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Das jüdische Literaturblatt · 1877-04-19 · N° 16. (19.4.1877) · p. Seite 62

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
6 (1877)
Issue
N° 16. (19.4.1877)
Date
1877-04-19
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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Opsrr mit mächtige» Arme entriß. Wer war der״ Mann, der i« Glanze de» Sonnenuntergangs melancholisch in einem Lahn» dechingljtt und im krüischen Momente ein elendes Mepschenünd gewaltsam ans Leben feffelte? Er hieß Daniel Derand«, es ist der Hauptträger des RowänS. Seine Getourt ist chm selber in «in geheimnißvolles Dunkel gehüllt, doch glaubt er. wie alle iVelt, der natürliche Sohn des Lord Mallinger M sein, der ihn väterlich liebt und ihm die Erziehung «ine» englische« Edelmann» zu.Theil werden ließ. Bi» zu seinem 25. Lebensjahre hatte er noch keiqen bestimmten LebenSbernf gewählt, die politische Laufbahn mochte er nicht eknschlagen, um nicht in eine «inseitige Parteirichtung zu gerathen. Uederhanpt hatte die Lebhaftigkeit seiner Einbrüche, sein «nanSpefrtzttS Denken, sowie die Vielseitigkeit seiner!Ald»ng ihn an einer bestimmten Thättgkeit verhindert. Und doch wogte wtd brauste es in seinem Innern, als wollte die in seinem Herzen eingeschlossene Thatkrast gewaltsam ihre Fessel spttttgen, nur fehlte er seinem Thatendrange an einem würdigen Ziele. Nachdenüich wie tr war, hatte er das Leben . als «ine »nauSgesetztr Entdeckung betrachtet und mit Lebhaftigkeit erfaßt, was einmal sein Jntereffe anzuregen vermochte Mit Mirah'S Erscheinen sollte seine Gedankenrichtung in ganz neue Bahnen gelenkt werden. Sr bringt die glücklich Gerettete .1» der ihm befreundeten Familie Meyrick, wo das religiöse GefW Mirah'S bald mtt einer Tiefe und Innigkeit hervortritt, die Deronda zu denken giebt. Er hatte das Judenthum »als eine Art BerstrineruagSform* betrachtet, intereffant ge- «ug, um de«-Speeialforscher zu beschäftigen; das Wesen Mirah's jedoch lehrte ihn, wie lebendig noch das Judenthüm im menschlichen Herzen pnlfire und welch' mächtigen sittlichen Halt «S mitten in den Stürmen der Leben» zu bieten vermöge. Alle» Jüdische erschien Mirah so. natürlich und seldstverständlich, als könne da» Leben nur so -und nicht anders eingerichtet sein. <Kne der Meyrick'schen Töchter, die sie rasch zu Freundkmen gewönnen hatte, fragte sie — wie übrigens auch viele «nserer jüd. Mädchen mit ihrer Tanzstundenästhetik gefragt haben kännten —r: »Scheint es Dir ganz in der Ordnung, daß die Frauen hinter einem Gitter auf einer besondern Gallertt fitzen müssen?" ״Ja", erwiderte Mirah, ״Ich habe es mir nie andergümcht". ״Urü> magst Du", fragte die Freuni bin weiter, ״die Männer lieber mit Hüten auf den Köpfen sehen?" ״O ja", entgegnet« M., ״mir gefällt, was ich immer dort gesehen habe, weil es dieselben Gefühle für mich wachruft — die Gefühls von denen ich mich um nichts in der Wckt loSfpgen möchte". Ihr jüd. Gefühl war ihr eine Herzenssache, di« sie von Keinem antasten ließ, und nach dieser Richtung hin verletzt, konnte das sonst so ruhige und schüchttnw Mädchen in einen heiligen Eifer gerathen. So hatte einst die gntmüthige Frau Meyrick ganz harmlos geäußert: Ran müsse sich nicht genau an die Ansichten der Eltern halten, wie man sich ja auch nicht an den Schnür ihrer Kleidung zu halten braucht, und wenn Juden und Jüdinnen fortführn ihre Religion zu nwchsel», so würde man bald keine Juden mehr " erblicken, — worauf Mirah in leidenschaftlich aufgeregtem Tone erwiderte: ״O bitte, sagen Sie das nicht, es ist das erste ungütige Wort, das Sie ausgesprochen haben. Ich will nicht damit beginne». Ich werde mich nie von dem Volke meiner Mutter abscheiden. ... Ich werde stet» eine Jüdin sei«. Ich werde di« Christen lttben, wenn sie gut sind wie Ihr. Aber ich werde stets an meinem Volke hangen. Ich werde stets mü ihm beten." Der Stifter des CHristenthum« in feiner neueste« Biographie. Bon Dr. I. €>. Bloch. (Fortsetzung.) Daß aber diese ekstatischen Schwärmereien in vollem Gegmsatze stehen zu den Grundgedanken, auf welche alle Eultur und Civilisation der modemen Zeü sich aufbaut, haben die gewichtigsten Stimmen der bedeutendsten Forscher auf neutest. Gebiete in jüngster Zeit laut genug ausgesprochen und in Frage gestellt, ob das Bild und die Persönlichkeit Jesu den modemen Kulturnationen als Ideal dienen kann, d. h. mit andem Worten, dem Fortbestände des Christenthums unter den fortgeschrittenen Völkern theilweise die Berechtigung aberkannt. Diesen schweren Vorwurf entgegenzutreten, versuchte' Dr. Aug. Wünsche in seinem neuesten Charakterbilds Jesu. Im ausgesprochenen Gegensatz zur dogmat. Auffasiuug benutzt er nicht die grauen, sondern mehr freundliche, dem Auge anmuthendere Farben zu seiner Zeichnung und sucht Jesu in all seinem Lehren und Handeln mehr Lebensfrische und Lebensfreude zu verleihen, als es dis jetzt üblich war, um so die Persönlichkeit dem modernen Verständniß und Ideal« um Einiges näher zu bringen. Die Frage, die wir. uiK nach Durchlesen der Schrift vorlegen müssm, ist zunächst nicht die, ob die Zeichnung des Bildes eine gelungene, sondem ob dem Gelingm von vornherein die Möglichkeit gegeben, war. Nicht als ob wir die Möglichkeit in Abrede stellen: dem Leben Jesu einzelne freundliche Züge abzugewinnen; wohl aber scheint es uns mehr als ,fraglich, ob bei der mangelhaften Beschaffenheit der Quellen von Jesu überhaupt ein ganzes Lebensbild gezeichnet' werden kann? Die ״Quellen", — je mehr wir uns in diese verliefen, desto mehr erkennen wir, daß ein sicherer Hoden hier gar nicht zu gewinnen ist; das Bild Jesu erscheint uns nach allen Seiten wie von einem undurchdringlichen Nebel verhüllt; versucht man mit allen Hilfsmitteln der krit. Wiffenschast die Atmosphäre zu reinigen, so ist der Erfolg doch ein gar geringer, die Züge erblaßen immer niehr, und man ist versucht, zu zweifeln, ob jemals darin Leben war. Das Johannesevangelium hat Wünsche fast ganz bei Seite gelaffen, er wußte warum. Und die etwas mehr sicherm Anhaltspunkte, welche die paulinischeu Briefe darbieten, können ebenfalls für ein Bild, wie es-Wünsche zeichnete, aus dem er alle weltflüchtigen Elemente ausscheiden möchte noch viel weniger verwerthet werden. Darum die bescheidene Hegrenzung seiner Aufgabe. Er bietet blos einen ״Jesus der synoptischen Evangelien". Wenn wir nun auch zugeben, daß manche hist. Züge in den Synoptikern enthalten sein mögen, wie sie namentlich Keim hie und da mit großer Feinheit herauSgefunden. so sinv sie doch einerseits zu dürflig, um Bode« genug zu sein zum Aufbau enes ganzen Lebensbildes, andererseits hiesür auch zu unsicher. Denn über ein ״Vielleicht" hilft Keim auch nicht weg. Da dieses ״Vielleicht" sich nicht ' wegdisputiren läßt, da hier ein ״ignoramus“ gilt, das wohl ein ״ignorabimus“ sein wird, ist ei» Lebensbild Jesu unmöglich zu zeichnen, ist und bleibt Jesus, wie D. Strauß sagte, ein Problem ״An ein Problem aber zu glauben, fügt er mit Recht hinzu, nach einem Problem sich zu nennen, ein Problem als Menschheitsideal zu verkünden, ist unserer kritisch angehauchten Zeit schwer zuzumuthen." Es ist oft wiederholt worden, daß das Unbefriedigende in den scharfsinnigen, und stilistisch namentlich bedeutsamen Biographien Jesu von Renan und Strauß darin seine Ursache hat, daß sie die talm. Literatur mißachtet haben, und sich so den Einblick in die hist Atmosphäre entzogen, aus der die polü.

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