Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 6 (1877)
- Issue
- N° 16. (19.4.1877)
- Date
- 1877-04-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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IS. Das VI• Jahrgiwg. ff Z»r Beleuchtung altr Jutenttzu» «. Juten ketrefftnken liternrtschr» Erscheinungen «ns km Kettete KerPkilesephir.Seschichte,«ttzu»,rugl^e.rtzeutogie, OrteutuU«, Exegese, HmuUetik, Liturgik, »ik^gi» Herausgegeben von Rabbiner vr. Moritz Rahmer. Magdeburg, IS. April 1877. Bicher »er eiuschli^e» Literutur, welche der >ek. kr» ,Iiik. AitrruturkiuUin Mu^ekurg (»ker »er «Iuruet. WÜchenschr.- tu Ltettt») pegesuukt Merke», finke» in Kiese« Mutte ein- Schenke Besprechuug. Das »Mid. Literalnrdtatl" erscheint wöchentlich einmal: Preis pro Jahrgang 8 Mars, mit der »Israelitische« Wochenschrift": 10 Mart, b«liehe« durch alle Buchhandlungen (in Leipzig durch Robert Friese), oder durch chtreet« Bestellung bei der Expedition der Israelitisch», cheuschrist" in Magdeburg. — Inserat« werden mit 20 Pf. für die dreigespalten« Petitzeile berechnet: Inhalt. | Kurze Abhandlungen: Die Juden in »Daniel Deronda". ll Der Stifter des LhristenthumS in seiner neuesten Biographie, von Dt. I. S. Bloch. Literarisch« Ratizen von vr. L. Lewpsohn, Rabb. in Stockholm. Literarisch« Anzeige«. Die Jude« in ״Daniel Deronda". li. Nach der Weise Shakespeare'scher Dramen läßt die Ver- 1 fasierin zwei Romane sich neben einander abspielen, die in einem Helden ihren Mittelpunkt finden. Der Roman »Gwendolen — Grandcourt" kann hier für uns nicht in Betracht kommen, da er kein jüdisches Jnteresie bietet: unsere besondere Aufmerksamkeit sollen jene drei Personen in Anspruch nehmen, deren Gedankenwelt sich unter jüd. Horizonte bewegt und auch den eigentlichen Keni des ganzen Buches bildet — es find dies: Mirah, DanielDeronda und Mardochai, oder wie er mit seinem vollen Namen heißt: Mardochai Esra Cohen. Als ein Bild zartester Natur tritt Mir ah uns entgegen. Mit allem Zauber edler Anmuth und Lieblichkeit hat die Phantasie der Dichterin sie auSgestattet. Und doch haben gar rauhe Stürme dies zarte Wesen von frühester Jugend an furchtbar geschüttelt. Als Kind wurde sie von ihrem Vater, einem leichtlebigen Schauspieler, den liebenden Armen der Mutter entrissen und zur Sängerin ausgebildet. ES war eine thräneureiche Laufbahn, die Mirah mit innerem Widerstreben verfolgte. Sie sollte sich und ihrem nichtswürdigen Vater den Lebensunterhalt erfingen, allein ihre Stimme reichte für'- Theater nicht aus und erzielte nur mäßige Erfolge. Auch der Charakter Mirah'S bildete sich nicht nach dem Willen des Vatrrs, sondern schien sich nach der Richtimg der Mutter zu entwickeln, von der sie freilich Nichts mehr wußte, als daß sie fleißig in cihem alten Gebetbuche zu lesen pßlegte, und nur einige Psalmenmelodien, die ihr die Mutter als Wiegenlieder vorgesungen, waren ihr lebhaft erinnerlich. Sie wußte noch, daß sie einen Bruder hatte, der sie auf den Armen trug und den die Mutter zärtlich mit dem Namen Esra rief. Aber selbst diese schwachen Erinnerungen reichten hin, um ihr in der verlotterten Gesellschaft, in der ihr Vater sich bewegte, ein genü« gendeS sittliches Gegengewicht zu verleihen. Heimlich besuchte sie die Synagoge, und als sie Geld genug dazu hatte, kauft« sie sich jüd. Bücher, weil eS ihr eine« Trost gewährte, a»f dieselben Worte zu bllcken, die ihre Mutter gesprochen habe» mußte. Jst'S ein Wunder, daß Mirah sich ihrem verlogenen Vater immer mehr entfremdet fühlt«, dafür aber eine innige Gemeinschaft zu ihrem Volke empfand, dessen Leidensgeschichte ihr mit der ihrigen so nähe verwandt erschien? Wen» chr Vater seine Gäste damit unterhielt, daß er seine Stammrl» genossen in widerlichster Weise carrikirte, da stieg chr die AonneSgluth in» Gesicht, und vorwurfsvoll wies sie ihn dann M» recht mit den Worten: »Vater, du solltest nicht unsere eigene» Leute vor Christen, die sie verhöhnen, nachmache«; wäre es nicht schlecht, wenn ich deine Gebärden nachmächte, da«it man über dich spottete?" Der Bater jedoch finkt von Stufe pr Stufe, und als die Mißerfolge Mirah'» auf der Bühne immer' entschiedener werden, da scheut sich der herabgekommene Later nicht, mit einem Grasen ein schändliches Komplott gegen die eigene Tochter in'S Spiel zu setzen. Vergeben» detheuert ihr der Graf seine glühende Liebe und schwört, sie glücklich z» machen; Mirah empfindet iastinkttv, »daß ei« Edelmann «ab Einer, der kein Jude ist, keine Liebe für sie empfinde« könne,+־ die nicht zur Hälfte Verachtung ist". Als die Nachstellungen des Gras«« immer zudringlicher werden, da entschließt fuß das heldenmülhige Mädchen zur Flucht nach London, wo sie ihre Mutter und ihren Bruder zu sticken hofft, denen sie vor 12 Jahren geraubt worden. Doch sie erkennt die Straßen und Häuser nicht mehr, der Stadttheil, in welche« sie ihre! "Kindheit verlebte, hatte sich ganz verändert und alle Lachforschungen nach ihren Lieben bleiben erfolglos. Wie ei» ge- > jagte» Reh eilt sie nun durch die Straße», von der Fnrcht gepeinigt, dem Vater und dem nachstellenden Grafe» z» begegnen, bis endlich ein schretllicher Entschluß in ihrer gefolteilen Seele reist. Ihre Verzweiflung erschien ihr »wie eine Sttmme Gottes, die zum Tode rief." Und doch erblickte sie in ihrem unsagbaren Elend nicht» Ungewöhnliche». Sie ge» dachte, wie auch ihre StammeSgenoffen von Land zu Land getrieben wurden, und wie oft die Väter Hand anlegten an die eigenen Kinder, um sie vor Abtrünnigkit zu bewahren — so wollte auch sie vor Schande und Verworsenhett sich rette» durch steiwilligen Tod? Als die Sonne ihre letzte« Strahle» zur Erde sendete, ging Mirah hinaus zur Themse, um sich eins kühler Grab zu suchen, und sie hätte es gefunden, wäre nicht rechtzeittg ein Retter erschienen, der den Fluthen daS frriwillige i. 1