Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1877-03-29 · N° 13. u. 14. (29.3.1877) · p. Seite 53

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
6 (1877)
Issue
N° 13. u. 14. (29.3.1877)
Date
1877-03-29
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/5367336-6488232-8754596--0719-4854218
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

53 fcttnb, der bei dem geringsten Verdachte seine Zunge unge- »ührlich lausen läßt, es hier instinktmäßig fühlen wird, daß Rieses Israel recht daran gethan, sich für die Sklavenarbeit Ron 430 Jahren bezahlt zu niachen. Trotz des schnellen Auskiges aus dem Lande wird er nicht bellen, weil hier nicht »er leiseste Verdacht eines Unrechtes, oder, wie sich Manche Ruszudrücken belieben, eines Diebstahls aufsteigen kann. Was In seinem Instinkte das vernunftlose Thier herausgefunden. Das sollte doch der Verstand der Verständigen sehen. I Steinamanger, im März 1877. Dr. Stier, I Rabbiner. Literalurberichl. Schriften des Israelitischen Literatur-Vereins. I Zweiter Jahrgang 1876. Ein eigener Unstern schein! über all den literarischen Mnkeniehmiiiigen zu walten, die im Vertrauen auf die Kauflust der jüdische» Lescwelt in Deutschland gegründet werden. Eine Neihe tüchtiger, der Belehrung und Unterhaltung gewidmeter Zeitschriften hat man nach kurzem, vielverheißenden Bestände verschwinden sehen, und selbst diejenigen, die eS über die Jahre der ersten Jugendblüihc hinausbringen, scheint nach einem gesetzmäßige» Ver. äugniß eine greisenhafte Schwäche zu befallen, der man es wohl annierkt, daß in Folge mangelhafter Unterstützung oder Ernährung die Lebensgeister zu erlöschen ansan gen. Ei» stolzer Lileralurvereiu, der lange genug dem Fluche eines frühen Todes, wie er von mancher Kassandra allerdings lan der Wiege ihm gesungen worden war, siegreich zu wider-!stehen schien, ist saust und geräuschlos in ein besseres Nichtsein Ihinübergeschlummert, und schon liegt der zweite, der kühn und 'hoffnungsvoll die Erbschaft des Entschlafenen anzutreten sich unterfing, nach zweijährigem Bestände im Abscheiden. Neunnial Weise wallen allerdings die Schuld dieser wahrhast ״erblichen Unfruchtbarkeit" nicht blos auf eiten der Nachfrage, sonder» auch auf der des Angebots entdeckt haben. Aber mag auch in den letzten Jahren von solchen Unterneh mungen gar Vieles geboten worden sein, woran die bösen Zungen sich weidlich wetzen können, so wird der Unbefangene dennoch zugeben miiffen, daß immerhin des Weizens genug auf len Markt gebrach: wurde, um die Spreil aufznwiegen. Wo in aller Welt vermöchten Vereine nur Gediegenes zu bieten? Wollte man die Lebensfähigkeit der ans dem Wege der Ver einigung zu Tage geförderten jüdischen Leistungen für Die Veurthcllung der den Vereinen selbst zukommenden Dauerkrasl zum Maßstab wählen, man würde sicherlich fehlgreifen. Selbst die letzten Jahrgänge des Heimgegangenen Literaturvereins weisen so entschieden Werthvolles auf, daß man ihm darnach langes Leben hätte Voraussagen müffe». Und so wird auch fein Nachfolger am allerwenigsten durch seine Hervorbringung zu einem so frühe» Absterben verurthcilt. Es sind durchaus achlungswerihe Leistungen, die er bietet, sowohl die wissenfchaftlichen als die fchöugeistigen, ein schönes Zeugniß dafür, daß es wahrlich nicht an Arbeitern fehlt, die der jüdischen Literatur ihre Dienste widmen möchten. Es wäre eine fast ziffernmäßige Bestätigung für die Ausicht derjenigen, die den Bestand des alten wie des neuen Literaturvereins lediglich von dem Erscheinen des Grätz'schen Geschichtswerks abhängig erklärten, wenn dieiech Jahr ihr letztes gewesen sein sollte, da wirklich in ihm der letzte*) oder vielmehr der allein noch zu erwartende Band dieser Arbeit zur Ausgabe gelangte. Die Spannung der Leser, wie Prof. Grätz bei der Darstellung der ältesten Periode in der jüdischen Geschichte vorgehen werde, ist nunmehr befriedigt. Mit der Darstellung des Zeitraumes von der Wiedergeburt Israels im babylonischen Exil bis zum Tode des glorreichen Makkabäers *) Geschichte der Juden von den ältesten Zeilen bis aas die Gegenwart. Aus den Quellen neu bearbeitet von Dr. H. Grätz, Professor an der Universität Breslau. Zweiter Band. ZaMte Hälfte. Leipzig, Oslar Seiner, 1876. hat der Urheber die Freude, Teilt großartiges Unternehmen, die ״Geschichte der Juden von den ältesten Zellen bis auf die Gegenwart" zu schreiben, abgeschlosien und gekrönt zu sehen. Ein beispielloser Erfolg hat die Kühnheit und Ausdauer dieses Versuches belohnt. Theile und Abschnitte dieses Werkes sind in die Sprachen aller Kulturvölker Übertrags» worden, eine Uebersetzuug ins Hebräische geht foeben in Rußland der aus ׳ , gedehntesten Verbreitung entgegen Wer die Art dieses Geschichtsschreibers kennt, wird die begeisterte Aufnahme, die sein Werk bei der jüdischen Lescwelt fand, nicht verwunderlich'nm» itcn. Blitzenden Geistes,> überraschenden Scharfsinns, freisin- Niger Spürkrafl voll, ausgestattet mit einem Stile, der beißend und erhebend, ätzend scharf und getragen, prickelnd und tief zugleich zu wirken versieht, mit einem Worte aber allem aus dem Wege geht, ivas asts Philisterhafte anstreift, niemals die Dinge beim rechten Namen zu nennen verfehlt, mit jener Unabhängigkeit des Unheils gerüstet, die niemals in den ausgesahrelieu Geleisen trottetsondern neue Wege bricht, wohin sie sich auch wendet, wqr er wie geschaffen, einem Volke die Geschichte zu schreiben,-hem seit den Tagen Goliaths die Philisterfeindschaft im Bluts liegt, die Ueberlegenheit deS GeiueS über Alles geht, wenn sie selbst eine etwas so»׳, eräne Behändluiig der Fornr sich gestattet Kein Wunder, wenn das Nichtzünftige, das. was einmal Ludwig Steub an ihm die Nasse genannt hat, hin und wieder Anstoß erregt hat. Die auSgezeichneten Eigenschaften des genialen Forschers gelangen sicher-- lich unaushaltsam zur Anerkennung. Die dunkelsten Gebiete jüdischer Geschichte und jüdischen Schriftthums, in denen Inanch bescheidenes Lämpchen sich kümmerlich und erfolglos umherge- , lastet, erhellen sich, wenn.Grätz sie betritt. Was so viele Aujdere übersehen haben, er legt es bloß, so klar und offenkundig, daß man meinen muß, man hätte darüber stolpern müsse». Mil einem wahrhaft evstaunlicheu Witterungsoer,nögeu weiß er Spuren ausfindig zu machen und glücklich zu verfolge», an denen man bisher achtlos vorübergegaagen war. Er weiß Ereignisse zu verknüpfe», Thatfache» in Verbindung und Ab -^ hängigkeit zu setzen, zwischen denen oft nur die. EinbildnngS-! kraft einen Zusammenhang zu vermuthen wagte. Wo oft verzmeiflungsvoll die Weise» die Köpfe zusammenstecken und vereinigt einen ״schweren Fall" liedrülen, siugs in er in ihrer' Mitte und hat mit zangenartigem Scharfblick herausgefunden, wie dem Räthsel beizukommen ist. Daß dabei mancher über den Haufen gerannt wird Und Hiebe nach rechts und links regnen, ist bei solchem Sturmlauf nicht anders zu erwarte«. Es werden Jahrzehnte vergehen, bis die Wiffenschaft neues Material in hinreichendem Grade zu Tage gefördert habe« wird, um berichtigend, ergänzend und bereichernd von Neuem ' die Darstellung der jüdischen Geschichte zu unternehmen, aber der Zweifel wird gerechtfertigt sein, ob bei der Ausbreitung, der Einzelsorjchung es dann wieder Einem Manne vergönat sei» wird, die ,Arbeit bis zu ihrem Ende zu führen, wie es Grätz gelungen ist. Wenn wirklich mit seinem Werke auch der Literatur verein seinen Abschluß gesunden haben sollte, dann i, etwas wie ein Nationaldank in der Thatfache zu verzeichnen, daß die Ungeduld und Unlust der Leser wenigstens so lange dem Unternehmen treu geblieben ist, bis sein Werk mit dem letzten-Bande abgeschlossen oorlag. Auch die zweite wiffenichaftliche Gabe wird nicht verfehlen, in gelehrten Kreisen anregend zu wirken. Güdemanns Arbeit*) ist eine Reiste von Untersuchungen, die der Fadeu der Neligionsgeschichte i als leitender Gedanke durchzieht und vereinigt. Es ist die Zeit der Sagenmischung und des noch gleichsam tastend sich -ausbreitenden Urchristenthums, die sitz behandeln. Wie in Alexandria, auf dein großen Lölkermarkt^ gewissermaßen alle Heidengöller ihr Stelldichein gesunden hatlen und in! Umgänge!mit fremde« Stämmen und Reiigionest auch die Juden' Eiuzelzüge fremden Sagenkreisen enilehatenj, um ihre Erzväter und Herren damit zu schmücken. Eigenes ») ReligionSgeschichU'ch« Studien von vr. Bl. Güdemann. Leipzig Oskar Seiner, 1876. . -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.