Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 6 (1877)
- Issue
- N° 3. (18.1.1877)
- Date
- 1877-01-18
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
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■+ die Entstehung und die Abwicklung historischer Processe einiges Berständniß besitzt, wird einsehen, daß nur dieser Verlauf der Thatsachen der genaue und gewesene sein kann. Hochinteressant ist die Wahrnehmung, daß schon im Talmud die Aufeinanderfolge der Begebenheit in der dargelegten Art aufgesaßt wird. Nach Pesiachim 66a Har ursprünglich der durch Gestalt und Körpergröße ausgezeichnete Bruder Davids, Eliab, zur Salbung bestimmt gewesen, nur habe er sich durch sein übermüihiges Auslassen gegen David bei Gelegenheil des Zweikampfes die Gunst des Propheten Samuel verscherzt. Demnach wird als selbstverständlich vorausgesetzt, daß die Salbung erst nach jenem Ereigniß stattgefunden. Die neuen! Historiker sind durch die abweichende Darstellung des bibl. Chronographen irre geführt worden. Der Bericht über die Salbung steht in der Bibel aiien andern Berichten voran, wozu aber nicht chronologische sonder» prophetisch didaktisch« Motive Anlaß gegeben Man muß nämlich nicht vergessen, daß die biblischen Geschichtsbücher Bestandtheile einer prophetischen Literatur bilden; sie he itzen nicht blos ״ProphelenBücher". sie sind es auch. Der Abfasser hatte vor Allem seinen prophetischen Beruf, seine prophetischen Ideen im Auge gehabtl Die Ausgabe, welche sich die biblischen Historiographen gestellt, war nicht die, dem Volke Geschichten, und auch nicht die, Geschichte zu erzählen, sondern ihm mittels der historischen Thatsachen zu Bewußtsein zu bringen, daß es unter besonderer Leitung, besonderer Obhut Gottes stehe; daß sein Mißgeschick und seine Unglücksfälle Folgen und Strafen sind für das Abwenden und Ablenken vom Wege Gottes, und daß das Gedeihen und Emporblühen der Völker, das Wohlergehen der Menschen abhängig sei vor Allem von ihrem sittlichen Verhalten. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht; das ist der Faden, der sich hindurchspinnt durch sämmtliche Darstellungen der biblischen Geschichtsschreiber. Wo sie von einem Abfälle zu erzählen haben, erzählen sie auch sofort die Katastrophe, die daraus erfolgt war, mögen nun zwischen Vergehen und Ahndung gröbere oder kleinere Zeiträume und Ereignisse liegen. Die Zwischenereignisie holt er dam! gewöhnlich später nach. Ein gleiches Verfahren erblicken ׳wir auch hier. Mchdem das Vergehen Saul's und seine Conflikle mit Samuel geschildert worden, 15, 10—35, wird sofort 16, 1 ffdie Verwerfung Saul's und die Salbung Davids berichtet. Chronologisch Hütte der Geschichtsschreiber zwischen diesen beiden Vorgängen «nige andere Ereigniffe einzuflechten gehabt, da jüwch die Salbung Davids innerlich und geistig an die Vergehen Saul's anknüpft, so erzählt er die beiden Fakta zusammen und holt dann nach, was er ausgelassen. Ast der richtigen chronologischen Aufeinanderfolge der Begebenheiten, a» dem blos äußerlichen Zusammenhang der historischen Thatsachen lag ihm weniger; ihm war es vor Allem darum z» thun, überall den inner» Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, Vergehen und Strafe, aufzudecken. Ueber da! Geschichtschreiber wurde nie der Prophet vergeffen, und i« dem Kanon der Propheten nehmen die hist. Schriften nicht zufällig nach dem Pentateuch den ersten Platz ein. Grätz (a. a. O.), dem die Wahrnehmung, daß den! bibl. Chronographen die chronologische Aufeinanderfolge blos vcin secu»därer Wichtigkeit find, nicht entgangen, nimmt an, ״daß sie «ur das in den Vordergrund gestellt, was ihnen als! das Wichtigstes erschien — was aber so wenig einleuchtend wie stichhaltig. Die Thatsache, daß von Saul der Geist Gottes gewichen und eine Schwermuth ihn überfallen, die zu verscheuchen blos David mit seiner Harfe vermochte, wird auch nicht aus dem Grunde den Berichten anderer Ereigniffe, die ihr geschichtlich oorhergegangen, vorangestelll, weil den Chronographen das musikalische Talent David's ״in der Jugendgeschichte David's ganz besonders wichtig" erschstn, sondern weil die Schwermuth Saul's als eine Strafe seines Ungehorsams gegen den Propheten Samuel hingestellt werden sollte. Ob nun auch die Schwermuth erst später eingetreten sein mag, sie war eine Strafe für den Conflikt und wird deswegen nach demselben berichtet mit der nicht zu umgehenden Bemerkung, daß David die schwermuth des Königs zu e>heitern pflegte. Diese ostenkundige Eigenthümlichkeit der bibl. Geschichlsdarstellung scheint bis jetzt noch nicht überall recht erkannt und erfaßt worden zu fein. e Ueber -Le Entwicklung der jüdischen Religionsphilosopie. Von Landrabbiner vr. Gut!mann in Hitdesheim. 11• . Der aufmerksame Leser wird die Beziehung der in unserem ersten Artikel versuchten begrifflichen Entwicklung auf das in der Ueberschrist angekündigte Thema schon von selbst herausgefunden haben. Eine selbstständige Philosophie in dein Sinne einer auf den bereiteten Poden seines nationalen VolksthumS erwachsenen Folge von philosophischen Systemen hat das Judenthum in der That nicht auszuweisen. Die jüdische Religionsphilosophie ist ein neugeborenes Kind der jüdischen Literatur, das seine Entstehung er!1 der Begattung des jüdischen Geistes mit einer ihm bisher fremdgebliebenenen Gedankenwelt zu verdanken hat. Allerdings ist durch die Kreuzung zweier Geistesrichtungen, die sich bis zu ihrer Begegnung ganz unabhängig von einander entwickelt hatten, ein Erzeugniß entstanden, dem eine eigenthümliche Originalität nicht abgesprochen werden kann Es giebt sich hier dasselbe Naturspiel' kund, das auch in dem Kinde die Züge des Vaters und der Mutter vereinigt zum Ausdruck bringt, jedoch in einer so eigenthümlichen Weise, daß abwechselnd bald die einen, bald die anderen mehr heroorzutreten scheinen, weil durch die orga- Nische Mischung eben ein neues Wesen entstanden ist, das in den von den Eltern ererbten Zügen doch auch den eigenen Charakter miederspiegelt. Doch, wie gesagt, eine in sich selber beruhende, der Energie seines Nationalgeistes entsprungene Philosophie ist dem Judenthum versagt geblieben, und wir sind in der That der Ansicht, daß dies in dem Wesen der jüdischen Religion, in ihrer Vernunstgemäßheit und Uebereinstimmung mit sich selbst seine ausreichende Erklärung finde. Wir sprechen diese Ansicht aus, ohne uns dabei von irgendwelcher apologetischen Tendenz leiten zu laffen. Der Beitrag, welchen das Judenlhum zur Culturentwicklung der Menschheit geliefert hat, ist ja wohl auch ohnehin bedeutend genug, so daß es keiner Entschuldigung dafür bedarf, warum dasselbe nicht noch mehr geleistet und nicht auch auf anderen Gebieten noch seine geistige Schaffenskraft bewährt habe. Wir dürfen die Apologie des. Judenthums getrost der ernsten Wissenschaft überlassen. Dieselbe hat ja auch neuervings wenigstens den ersten Anlauf dazu genonimen, einer gerechteren Würdigung des Judenthums und seiner Literatur •auch in weiteren Kreisen Eingang zu verschaffen, und wir können zu der der Wahrheit innewohnenden, Macht das Vertrauen hegen, daß die Anerkennung des jüdischen Geisteslebens um so siegreichere Fortschritte machen