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Das jüdische Literaturblatt · 1872-08-28 · N° 16. (28.8.1872) · p. Seite 64

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 16. (28.8.1872)
Date
1872-08-28
Page
Seite 64 (sequence 4)
Language
German
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Kl der «ch daß Re! Grüft! 64 . Zählung scheinen, als wenn der Protestant von diesem Uebel verschont ist, ״als der Katholik! ' 1 Alles in Allem betrachtet, ergiebt sich hieraus wiederum, die Statistik stümperhaft bleibt, solange sie ihre Zahlen nach I igions-Schema's aufführt und die tiesern socialen»! de derselben unerkannt läßt." Literaturbericht. rl-!A Zur Ahasver-Sage. Im Evangelium Johannis׳ lautet B.!!1, wie folgt: ״So will ich, daß er bleibe, bis ich komme. Was^ehO es dich an? Folge du mir nach." — Diese Worte, aus Christi Munde gesprochen, hat man später auf einen Mann bezogen, der von Proffesion ein Schuhmacher, und besten Namen Ahai veros gewesen. Auf seinem letzten Gange, — so hieß es näm!ich, —. habe Christus von der Mattigkeit erschöpft auf einer 1 Stein vor der Thür jenes Handwerkers ein wenig ausruhen ,«ollen, sei aber von Letzterem mit schnöden Worten daoongejagt wordm. Da habe denn der so schwer Beleidigte seinen hartherzigen Bele diger dazu verurtheilt, so lange zu bleiben, d. h. ״aus Erden zu 1 Men", bis er (Cristus) wiederkommen werde. — Andere Hab«: wieder einen Anderen dm Verdammten sein lastm, nämlich dm I hürtzehet^deS Hohenpriesters, Namens Kartaphlios, von'welchem die < Zage ging, nicht nur mit der Zunge sondern sogar mit der Fans Christus insultirt zu Habens als dieser sich an seinen Herrn gewa rdt hatte, um von demselben verhört zu werdm. — In der Folg! aber hat die erstere der angeführten beidm Lesarten die Oberhand behaltm, und so ist! denn der Schuster Ahasveros der s »genannte »Ewige Jude" gebliebeft, Herr nun der Volksmund ״rast und ruhelos auf der Erdei rund umher wandern läßt, ohne durch dm Tod je von : seiner Pilgerschaft erlöstzu werd n," — Dieser Mythos an sich, als auch alles das, was sonst noch Fabel- und Märchenhaftes an ihn geknüpft׳ worden, Hst., durch eine lange.Reihe von Jahrhunderten für die Juden aller ׳ Orte 1 gar viel Leid und Drangsal herbeigeführt, indem man sie, wie; a ganz natürlich, in ihrer Gesammtheit das büßen' und mtge tm ließ, was sthres Geschlechts ein Einziger, sei er nun ein Bottier oder Portier gewestn, verschuldet haben sollte. — Auf »aß der besagte Mythos aber auch ffn Munde des Volkes erhal m würde und nicht mit der Zeit der Vergessenheit «chei mfiele, —׳ dafür ist von der Literatur mehr denn genügend gesor st wordm. Denn diese hat sich gar gierig des Stoffes bmii^igt, um ihn in allerlei Weise zu ver- und auch zu zer- «bei m. Zumeist natürlich sehM wir den ״Ewigen Juden" zum Epos verwmdet; indeffen fehlt er auch im Drama nicht, sowie aride, erfeits noch die Legende, bie Ballade und die Romanze Jür ihn hat hrrhalten müstcn. Sogar in das Gewand ganz fthllä ter Prosa hat man den ״unglücklichen Wanderer" gekleidet,. umarö ihm auch für die noch nicht!reife Jugmd, wie für erwachsene Kind r, eine verträgliche d. h. guf verdauliche Speise zu machen. Auf dem Felde der Poesie hat in der Bearbeitung des in! Rede stehe, dm Stoffes unstreitig ^Schubart mtschieden das Beste geleistet; dmn sein Opus ״der ewige Jude" ist so reiz- und schwungvoll and hat nammtlich so viel Fmer im Ausdrucke des zu Grunde lieget dm Gedünkms, daß es sicherlich von jedem Freunde einer guter Dichtung nicht anders als mit lebhaftem Interesse kann geleftn werdm. Nächst diesem dürfen indeffen auch Haameling und Heller nicht ungenannt bleibm. — Wer sich aber noch in ganz neuer Zeit auf den qu. Stoff geworfen, das ist der Dichter Bernhard Giseke, deffm Epos ״Ahasverus, der eioige Jude" zwar schon vor fast 2 Jahrm bei Schweizer in Berlin erschienm, in diesm Blättern jedoch, wie uns däucht, noch nicht besprdöim wordm. — Uebrigms sind auch ׳wir weit entfernt da- - von, das Werk hier einer eingehmdm Besprechung zu unterwerfen; vjeln ehr wollen wir über In- und Gehalt so kurz als möglich nur :eferiren. — Der Jnbalt ist mit Einem Wort gesagt, die Gesä lichte des alten ״Juif errant“ von dessen Ursprünge an bis Hera! auf das große Concil von Nicäa' (322 n. Ehr.). Der Vers, wandert also mit dem Wandernden durch fast volle drei Jahrhunderte, — und wenn er dann, plötzlich stille •U i.'r steht, so ist allerdings ein Ende da, — mit ihm aber der Gegenstand Nichts, weniger als abgeschloffen, Denn die Geschichte I vom ״Ewigen Juden" spinnt sich ja, »vie man weiß, nicht bloß durch das ganze Mittelalter, sondern sogar bis in die neuere und neueste Zeit fort. Will man ja noch --- wer kann etwas gegen ' die Liebliugsphaniafien einer leichtgläubigen Volksmenge? — in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts den wandernden Ahasveros! an drei verschiedenen Orten — und zwar: zueitt ,״ Paris (1831), sodann in London (1834) und zuletzt in Constaminopel (18 17) — leibhaftig, aus Straßen uno Plätzen dahiuschrcitcnd, gescben haben! — Giseke berichtet auch mit großer Breite von der Belagerung resst. Zerstönnig Jerusalems, welche i», Jahre 70 n. Ohr. stattgefunden, und läßt bei dieser Assaire, namentlich aher bei der Vcrtheidigung von Stadt und Tempel, den Ahasver nicht nur zugegen' und nicht nur actio belheiligt sein, sondern sogar eine sehr hervorragende Rolle spielen. Hierdurch ist der Veriaffcr natürlich nur bestrebt, seinem Gegmstande, ivo möglich, einen größer» Reiz zu verleihen. Dasselbe läßt er auch bei jeder andern der ׳ vielen Episoden erkennen, welche er aus den Kreuz- und Ouergängen seines ״ewigen Juden" in länger Schilderung uns vorführt. Auch das weniger Bedeutsame müht er sich ab, in ein romantisches Gewand zu ,kleiden und mit bunten, Flitter herauszuputzen. — Womit aber schließt er endlich? — Mit dem feierlichen Bekmntnisse Ahasver's, daß ״Christus der Messias" sei, und mit der stchentlichen Bitte, ״nun doch schon einmal sterben zu können". Die Antwort auf Viesen frommen Wunsch bleibt auch nicht aus. Der Verf. läßt dieselbe durch eine ״verborgene Stimme" geben und dahin lauten, daß der Wanderer noch weit davon entftrut sei, seine Äandeiaing vollendet, — noch rveit davon entfernt, das Thor, aus ivelchein das Licht des Heiles strönie, erreicht zu haben. ״Suche" ruft! jene Stimme dem unglücklichen Juden zu: ״Suche deinen Weg, du findest ihn, Magst du auch lang' in Jrr^e ziehn!" Man sichk, wo das hinaus will^ jinan merkt die Absicht man erkennt die Tendenz — und isi genügend überzeugt׳, daß der Verfaffer der vorliegenden Schrift gaitz von derselbe» Gesinnung durchdrungen ist und ganz. auf. demselben Boden siebt, wie die Meisten derjenigen, welche vor ihm des! ״E!vigen Juden" beschrieben oder besungen haben?) — Was nun Len Gehalt des, Werkes anbelangt, sä. ist ihm von der einen, kritischcu Seile alle ״Gluth der Farben'! wie alles ״Narkotische des Duftes", von der andern Seite auch jede ״philosophische Tiefe" abgesprochcn morden. — Wir wollen unserseits diese Mängel als gar keine ansehen,. wohl aber als Fehler es hervorhebey, daß man in der ganzen Schilderung hen eigentlichen Grundgedanken nirgends mit genügender Schärfe Und Klarheit hervorlrtten sieht. — Und . wie kann es auch übrigens anders sein, wenn — ickie cs hier der Fall, ist Tl nicht etwas Selbstständiges, sondern statt dessen nur ein loses Gemenge der verschiedenartigen Ausfaffungcn, die von der Ahasver-Sage vorhanden sind, hat gegeben werden sollen und gegeben werden können? — Viel, sehr viel ist dargeboten; aber Breite ist keine Gründlichkeit, — und noch so ausführlich macht noch lange nicht anschaulich. — L. Weyl. - Notiz. f Zur Erklärung beä Schlußverses im ״Liebe jZosua's" (X. 14.) schreib uns Herr Rabb. Dr. Zuckermanbel, baß dag Unvergleichliche in den' Worten liege:-״baß der Herr gehört hätte auf die Stimme eines Menschen"; wogegen bas ähnliche Wunber hErob. XlV, 19. j sich ereignet hätte, ohne baß Mose es erbeten.; wie benn' alle sonst berichteten bibl. Wunber in Bezug aus bie öffentliche Anrede ober Erflehupg dein in Iosua nicht glichen. ׳' ׳ . Tiefe Erklärung ist aber ganz und gar nicht stichhaltig. Was Erob. I. e. anlangr, so spricht das: ״Was schreist du zu mir?" (ib. v. bl) dagegen, und von den anderen Wunberberichten mit vorhergegangener öffentlicher Anrede heben wir nur zwei, — eines por und eines nach Zosua — hervor. Vor: Numeri XVI, 28; )nach: l Könige XVIII. 24 und 37,—wo.ebenfalls ״Gott gehört auf bie jIiimme eines Menschen." :(frbartinn. *) Solange und insofern Verachtung, Spott und Gehässigkeit gegen das Jubenthum ferngehalten wirb, sehen wir nicht ab, wie man dem Verf. und seinen Genossen den leisesten Vorwurf darüber machen will, baß sie sich auf den christlichen Standpunkt stellen. : Dr»ck und Verlag der Hofbuchbruckcrei. von Carl Friese in Magdeburg.

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