Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1877-05-03 · N° 18. (3.5.1877) · p. Seite 70

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
6 (1877)
Issue
N° 18. (3.5.1877)
Date
1877-05-03
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5367336-6488232-8754601--0740-4854235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«ilimvilde, dasich hier ihm darbot, nicht wenig überrascht. Ja der-feierlich erle ichtrten Stabe wurde er, von den festlich gekleideten trab glück!ich aursehenden Frauen freundlich' empfang« und von der geschmückte» Kindern mit Jubel begrüßt, und alr Esra, aus^«r Synagoge kommend, seine Hände feg- «end ausbreitete üb« r die Köpfe seiner Kinder, da mußte stch Deronda sagen, daß der Pfandleiher denn doch nicht ganz aller Poesie entbehre, und fast schämte er sich de- Abscheues, den er anfängüch gegen liefe Menschen, die in ihrer Art glücklich zu sei« verstanden, «mpfundcn hatte. Mit tiefer Absichtlichkeit hat uns die Dichten! 1 das Familienbild geistig uittmg stehender Juden entrollt. Wenn wir sie recht verstehen, so wollte fi« damst dem Borur «heile, als würde dem schachernden Juden jede sittliche' Grund age fehlen, die Spitze abbrechen. Die Dichterin ist weit dc von entfernt, eine Apologie der Juden zu schreiben; sie ver chließt ihr Auge nicht vor so manchen verderblichen Schade!, die an ihnen nagen, aber sie zeigt, wie unter der häßlichen Hülle sich noch ein edler, gesunder Kern befindet, und darum der Schaden nur ein äußerlicher, leicht heilbarer ist. Bei all dem auf den gemeinen Vortheil gerichtet« Sinne de r Familie Lohen und bei den sonstigen abstoßend« Eigmsch ist«, die sie besitzt, treten in ihr doch noch so viel fein», e >le Züge hervor, daß man in ihrem Hause nicht ungern verweil«. Mil tiefster Ehrfurcht behandelt Esra seine Mutter, das 4 and innigster Lieb« umschlingt alle Glieder der Familie, un) ein WohlthätigkeitSfinn tritt in ihr hervor, der um so höh!r anzuschlagen ist, als er nicht einmal seine Berdimstlichkei zugeben will. Bei der Familie Cohen wohnte nämlich ein Mann in ärmlicher Kleidung und von schwindsüchtigem Ausseh« und wurde von ihr mit der'liebevollst« Theilnahme behandelt; sein Name war Mardochai. Wir müssen diesem Manne näher treten, weil mit ihm erst der Grundgckanke »es ganz« Buches Herportritt. Deronda war ihm bereit» früher.in einem Antiquariate begegnet und hatte bemerkt, daß 7c auf dm leidend aussehenden Mann eimn seltsam überraschend« Eindruck mache, der jedoch bald »ttäuschung wich, als Deronda, darüber er nicht dem jüd. Stamme angehöre. Was hedemet dies «geheinmißvolle Interesse Mardochai's für den chm fremd« Lseronda? Der Grund hierfür ist ein tief mystischer, über den« mancher Leser gar bedmklich das Haupt schütteln wird. (Fortsetzung folgt.) einer schmerzlich« befragt, erklärte, l Der Stifter des EhristesthumS in feiner «evefte« Biographie. Bon Dr. I. S. Bloch. (Fortsetzung*)) llm nachzuweam, daß das Zimmerhanvwerk, das Jesu Ellern ernährt hafte, nicht etwas Erniedrigendes gewesen, giedt Berf. S.?7—-32 eine ausführliche und recht gurx Darstellung von der hoch« Achtung, welche die alten Rabbiaen, meistens selbst Handwerker, dem Handwerk entgegengebracht Hab«, von der Hochschätzung, die es bei dm höchstgestellten Jud« von je sich erfrmte: daß ein Brunmngräber dem Synhedrialpräfident« Joch. Ben Sackai sich gleichstes« durfte (Midr. Koh. 4, 7), ohm einer lächerlichen Anmaßung beschul- •) Sr 15 Spatz« » Zeile H u. st. ״bat Mesfiat" lies ״bera Messt«»". Sr. 18 Vfite 62 Spalte 2 letzt« Zeile st. -2>ie politische SeUtzio»" litt ״bi« ,«aliltzische Selizion". 6. 63 Zeile 27 st. ״»erbatbat״ «»! ״Mnombat". | digt zu werden. Da» ist Alles recht schön, und wir bewun- > dern die Gelehrsamkeit, vor Allem auch die BorurtheilSlofigkeit des Berf. Rur ist es uns unverständlich, warum Berf. sich nicht die naheliegende, fast gar nicht zu um gehende Frage vorgelegt: welche Stellung dem Handwerk gegenüber Jesus selber eingenommen hat? Theobald Ziegler war eS, der—in seiner Vertheidigung der letzten Schrift de» David Strauß — gegen dm Stifter des Christenthums den Vorwurf erhoben, daß er die Ehre der Arbeit verkannt habe. Der unermüdliche und höchst geistvolle Prof. I. Huber war darob gar sehr erzürnt; mit Recht, denn es ist ein gar schwerer Vorwurf. Was er indeß erwidert hat, konnte den Gegmr nicht veranlassen, die Waffen zu strecken; selbst diesem feinen Dialektiker bietet das R. T. nach dieser Seite nur dürsttge Brrtheidigungsmomente. Wmn der Psalmist v en deglückwünscht und preist, der von seiner HändeArbeit genießt, Ps. 128,2, wenn die Talmudisten die A r b e i t gleich der Thora als ein B ü n d n i ß Gottes mit dem Menschen verherrlichen, Aboth dM. N. 11, und dem Vater zümen, der seinen Sohn kein Handwerk lehrt,., denn er erzieht ihn durch Müßiggang zum Straßenräuber, Kid 29»; wenn sie einerseits den Tod für eine Folge des Müßigganges erklären, andererseits auch dem Vornehmsten einschärfen, er solle lieber einem Aase das Fell abzieh« und nehmen Lohn und sprechen nicht: ich bin zu vornehm, die Zsrbeit ist mir zuwider, Baba B. 110», Peff. 113», so entsprach das ganz dem innerst«, gesunden, kulturgeneigten Wesen des Judenthums. Wo aber wäre im ganzen N. T. eine Aeußerung, die sich jenen an die Seite stellen dürste, oder die auch nur im Entferntesten auf eine Ermunterung zu nützlicher Arbeit und Enverbslhäligkeit hinzielte? Dem weltflüchtigm, kulturfeindlichen Effäerorden war Reichthum und weltlich« Arbeit zuwider, denn — wie ein später Nachzügler im Talmud zümte — warum ״das ewige Leben laffen und mit dem zeitlichen sich beschäftigen?" ׳Darum hatte auch Jesus für die Reich« und Begüterten in seinem Himmelreich keinen Raum; darum waren ihm die Lilien, die nicht arbeiten, nicht spinnen und doch wachsen und gedeihen, vollgültige Muster, die Vögel in den Lüsten, dje niht säen, nicht e«ten, noch in die Speicher sammeln, nachahmenswert t;e Vor» bilder, — ihm, ob aber auch der kulturbedürftigen Menschheit? Aus gleichem Grunde ist es höchst gewagt, wenn der Umstand, daß die Rabbinen auf Würdigkeit in der Bekleidung, selbst bis auf Schuhe und Wäsche, sehr geachtet haben, dem Verf. S. 45 Bürgschaft ist, daß auch Jesus da«ach sich gerichtet habe Es müffen die effäischen Grundsätze in Betracht gezog« werden, die von den« der Peruschim auch hierin nicht unwesentlich abwichen. Von viel gröberer Tragweite ist die Gegensätzlichkeit in jenen Principi«. welche die Grundbasis bilden, nicht dlos für das Kulturleben, sondern unsere ganze Sittlichkeit. Nach dem Referate der zwei ersten Evangelien, Matth. 15, 1—20, Marc. 7, 1—23, hat Jesus den Pharisäern den Vorwurf zngeschleudert, daß sie der Elternliebe und Kindespflichten zu gering achteten. Unser Verf. ist wissenschaftlich und vorurtheilsfrei gmug zu erklären: ״Man würde sehr irren, wenn man glauben wollte, das alte Judenthum habe sich zu keiner reinern Anschauung über das Gebot der Elternliebe erhoben, als Jesus hier andeutet." S. 314. Er erinnett daran, daß die alttestmtl. Ausdrücke bei Elternliebe und GotteSliebe schon sprachlich so gleich gehalten seien, daß der Gedanke irgmd eines Gradunterschiedes gar nicht auftommen kann; er weist auf die Jeruschalmistelle hin,-Kid. 31. die den Sohn verpflichtet, betteln zu gehen, um den Vater zu ernähren, auf Simon Ben Jochai, der sogar der Elternliebe einen höhern Werth als der Gottesliebe zuerkannte; quf einzelne rührende Züge der KindeSpietät bei Talmudisten, w׳e R. Jost, der, wmn seine Mutter kam, zu sagen pflegte: ich will a ufstehen, die Schechina kömmt, und den Gesetzeslehrer, der vor seiner alten Mutter, so oft sie zu Bette ging, sich hinlegte, damit sie bequem auf ihn ins Bett steige, — was manche Rabbinen noch nicht einmal als die Hälfte der Ehren anerkennen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.