmack fand am vrakiischim Leben und an geschäftlicher Thätigkeit und in vielen Fälle» darin reussirte. So entstand die das Judenlhum ehrende und aus»; zeichnende Klasse der gelehrten und gebildeten Nichtgelehrte« — so bildeten sich die Kaufleute und Gewerbetreibenden heran, welche nebenher ganz tüchtiges Wissen besaßen, welche jederzÄt zur Uedernahme eines Rabdinats befähigt und zumeist die Ersten waren, die das moderne Wisse« dem jüdische« hinzufügten. Die von ihren Frauen durch das ganze Leben «HÄ», lenen ״heftigen Müßiggänger" bilden den verschwindende« Bruchtheil d«er, die Schiffdruch gelitten und weder für bas׳. Geschästsleden, noch für ein Amt die nöthige Befähigung hlü» ten erwerben können. (Fortsetzung folgt.). Gin« geistreiche Grkttnnrg ei»er Tofeftä» stelle twn -k David Vardo durch die Gr» faxtet -Hfch. bestätigt. . >. R. David Pardo, ein berühmter Rabbin« de» vorige« Jahrhunderts, Verfasser zahlreich« werthvoller rabbimscher.WÄe und biblisch« Commentare, ist der erste, welcher alle Ordnungen von Tosefta conrmentirle.') Er ist aber nicht nur der erste, söndem unseres Erachtet der von seinen Nachfolgem unübertroffene Commeatator?) Er besitzt die für einen Erklärer nothwen» digen Eigenschaften: Geradheit des Verstandes, kritische- Ür» theil und Combinationsgabe. Sehr oft treffen seine Smeaba», turnen mit den Lesarten der Erf. oder Wiener Handschrift zusammen. Die Frage, die sich uns aufdrängt, ob er vielleicht eine Handschrift gesehen, da nach dem Zeugnisse von R. Mos^t Margolith (vgl. oben S- 76) im vorige» Jahrhunderte in Italien (vgl. Anm. 1) sich eine befand, muß verneiat werden. Abgesehen davon, daß er dies hätte erwähnen müssen, spricht der Umstand dagegen, haß er oft verzweifelte Anstrengungen macht, eine schwierige Stelle nach der LS. der Ausgabe zu erklären'), während alle Schwierigkeiten fortfallen nach LA. der Hsch.') — Es ist selbstverständlich, daß er sich meist bemüht, Tosefta ') Bier Ordnungen sind gedruckt unter dem Romen Hl חסדי (Liworno 1796) s. «sulai IV ». ▼. (wo Druckort fehlt). Kinn Wert«, welche« von dem Sohn« de» Brtfafferi herauSgegiSÄ» würde, ist unter Anderm auch eine Approbation Asolgi'4 vorgedruckt. Der Berf. net Rabbiner in 80»na Ser«, war aber wiederholt wegen Drucklegung seiner früher« Werl« in Italien, vgl. di« Schlußbemeriung des Buches *) Merkwürdig ist, daß nicht nur Si. Jona b. Serfon in smiem Tomnientar >u Seraim Wilna 1799, sondern auch R. Samuel Abigdae im Lommentar zu seiner Ausgabe 1642 ihre« Vorgänger« nicht rrwäh» nen. Sollt« Letztere ihn nicht gekannt haben? *) In der Vorrede, welch« der nächsten« erscheinenden __ ferung meiner Tosestaautgabe deigegebrn wird, Hab« ich mehre Bei gufftnuncnaefUttt• *) Aach di« Aufeinanderfolge ver Traktat« im *f|*T חסדי schließt sich der Ordnung derselbe«, in der Alsafi-Ausgabe an (vgl. oben S. 14 ff) HStte er «in« Handschrift vor sich gehabt, er würde die Orvnuwg dar Handschrift beobacht«» haben, wie umgekehrt die in de, Anggal» »on “ ז י beobachtete Ordnung in Mo« daraas hinwrist, haß, ei« H^chW oor sich^Lis söLHörr».). ' 3 j

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