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Das jüdische Literaturblatt · 1872-08-28 · N° 16. (28.8.1872) · p. Seite 63

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 16. (28.8.1872)
Date
1872-08-28
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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f 63 auf. Sie nehmen ein türkisch Bad, wobei ihr Körper von Badegehülfen mit Handschuhenaus Roßhaar gerieben wird und man es sich alsdann auf einem Ruhebett bequem macht. Ist man wieder zu sich gekommen und angezogen, so fühlt man sich wie neugeboren. In ein weißes weites llntergcwand oder Mantel, Anteile genannt, gehüllt, darüber ein anderer Mantel mit weiten Aermeln, degiebt man sich alsdann zur Synagoge. In Salonichi steht am Sabbalh jeder Handel und jede Industric still. Der Bazar ist verlaffcn, die Türken und Griechen haben auch fast alle geschlossen. Denn wo das israelitische Element fehlt, dort ist kein Handel zu erwarten, ja der Nichtisraelit ist verpflichtet, bis zum folgenden Tag zu warten, wenn er etwas kaufen will. An diesem Tage sieht man die Israeliten in zahlreichen Gruppen sitzen oder spaziren die eine Hand in die des Andern gelegt, ivährend die andere Hand mit einer Art von Rosenkranz beschäftigt ist und die Korallen hin und her durch die Finger gleiten lqßt, ein Zeitvertreib, auch bei den Türken nicht unbekannt; die Frauen kauern gesellig zusammen. Dann folgt die Mahlzeit und ein erquickendes Sabbathschläfchen, das gewöhnlich einige Stunden dauert. Darauf begiebt man sich wiederum in die Synagoge, wo vor dem Minchagebete eine Art von Predigt in der spanischen Sprache gehalten wird, und endlich geht man wiederum spaziren, meistens nach Bektschinar, das ist ein kleines Thal außerhalb der Stadt am Meeresufer. Zn diesem Thal sind eine Anzahl starker schattenreicher Bäume, unter welchen man auf niedrigen Stühlen die frische Seeluft einathmet und eine schöne Aussicht genießt. Man sieht die große Ausdehnung des Gdlfes von Salonichi, dessen Wellen bei schönem Wetter auf dem Ufer spielen. Im Hintergründe erheben sich die blgüen Berge des einst so berühmten Olymp, des Göttersitzcs, dessen Gipfel mit ewigem Schnee und Eis bebeft־ ist. «Da sieht man die Stadt Salonichi prächtig aus dem Abhang eines Hügels gelegen; man kann vor allem di» zierlichen Formen der spitzen Minarets unterscheiden, die im Sonnenschein wie sooiele Pfeile glänzen. So sitzen oder liegen hier die Israeliten am Sonnabend und die Türken am Freitag, ihre Zeit in einem Halbwachen Zustand verbringend, und mau muß wirklich das ״dolc6 far mente“ der Italiäner, das ״süße Nichtsthun" eigens erpropt haben, um. die unaussprechliche Seligkeit dieses idealen Genusses der Orientalen zu begreifen. Ja, wenn alle die poetische» Träumereien, die dieser: herrliche Ort dem Sterblichen gegen seinen Willen entlockt, ausgeschrieben werden könnten, Bektschinar würde eine Bibliothek zum Vorschein bringen, zahlreicher als die, welche die Saracenen bei der Eroberung von Alerandrien (nach der Ansicht Einiger) verbrannt haben. Diese herrlichen Träume werden dann und wann unterbrochen durch den Caffedgi (Cafferestaurant), welcher Dir hin und wieder eine Tasse echten Mokkacaffees anbietct, wodurch Du wiederum in das traurige Diesftits zurückgerufen wirst. Die Ehachamim ober wollen diese Spaziergänge am Sabbath nach Bektschinar, weil es außerhalb des Techum liegt, nicht dulden. Die Leser wissen wahrscheinlich, daß die Entscheidungen des israelitische» Beth- Din oder Tribunals bei der türkischen Regierung rechtsgültig sind un8 daß selbst die Vornehinsten zu Gefängiiißstrafen verurtheilt werden, was die Chachamim bei Uebertretung von religiösen Vorschrifen öfters in Anwendung bringen. Aeber die ״ttachaiknin" noch ein ״Schlusnvott." ^egyptologisches. Der Heidelberger Aegyplologe Dr August Eisefilohr reiste in diesem Frühjahr nach England, um nebst anderen ägyptischen Alterthümern. von geringerer Bedeutung eine an A. E. Harris,' dem verdienstvollen Herausgrb«^ der Hieroglyphical Standards, in einem Mumiengrabc aufgefundene Papyrusrolle zu studircn. Sie ist die schönste, größte, bestgeschricbcnc und besterhaltene aller bis jetzt aufgesundeuen ägyptischen Papyrusrolle», 40'/* Meter (= 135 badische Fuß) lang und 4'-"', Ecnliin. streif. Vom Ende der Regierung Raiiises IIs. (Horodoi's Rampsinit) stammend, ist sie über 3000 Jahre alt und giebt wichtige Aufschlüsse über die politische, religiöse und Culturgeschichte jener Zeis. In der sogenannten (aus Hieroglyphen, Buchstaben- und ^ylbenzeichen gemischten) Schrift geschrieben, enthält sie eine Ansprache des Königs Ramses HI. selbst an sein Volk und alle Mestschen, über seine Thaten und Leistungen währ:nd seiner Regierung, mit einem Rückblick auf die seines Vaters Setinecht und Großvaters Maneptah II. Seti, ivelche einer Rem lutionszeit religiösen Charalters ein Ende gemacht, und giebt zuert an, wie er selbst, Ramses III., die Wiederherstellung des ägyptisö en Cultus durch Wiederaufbau aller Tempel und reiche, diesen c espendete Geschenke, welche bei jedem einzelnen umständlich aufgej ählt werden, zu Stande gebracht habe. Zum Schluß beschreibt er sodann noch seine eigenen Kriegsthaten und anderweite Verdienste um sein Reich. Jene religiöse Revolution fällt ober mit Moseü' Aufenthalt in Aegypten, mit seiner monotheistischen Relig ans - Stiftung oder Wiederherstellung, und mit dem Auszug der Juden aus Aegypten zusammen, und die biblische Erzählung darü ier empfängt durch den ägyptischen Papyrus Bestätigung und iseue Aufschlüsse. Herr Dr. Eisenlohr hielt unlängst über diesen. Gegenstand einen ausführlichen Vortrag im Heidelberger historisch-philosophischen Verein, 'worin er eine vollständige Uebersehung!des geschichtlichen Schluffes der Ramses'schen Ansprache mittheilte, Dieser. Vortrag wird gegenwärtig gedruckt. Außerdem wirst die ganze Rolle von HinrichS in Leipzig in der Urschrift gedruckt werden, nach der genauen Abschrift, welche sich Herr Dr. Eisenlohr davon genommen. Jüdische Taubstummen. Die Statistik der Taubstunfmen ergiebt für die Israeliten eine sehr ungünstige Ziffer. Nach Bondin in Paris kommt schon auf 673 Juden 1 Taubstummer, während bei Protestanten auf 2173, und bei Katholiken auf 8179 erst Einer kommt. Ein ziemlich gleiches Ergebniß stellt sich nach Dr. Merkel's Unter: iuchuiigen für Deutschland heraus, wonach auf 650 Juden ein Taubstummer kommt. Man hat diese ungünstige Ziffer durch das bei den Juden oft vorkommende Heirathen in nahen Vcrwandtschaftsgradcn zu erklären gesucht. Diese Ursache hat sich aber als nicht gegründet erwiesm. Die ״Volkszeitung" bringt aus eines Sachverständigen Feder folgende rationelle Erklärung dieses statistischen Mißverhältnisses: ״Die Taubstummheit läßt sich bei der Geburt nicht erkennen. Sie tritt erst unverkennbar für die Eltern in der Zeitkauf, wo Kinder anfangen, für das Gehörte ein Verständniß zu zeigen. Die Statistik aber beginnt mit ihren Zählungen der Taubstummen viel später. Es erfolgt diese Zählung, wenn die Schulpflicht eintritt oder gar erst, wenn der Besuch der Taubstummen-Jnstitute beginnt. | Nun ist ps eine sehr einleuchtende Thätsache, daß die Erziehung eines taubstummem Kzndes bis in das schul-, Pflichtige Alter eine sehr schwere Last der Eltern ist. In den ärmsten Volksklassen, w» die Mütter auf Arbeit gehen, und die Kinder unbewacht sich selber überlassen bleiben, wird! das taubstumme Kind selten über die ersten Jahre hinauskommen. Die Kinder sterben.weg, ohne unter den Taubstummen mitzuzählen. Nur Hesse? sitmrte Eltern und gesicherte Familienverhältnisie werden das Material von Taubstummen für die Statistik darbieten. Im Proletariat vermehrt die Zahl der taubgeborenen Kinder nur die Todtenlisten, ohne die Taubstummheitslisten zu bereichern. Das Resultat dieser Umstände ergiebt sich hiernach ganz von selber. Unter Juden herrscht das Proletariat sehr wenig vor. Die Mütter gehen selten auf Arbeit aus, während die Kinder ihrer Pflege bedürfen. Folglich wird eine große Anzahl von taubstummen Kindern das Alter erreichen, wo sie vom Statistiker gezählt werden. Die Juden werden also vcrhältnißmäßig die meisten Taubstummen zählen. Bei Protestanten und Katholiken wird dies je nach den Ländern verschieden sein. In Frankreich, wo das Proletariat meist katholisch ist und die Protestanten eher in Wohlstand leben, sterben mehr, katholische taubstumme Kinder im frühen Alter fort und bei der späteren Zählung erscheint diese Religion begünstigt. In Deutschland wird es stellenweise umgekehrt sein; in Nassau wird dasprotcstaniischc Proletariat überwiegen und... die taubstummen Kinder im früheren Alter dem Grabe zusühren, bevor sie statistisch gezählt werden, folglich wird eS bei

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