Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 6 (1877)
- Issue
- N° 12. (22.3.1877)
- Date
- 1877-03-22
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/5367336-6488232-8754594--0711-4854211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
handene Neigung zu philosophischen Bestrebungen niederzuhalteH. Die politische Erregung, welche sich damals der Bekenner Ves Zpdenchums aüMhalbe«. sowohl auf ch«nt heimathPhe» Boden wie in den Nachbarländern und v«rneh»e sich MaWll i» Alexandrien, bemächstgh hatte, die den RömerkämMN «Iransgehende tiefe Btzunmhkßung der Gentüther und endlich der wirkliche Eintritt des letzten Entscheidungskampfes waren nicht geeignet, die Aufmerksamkeit der Zeitgenoffen für Philosoph, Spekulationen zu gewinnen; und selbst die für philosophifchr Forschungen nicht unempfänglichen Geister wurden durch tue Schreck«», der Zeit aus der Zurückgezogenheil ihrer theqretrschen Betrachtungen ausgerüttelt, um ihre Kräfte ungetheilt der unmittelbaren Gegenwart »nd ihren praktischen Bedürfnissen zuzmvenden. Später aber gab die durch den Lptergpng des jüdischen Staates hervorgerusene innere Um-׳ Wälzung und Ersthüllerung, welche selbst von den in den ent ferntesten Ländern wohnenden Juden auf's Tiefste empfunden wurde, der Entwicklung des jüdischen Geisteslebens erst recht eine durchaus veränderte Richtung. Nunmehr galt es, sür da« von Staat «nd Tempel losgelöste Judenthum eine neue Dajeinsfqrm zu finden, die Einheit des Bekenntniffes auch unter den neuen. Verhältnissen, ohne einen gemeinsamen politlschen und cultuelleu Mittelpunkt, aufrecht zu erhalten, aus der gegebenen Grundlage der heiligen Schrift bindende Norwen für das. Leben zu entwickeln, um so den weit und breit verjprenglen Beteimern des Judeiühums die untergegangene Sntftrität d«L jerusalemijchen Lehrkörpers entbehrlich zu machen. I«. weit höherem Maße als bisher trat, jetzt das Gesetzesstu dium, die Auslegung der heiligen Schrift in den Vordergrund d«S geistigen Interesses, die religiöse Forschung nahm allmälig au Umfang, und Vertiefung so schr zu, daß die von ihr angezogene» Kräfte über diesen Kreis hinaus kaum noch zu selbstständiger Geistesthäligkeit gelangten. Dieses ausschliestliche Gefeyesstudium hatte allerdings dennoch durchaus keine Verengung des geistige« Gesichtskreises zur Folge, denn ei»e liefere Erforschung des alle Seiten des menschlichen Ledenumsaffeubep Religionsgeietzes mußte die mannigfachsten wissenschaftlichen Discipline in den Bereich chrer Erörterung ziehe» lstih blieb daher auch mü der allgemeinen Wissenschaftsin fortwährender Berührung. Selbstverständlich hat dle rÄigiöse Forschung durch die Tiscussion der im eigöttlichen ^Simre religiösen, d. h. der metaphysischen und «hfjchen Gedanken des Judenthums, manchen bemerkenswerthen Fortschritt auch in der Ertenntniß des jüdischen Geistes und der Weltanschauung des Judenthums zu verzeichne». Ist doch sogar ein nicht unbeträchtlicher Theil der talmudischen Literatur, die Lgada» fast ausschließlich der volksthümlichen, homiletisch-erbaulichen Schrifterklärung gewidmet, in welcher naturgemäß vorzugsweise der gedankliche Inhalt des Judenthums znx Darstellung gelangt. So ließe sich auch eine Menge der tiefsinnigsten Aussprüche zusammenstellen, in welchen einzelne Talmudlehrer in ihrer knappen, gedrungenen Ausdrucksweise de» Geist der Mischen Lehre und die aus ihr gewonnene LebenSanschauung, die Grundlehren des jüdischen Glaubens und sei»e charakteristischen Merkmale, auf's Treffendste gekennzeich- »et Hrben. Mit dewundernswerthem Feinsinn werben in der agabischen Literatur der Geist des jüdischen Gesetzes und die den religiösen Formen zu Grund« liegenden Gedanken her orge- Hobe», eine einzige gelegentlich hingeworfene Bemerkung reicht i > . oft hin, um weile Gebiete des jüdischen Geistes aufzuheüen und in ein neues Licht zu stellen. Die spätere jüdischs-NeligimzSphilosophie hat der talmMschen Literatur dahvr gar ׳ manchen werihvollen Baustein zu verdanken, den >«- nicht! selben ganz unverändert demneu zu errichßzichNiv Gebäptz» ^rinfkgenkonnte, den leisen Andeutungen talmudifcheo-SenWnzen folgend hat sie zuweilen ganze Gedankenreihen entdeckt, die für die wiffenschaftliche Erkeuntmß des Fudenkhnms von der weitreichendsten Bedeutung waren Allein eine mit Bewußtsein unternomineiie kritische Erforschung der jüdischen Religionsprinzipien, eine aus reinem theoretische» Intereffe heroorgegangene Bloßlegung׳ der Wurzeln der jüdischen Welt- und Leberwanschauung, ein auf sorgfältiger Prüfung des vorhandenen Materials gegründeter systematischer Aushau, der jüdischen Gedankenwelt lag außerhald der Zjele, welche die talniudische Literatur sich gesteckt hatte Das Streben nach einer architektonischen Gestaltung der ini Boden des Judenthums wurzelnden Gedankeit und Anschauungen war dem Geiste einer Zeit sreind, deren geistiges Lebeil von ganz anderen Interessen erfüllt war. Die talmudifche Literatur hat den philosophischen Forscher» der späteren Zeit die mannigfaltigste Anregung geboten, ein ausgebildetes System jüdischer Religionsphilosophie aber wird man vergebens in ihr zu entdecken suchen. Aur hLsmsuäischen Münzfragc. Bon Df. J. Rosenthal, Rabbiner ju Beuihen O.,L. Die von Johann Hyrkan geprägten Münzen haben die Ueberschrift יהוחנן הכהן הגדול וחבר היהודים und יהוחנן הכהן הגדול ראש חבר היהודים Die Bedeutung des Wortes חבר ist vielfach verkannt worden, Ewald Göttinger Änz. 1855 liest ח5ר und versteht darunter in eigenthümlicher Weise: Feldherr der Juden. Derenbourg (Essai sur l’histoire etc. p 83) lieft חבר und versteht darunter das Synhedrium; Geiger ״Urschrift p. 121 ff." pr iesterli che Genoffenschast, Schürer (Lehrb. d neutest Z!g. p 114) Bolksge meinde. Am treffendsten ist die Erklärung von Grätz (Gesch. d. I. III. p. 85 der dritten Auflage*), der es sür eine Ueberietzung des griechischen Ko״™ hält. Obgleich ich die Annahme einer Uebersetzung nicht sür geboten erachte, so ist doch die begrifsiiche Identität beider Wor:e hier mit Sicherheit sestzustellen und חבר היהודים heißt ״die Geiammtheit der Juden * Diese Erklärung wurde aber von den Andein sicherlich nur deshalb verworfen, weil man in dem Gepräge dieser Münzen blos das Zeichen und den Ausdruck der gewonnenen politischen Unabhängigkeit sah und nicht zugleich ihre große Bedeutung für den Tempel im Augehatte Die Steuer des halben Schekels war aber eine der bedeiltendsten Einnahmen der Tempelkaffe zu Jerusalem. Sie wurde nicht blos in Palästina, sondern auch von sämmtlichen Juden der Diaspora geleistet, und selbst zur Zeit des QuiaStempels vers äum- *) Wir machen bei dieser Gelegenheit die Besitzer des GrStz'schen Geschichtswerkes daraus ausmerksam, butt die soeben von Oskar Leiner in Leipiig veranstaltete neue Auflage des dritten Bandes eine nicht nur verbesserte, sondern bedeutend vermehrte ist, wie schon aus den 3 ersten Lieferungen ersichtlich. Di« hasmon Münzsrage ist, um nur ein nadeliegendes Beispiel gnzuführen, nach den neuesten ,Forschungen von Eugen Merzbacher berücksichtigt und hat zu vielen Zusätzen im Text und in Anmerkungen BeraMaffung gegeben. — Bezüglich des zum schlug des obigen Artikels von! Vers, angeregten Zweifels über die LA. auf den Münzen des ersten Jahres, können wir nach einer briefl- Mittheilung, des Hin. Merzbacher mitcheilrn, daß aus denselben weder zh'sp ״och ש'K, sondern nur einfach •א steht; das 'fp tritt erst bei den folgenden Iahren II—V Hinz». Grätz (S. V6, Asm. 1) ist »arnach zu berichtigen. Red.