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Das jüdische Literaturblatt · 1877-01-18 · N° 3. (18.1.1877) · p. Seite 11

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
6 (1877)
Issue
N° 3. (18.1.1877)
Date
1877-01-18
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
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werde, je mehr die wissenschaftliche Erkenntniß von der Oberfläche in die Tiefe dringen und zur Hebung der bisher so wenig beachteten Schätze des jüdischen Geisses gelangen wird. Die wahre Wissenschaft hat überhaupt Nichts zu thun mit jenen anmaßlichen Vortheilen, wie sie über Judenthum und jüdische Erscheinungen so oft gefällt zu werden pflegen. Wo immer wir dieser souveränen Art zu urtheilen begegnen, da dürfen wir von vornherein annehmen, daß es sich hier wahrscheinlich um ein Gebier handelt, auf welchem die nach wirksicher Erkenntniß strebende Wissenschaft ihres Amtes noch^ nicht in genügendem Maaße gewaltet habe. Eine sogenannte wisienschaitliche Richtung freilich scheint sich geradezu die Ausgäbe gestellt zu haben, unausgesetzt an dem Hudenlhum herumzumäkeln und allen ihr zu Gebote stehenden Scharfsinn dazu auszuwenden, um seine angeblichen Mängel und Schwächen aufzndecken. Man kann jedoch darin nur eine jener abgeschmückten Verirrungen erblicken, die unter der Maske der Wissenschaft Tendenzen verfolgen, welche mit dem Ernste wahrer Wisienschaft unvereinbar sind. Diese hingegen wird ihre Aufgabe vielmehr darin erblicke», durch eine Vertiefung in seine geschichtlichen Erscheinungsformen den jüdischen Geist zu erfassen, und sie roi.b sich vor dem gewaltigen Genius des jüdischen Volkes in Ehrfurcht beugen müsien. Wir würden aber gegen den Ernst der Wissenschaft nicht minder zu' fehlen glauben, wollten wir aus Stoi'un der Wahrheit unsere Liebe zum Judenthum dadurch bekunden, daß wir demselben Leistungen und Verdienste zusprechen, auf die es nun einmal keinen Anspruch erheben kann. Das Judenthüm hat es trotz der einzelnen, bereits in der biblischen Literatur zu Tage tretenden Ansätze zu einer kritischen Betrachtung der überlieferten Glaubensnnd Sittenlehre (Hiob, Koheleth u. A.) dennoch nicht dahin gebracht, eine abgerundete philosophische Weltanschauung aus dem eigenen nationalen Geist heraus zu entwickeln. Der die gesammte jüdische Religionsanschauustg beherrschende Grundgedanke des Monotheismus, der Glaube an ein göttliches Wesen, welches selber dem Widerstreit der Welterscheinungen durch seine Erhabenheit entrückt ist, und in welchem daher auch die qualvollen Widersprüche des Erdenlebens ihre endgiltige Lösung finden können, hat dem jüdischen Geiste einen Denkinhalt geboten, in welchem derselbe auch auf der fortgeschrittensten Stufe seiner Entwicklung mit Recht sein höchstes Ideal erblickt, das in seiner ganzen Tiefe und Fülle zu ergründen und zu entfalten eine Aufgabe war, die auf die denkfähigsten Geister immer wieder einen überwältigenden Reiz ausübe» mußte. Während sich bei de» polytheistischen Völkern mit ihrem Eintritt in eine höhere Stufe der Culiurentwicklung nothwendig das Streben einstellen mußte, eine der Höhe ihrer jetzigen Geistesbildung adäquatere Welt- und Lebensanschauung zu gewinnen, bestand der Culturfortschritf des jüdischen Volkes vielmehr in der allmälichen An näherung an die ursprüngliche im Offsnbarungsglauben wurzelnde Weltanschauung des Judenlhums, in der zunehmenden Reise für die religiösen und ethischen Gedanken, die es in seinen Religionsurkunden ausgesprochen fand. War es dort das Ungenügen und der Ueberdruß an den überkommenen religiösen Vorstellungen, was zu einer Neugestaltung drängte, so hatte der jüdische Gottesbegriff und das an denselben sich eng anschließende Lebensideal im Gegentheil Jahr- Hunderte lang die heftigsten Kämpfe zu bestehen, bis die im Volksglauben immer wieder auftauchenden polytheistischen An-! schauungen auch nur einigermaßen überwunden waren, so daß sie selber an deren Stelle treten konnten. Während einer langen Entwicklungsperiode waren daher die Kräfte der hervorragendsten Geister unausgesetzt in Anspruch genommen von der Aufgabe, den erhabenen Gedankeninhalt des Judenthums aus seiner abstrakten Allgemeinheit in konkrete Formen überzuführen und dadurch der sinnlichen Anschauungsweise des Volkes näher zu bringen, eine Aufgabe, die sicherlich von keiner der Culturaufgaben eines anderen Volkes an Bedeutsamkeit auch nur annähernd erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. Man sieht jedoch auch leicht ein, daß neben einer solchen Aufgabe, so lange dieselbe noch ihrer Erfüllung harrte, für eigentlich philosophische Bestrebungen kein Raum vorhanden war. . '-i ' Literaturbericht. , ״ t Recensionen. ראש דברי שי״ר. S. I. Aappoport's Antrittsrede^« Tarnopol 5596. Nach dem Original des Hr. Jsak Mises herausgegeben von S. Grünbaum. Thorn 1877. (Selbstverlag des Herausgebers.) VII u. 40 S. Wo l erscheint es beklagenswerth. wenn edles. Geschmeide, das nur in geschloffener Vereinigung sein Farbßnspi^ ettt-- wickelt, stüchweise an's Licht gebracht wird, aber es ziemt die Klage zu uiuerdrücken, wenn Perlen und blitzendes׳ Edilgtstein das Stückwerk bilden.- Bei, keinem der Häupter jüdischer Wiffenschaft, die in den letzten 'Jahren heimgegangen, wird es öfter und tiefer bedauert, daß sein Nachlaß nicht gesautmelt der Lesowelt vorlegt wird, als bei dem Manne, den neden Leopold Zunz die nachstrebenden Geschlechter Vater und Lehrer nennen müssen, als bei Salomo Jehuda Rappoport. Und doch läßt wieder jeder Splitter und Trümmer, der aus den hinterlaffenen Schätzen dieses Geistesfürsten zu Tage gefördert wird, den Gedanke« zurücktreten, daß jede Zertheilung eines Erbes Verkleinerung ist. Wir sind seit Jahren gewöhnt, Raphael Kirchheim in unermüdlicher Hingebung alle hebräischen Zeitschriften mit Stücken dieses Nachlasses beschenken zu sehen, größere und abgeschloffene Arbeiten aus demselben sind ebenfalls bereits veröffentlicht, aber das Verlangen bleibt gerechtfertigt, den ganzen Schatz bis auf den letzten Rest mitgenießen zu dürfen. Und wie sehr Alles und Jedes hier von Bedentung ist und die Löwentatze selbst da nicht verläugnet, wo man ayr wenigsten dies erwartet hätte, das beweist die eben erschienene Antrittspredigt in Tarnopol. mit deren Herausgäbe sich die Hh. Jsak Mises und Samuel Grünbaum in Thorn*) ein schönes Verdienst erworben haben. Der Handelsmann S. .I. Rappoport hält im I. 1838 seine Antrittsrede als Rabbiner von Tarnopol. Es war der berühmte Eidam des R. Arje Löb Kohen oder, wie man damals sagte, des Kezoß, aber auch der ' wrltbekannte Urheber der Grundlagen zur jüdischen Geschichte, der Lebensbeschreibungen der Gaonen und R. Nathans, der ehemals gebannte Freund Nachmann Krochmals, der hier die Kanzel bestieg. Es wirkt Alles zusammen, um den Vortrag auch schon äußerlich zu einem interessanten Bestandstück jüdischer Sittengeschichte zu machen, aber alles äußere Beiwerk wird vergessen vor dem geistgeborenen Entzückest, das der Inhalt geradezu aus- Zuströmen im Stande ist. Man kann Beides hier so recht erkennen, sowohl warum ״die Enden des Brustschilds" gerade ihn sich zur Verbindung ausersehen, wie auch daß die Lieb« der kritischen Sibylle von Zolkiew ihm vor Allen sich zuge-- wendet. Er war aus dem Holze, woraus Gaonen geschnitzt werden, und nur einem jener zahlreichen Wunder, an denen unsere Geschichte so reich ist, muß es zugeschrieben werden, daß sein Riesengeist dem Ausbau unserer Wiffenschaft statt der Lösung vorhandener oder erfundener talmudischer Schwierigkeiten sich widmete. "Nicht gleichgültig nebeneinander wohnen die Gedanken: so nahm denn in seinqm Geiste der Pipul von der Wiffenschaft die Wahrheitsliebe und diese von jenem die haarscharfe Schneidigkeit an. Große Geister erschaffen sich für neuen Inhalt auch hie neue Form, und so gelang es auch ihm, in einem einheitlichen Ganzen Hagada und *) Ein Brief des Thorner Rabbiners Dr. Oppenheim leitet mit warmen und schönen Worten das Merkchen ein. Lussteätung und Eo»— rektur können als sorgfältig bezeichnet werden. Rur in den Szellenangaben ist Manches zu berichtigen, z. B. 13b All. Synh. 12», ebenso 14b A 9, 16b A 7 l. Synh. 38b, 17a Z. 6 0. u. L Nr. 27.

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