Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 6 (1877)
- Issue
- N° 1. (1.1.1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 Begabung zu philosophischer Spekulation, das philosophisch ßenie eines Volkes offenbart sich in der mehr oder mindere ,! befriedigenden Ueberwindung der in seiner religiösen Weltanschauung hervorgetretenen- Widersprüche, in der p o s iktven Seztaünng seiner philosophischen Weltanschauung; aber säbst bei der ausgesprochensten philosophischen Begabung wird die erste Anregung zu schöpferischer, philosophischer Thä- Ügkeit doch immer in dem Widerspruch zu suchen fein, in welchen davernunftgemäße Denken mit den religiösen Anschauuugen des Volkes gerathen ist. I« gleicher Weise aber wird man auch umgekehrt aus de» völligen Ausbleiben oder späteren Hervortreten philosophischer Bestrebungen innerhalb eines Volksthums nicht iminer uur auf einen Mangel an philosophischer Begabung schließen dürfen; man wird fich vielmehr überall da, wo die Höhe der auf anderen Gebieten geistige» Schaffens hervorlrelenven Cultnrentwicklung die Theilnahmlosigkeit an philosophischen Bestrebungeu jckenfallS zu einer auffallenden und der Erklärung bedürftigen Erscheinung stempelt, die Frage vorlegen müssen, ob der Mangel an werchvollen philosophischen Leistungen nicht - vielleicht auch in den Religionsanschauuugen diese« Volkes _ ganz oder theilweise seine Begründung finde. Wie dort die luftige« Gebilde der Volksphantafie oder die mit einem inneren Wider,pruch behafteten Religionsanschauungen, vor den Richterftuhl der Vernunft gezogen, fich in ihrer Unhaltbarkeit offenbürt und so gleichsam mit Rothwendigkeit über sich selber hinausgewiesen haben, so mag vielleicht andererseits die schlum- «dernde philosophische Begabung eines Volkes nur deshalb Nicht an's Licht getreten sein, weil es diesem bei der Vernunftgemäßheit seiner Religionsanschauungen an einem zum Widerfpruch reizenden und die kritische Forschung anregenden Lehrinhalt gefehlt hat. So weit die religiösen Anschauungen eines solchen Volkes als ein Erzeugniß der Volksseele oder des menschlichen Geistes überhaupt angesehen werden können, legt die Vernunftgemäßheit und innere Uebereinftimmuag, die Ge- -fchloffenheit seiner religiösen Weltanschauung ja ohnehin schon ein vollgiltiges Zeugniß dafür ab, daß diesem Volke die philosophischr Begabung, die Fähigkeit, sich seine Gedankenwelt in vermmstgemäßem Denken aufzubauen, nicht versagt geblieben sei. Diese eine Erwägung allein müßte daher schon genügen, um eine» auf religiösem Gebiet so schöpferischen Volksgeist nicht dl» einen geradezu unphilosophischen zu bezeichnen. Schopenhauer und das Judenthum. JoSl hat in seiner neuesten, trefflichen Schrift (Religiösphilos. Zeitfragen) einige Verkehrtheiten gegeißelt, die Schopen- Hauer in seiner krankhaften Abneigung gegen das Judenthum u«d deffen Religion fich zu Schulder kommen läßt. Das Sündenregister des geistvollen aber einseitigen und bis zur Selbstvergütterung eitlen Pessimisten zu vergrößern, würde ohne Belang sei«, wenn ihn nicht Judenfeinvr-neuester Zeit als Autorität auch in historischst Dingen ansähen. Da mag den» ein neues — vielleicht das schlagendste Beispiel — die geringe - Kompetenz Schopeuhauers auf diesem Gebiete auch seinen gelehrtgsten Schülern erweisen — Schopenhauer,( dem Feinde des vom Judenthum gelehrten Theismus ist es unbequem, denselben Theismus auch bei den Griechen, insbesondere bei dem ״göttlicheu" Platon zu finden, denn das könnte doch beweisen, daß der Theismus dem Wesen menschlicher Vernunft angemessener sei, als da» eigene System. Um diesem Einwande zu begegnen, kehrt er zu der im Alterthum häufig ausgesprochenen Meinung zurück, die Griechen seien Schüler der Juden gewesen und hätten von diesen ihren Theismus entlehnt. Die curiose Beweissührung wird man gern im Wortlaut lesen (״Welt als Wille" I. 577): ״Was den Plato betrifft, so bin ich der Meinung, daß er seinen ihn periodisch anwandelnden Theismus den Juden verdank:. Numenius hat ihn deshalb (nach 6181». Alex. Strom., I, c. 22, Euseb. praep. evang., XIII, 12, und Suidas, unter Numenius) den Moses graecisans genannV rי־53 •׳• n).«■»»», ף Miuttj; artunCuiv; und er wirft ihm vor, daß er seine Lehren von Gott und der Schöpfung aus den Mosaischen Schriften gestohlen (axoaArpa;) habe. Klemens kommt oft darauf zurück, daß Plato den Moses gekannt und benutzt habe, z. B. Strom, l, 25. — V, c. 14, §. 90 u. s. s. Paedagog., II, 10, und III, 11; auch in der Cohortatio ad gentes, c. 6, woselbst, nachdem ec, im vorhergehenden Kapitel, sämmtliche grie bische Philosophen kapuzinerhait gescholten und verhöhnt hat, weil sie keine Juden gewesen sind, den'Plato ausschließlich lobi und in lauten Jubel darüber ausbricht, daß derselbe, wie er seine Geometrie von den Aegyptern, feine Astronomie von den Babyloniern, Magie von den Thrakieru, auch vieles von den Assyriern gelernt habe, so seinen Theismus von den Juden 7 o-.s«, so!» rou; 818« axal.oy;, xdv axoxpurrsiv sihÄ-r,;, - - — — — oo$av T7;v ■:0׳j tteou ־ap* ge׳jt(uv tucpsX7j3cH Tajv E^paiujv (tuos magistros novi, licet eos celare velis, — — — — — illa de Deo seatentia suppeditata tibi est ab Hebraeis). Eine rührende Erkennungsscene. — Aber eine sonderbare Bestätigung der Sache entdecke ich in Folgendem. ׳Nach Plutarch (in Mario) und bester nach Laktanz (I, 3, 19) hat Plato der Natur gedankt, daß er ein Mensch und kein Thier, ei» Mann und kein Weib, ein Grieche und kein Barbar geworden sei. Nun steht in Isaak Euchels Gebeten der Juden, aus dem Hebräischen, zweite Auflage, 1799, S. 7, ein Morgengebet, worin sie Gott danken und loben, daß der Dankende ein Jude und kein Heide, ein Freier und kein Sklave, ein Mann und kein Weib geworden sei." Soweit Sch. — Das Judenthum könnte fich nun den erschrecklichen Vorwurf, dem größten Philosophen Griechenlands die böchue seiner Ideen geliefert zu haben, sehr wohl gefallen lasset?* und in der That wird eine genaue Untersuchung noch die Frage zu erörtern haben, in welchem Zusammenhänge griechische und biblische Gotiesanschauung steh!. Aber die Beweissührung Schopenhauers — mag sie dem Judenthum zu Glimpf oder zu Schimpf gereichen — ist denn doch zu kühn. Denn erstlich, Numenius, auf den sich Sch. beruft, — ist ein confuser Neuplatoniker des 2. nachchristlichen Jahrhunderts und seine Ansichten über Moses und Judenthum sind ebenso werthlos wie die des kritiklosen Comptlators Clemens und einiger andren noch später lebenden Scribenten gleichen oder niedigercn Ranges. — Doch hier kann Schopenhauer seine Blöße wenigstens mit sehr alten*), wenn auch nichts beweisenden Zeugniffen decken. An die folgende sonderbare ״Bestätigung der Sache" aber hat ׳Niemand vor ihm gedacht. Sie ist ganz und gar ״des Meisters" Entdeckung. Aus Isaak Euchels Gebeten der Juden hat Sch. ersehen, daß Platon dieselben Dankformeln gesprochen habe, die ״die Juden alltäglich beten", was denn natürlich beweisen muß, daß Plato Schüler der Juden gewesen ist. Ob nun Plato die anno 1799 post Christum natum gedruckten Euchelschen Gebete hebräisch oder griechisch gelesen hak, sagt Schopenhauer nicht. Das mag ihm gleichgkltig sein. Weniger gleichgiltig aber ist, daß diese Gebetformeln — die sogenannten נ' כרכות —.nach Menach. 43 b, Tosefta Berach. VI nicht vor dem zweiten nachchri tlichen Jahrh — also etwa 500 Jahre nach Platons Tode entstanden sind, und daß es zu Platons Zeit feste Gebetformeln bei den Juden überhaupt nicht gegeben hat (s. 1 *) Besäße Schopenhauer eine unr einigermaßen genügende Kenntniß griechischer Literatur, so hätte er ander« Schriftsteller genannt, die mehr ats 400 Jahre vor Numenius dieselbe Ansicht ausgesprochen haben: «learchus (Jos. c. »p. I, 22), Megasthenes (Eiern, ström. I 360 Pot.), HermippuS (Jos. c. Ap. I 22. Orig. c. Eels. 1 13 Sp.) / .l