Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 1 (1872)
- Issue
- N° 14 (31.7.1872)
- Date
- 1872-07-31
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
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55 und wann unterbrochen vom Rauchen von Cigarretten. Die einzige Ausnahme bildet, daß arme jüdische Frauen und Mädchen in den Seidcnsabriken arbeiten. Die Zucht von Seidknwürmern und die Bearbeitung der rohen Seide bilden einen Zwcjg der Industrie, welcher größtentheils in den Händen von Juden ist. Die Abwickelitng der Seide von den Cocons oder Puppen und die Anfertigung von Strähnen ist eine langweilige und umsichtsvolle Beschäftigung. -Oazu müssen die Cocons in kochendem Wasser gebrüht werden, um ihre gummiartige Substanz!aufzulösen; alsdann sucht das geübte Auge jener Frauen das Ende des FadenS zu fassen und auf diese Weise wird allmähiig : der ganze Cocon auf ein Nad gewickelt. Sie müssen daher fortwllhrend ihre Finger in heißes Wasser tauchen und Sorge tragen, däß des ganze Cocon ein ganzer, ununterbrochener Faden bleibt. Wenn-main aus seinen Spaziergängen ein verworrenes Geräusch von Frauenstimmen abwechselnd mit falschen Gesangstönc» hört, so kommt dieses aus einem hölzernen Schuppen, wo 40 bis 100 jüdische Weiber beschästigt sind, die Seide von den Cocons abzuwickeln. Die Seidenzucht ist aber auch dermaßen mit den Sitten der Bevölkerung Salonichi's verbunden, daß es nicht ungewöhnlich ist, wenn ein Bater oder Ehegatte seiner Tochter oder Frau statt einiger Münzen zum Taschengeld, ein Säckchen Seidenwurmeier giebt.j Die glückliche Frau bereitet ein Stübchen vor. das sehr h iß gchcizr wird uitb abonnirt täglich auf eine Anzahl frischer Maulbeerzweige. Die Eier werden darüber ausgebreitet und nach Verlauf von 2 oder 3 Wochen werden sie lebendige Scidcnwürmer, die sich mit Maulbcerblätrern ernähren, bis. sic bald darauf Eier legen und dann wiederum in Cocons oder Puppen übergehen. Endlich weiß die beglückte Frau diese wiederum i» klingende Münze umzusetzen. T ic israelitischen Kaufleute versenden alsdann die rohe Seide, in ihrer eigenen Fabrik producirt, oder die Seide, Cocons oder Eier, die sie Andern abkaufen, nach Italien oder Frankreich, wo sie für ihre Rechnung verkauft werden. Der meiste Handel una die Ausfuhr von rohem Kattun, ein Product des Landes,: gehl ebenfalls durch ihre Hände, und der Großhandel in englischen und französischen Dianufacturwaarc» und Metallen wird auch fast ausschließlich von jüdischen Häusern betrieben.! Der Gcnergl Consul Italiens in Salonichi ist ein Israelit, ebenso der Haiiptagcnt der größten französischen Dauff>fschiff-Gesellschaft 163 messageries maritimes. Die größte Dampfmaschine, nämlich die Dampfmühle, welche das Getreide für die ganze Stadt mahlt, gehört und wird betrieben von einem Israelit. 5. Heirathen. Hcirathen in sehr jugendlichem Alter kommen in der Türkei im Allgemeine» und besonders unter den Israeliten sehr häufig vor, ja Mädchen und Knaben werden oft.verlobt, wenn sie noch kleine Kinder sind. Ein Mädchen von 10 oder f l Jahren beginnt bereits an ihre Mitgift zu denken, denn ohne diese und ihre Ausstattung können selbst die Aermsten keine Ehe eingehcn. Die armen Mädchen verlaffen alsdann das elterliche Haus, um sich als Dienstboten zu ocrmiethcn bei Israeliten oder auch bei Türken und Griechen, wo sie durch ihre Ehrlichkeit und Reinlichkeit sehr geschätzt werde». Wenn sic bei Nichtisraeliten im Dienste stehen, genießen sie keine verboteiieü Speisen sondern bereiten sich selbst ihre Nahrung. ״Diamantn", sagte einst meine Mutter') zu unserm armen, aber liebcnswürdigcn Dienstmädchen, ״wohin willst du heute Abend noch gehen"? ״Ja, Chanaum (Madame), es ist von der höchsten Wichtigkeit. Mein Verlobter hat mich wissen lassen, daß er mit der verabredeten Mitgift nicht zufrieden sein kann, er muß »,ehr haben". Zwei Stunden darauf kam es in heiterer Laune zurück. ״Nun wie ist es gegangen, Diamanta"? ^,Chanaum, meine Zunge hat den Streit geschlichtet, ich sagte ihm, daß mein Vater ihm zwar zehn goldene Medjidjehs versprochen hat, weil er hebräisch schreiben und lesen kann, aber jetzt, da ich bei Ihne», einer französischen Familie, diene, habe ich | französisch sprechen gelernt, und das ist auch was wcrth". , Ja," sagte er, ״ich habe nicht allein zu entscheiden, ich muß jcrst meine Großmutter fragen, geh' also mit." Dort angekommon, erzählte er von meiner gebildeten Erziehung, nahm mich darastf auf die ') Obige Mittheilungen sind von einer jüdischen Dame, Mad. Rachel Rojc, verfaß«. Seite! und sägte: ״Plaudere ihr nur etwas Französisch vor, fie versteht doch kein Wort davon". Ich fing darauf von eins bis hundert laut französisch zu zählen an und sie gab ihre Zustimmung, mich ohne ״Zuschlag" , zu ehelichen.*) Lin arabischer Historiker über'jüdischen NationalstoH. ׳ Im ersten Theil seiner Prolegomena ^uhrt der berühmte arabische Geschichtsschreiber Jbn Chaldün, welcher sich wie keiner seiner Vorgänger zu einer höher» pragmatischen Auffassung der Begebenheiten aufschwang, unter Anderen auch das aus: reiner, auf Integrität der Abstammung beruhender Adel könne nur bei den voiu. tremden Einflüssen unberührten Beduinen stattfindcn, während die vielfach gemengten und durch allerlei Elemente getrübten Bevölkerungen der Städte niemals reiner Herkunft sich rühmen können, weshalb städtischer Adelsstolz nur auf Einbildung beruhe Bei dieser Gelegenheit macht er nun dem jüdischen Volke einen Vorwurf, welcher mit andern Worten und nach anderer Seite ihn« auch von christlichen Schriftstellern gemacht ward. Was hier Sticheleien und Hohn auf das ״auserwählte Volk" heroorgerufen hat,- das bewegt den arabisch denkenden Historiker zu folgender Auslassung: ״Jener eingebildete Stolz ist nirgends so tief eingewurzelt als bei den Israeliten; und zwar bezieht sich derselbe einerseits auf das vornehme Haus, dem sie ihren Ursprung verdanken, unter dessen Glieder» sie Propheten und Gonesgesandteals Vorfahren zählen von Abrahain bis Moses, dem 'Stifter ihres Glaubens, andererseits auf ihre Nationalität und die derselben in Erfüllung gegangenen göttlichen Verheißungen. Nun haben fie ihr Reich eingebüßt, sind versunken in Niedrigkeit und Arniuth, und leben seit Jahrhunderten auf der ganzen Erde zerstreut, izn Eril. Dennoch begleitet sie jener eingebildete Stolz unaufhörlich und noch heute trifft inan bei ihnen Aeufferungen wie: ״daS ist eine Aaronide, der ist von Josua's Stamm, jener ein Nachkomme Kalebs, dieser aus dem Stamme Juda; und doch haben sie ihre, nationale Einheit längst eingebüßr und leben seit vielen Generationen in Erniedrigung."« (I. S. 244). — Wenn man an den besonders unter arabischem Einflüsse entstandenen Adelsstolz der spanischen Juden und ihrer Nachkommen, welch« allein I. CH. in Betracht ziehen konnte, denkt, einen Stolz,, welcher nicht selten auf wirkliche oder fingirte Stammbäume sich gründete, so wird man die Veranlassung des angeführten Vorwurfs leicht erkennen. Ihn zurückzuweisen oder das darin für uns Ehrenvolle nachzuweisen, ist ebenso »nnöthig, wie bei seinem christlichen Seitenstückc, der von der. unberechtigten Einbildung auf die religiöse Auserwählung des jüdischen Stammes spricht. . Dr. '23. B. Literaturberlcht. 3Pfe|ner, Dr. E, Zwei Vorträge. Hqrmovrr 187L. ״Vorträge" das ist die richtige Bezeichnung für diese beiden von Bibel- Talmuduftd Soharversen strotzenden druschartigen Predigte», denn um ״Predigten" zu sein fehlt es ihnen ein wenig an der Form, Abraudung und Gliederung. Doch sehen wir von der Form ab, so entschädigt uns der Inhalt reichlich. 'Der erste Vortrag ist am Schabb. Nachmu gehalten, er behandelt nach einer etwas zu lange», die captatio benevoleutiae enthaltenden, Einleitung die ersten Verse des 40, Cap. von Jesaias in ziemlich origineller Weise. Die Uebcrsctzung: ״Alles ist Gras, die Tugend «vie die Blume des Feldes" — ist selbst homiletisch zu frei. Die Soharstelle ist gut.durchgefijhrt, und die (im Namen des H. S. Pleßner, Vaters des Vers.'S) angeführte Erklärung der Stelle aus Perck Schira vortrefflich. Durch eine bessere Gliederung und Eintheilung des Stoffes hätte der Vortrag sehr an Durchsichtigkeit gewonnen. Der zweite ״Israels Nationalfeier" betitelte Vortrag ist am Schabb. Chaoska gehalten, und behandelt daS Chanukalichtgebot in dr.i logisch aus dem Terie sich ergebenden Thcilen. Enthielte dieser Vortrag nicht soviel pilpulistisches Elcment, er würde den an eine gute! Predigt zu stellenden Anforderungen vollständig gerecht werden. *) Die Forts, dieser Skizzen ist bis jetzt nicht erschienen. ' I ׳ .