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Das jüdische Literaturblatt · 1872-07-03 · N° 12. (3.7.1872) · p. Seite 47

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
1 (1872)
Issue
N° 12. (3.7.1872)
Date
1872-07-03
Page
Seite 47 (sequence 3)
Language
German
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cy Journal-Revue. Lin Slick auf den Orient?) Uns Allen lenchlete in der Kindheit Tagen der goldene Schimmer des Oricnis tief in das unbefangene Gemüih.! Die reizende Legende des Paradieses, das 'Nomadenleben der Erzväter, der Sinai und der Dekalog, Dapid's Psalmen und Salogion's Tempel; sie waren die erste Nahrung des jugendlichen Geistes, unsere Denkkrast an den kleinen Winkel Erde bannend, von den! die drei wellumsassenoen Religionen ausgegangen sind. In romantischem Gewände stellte!ich uns der ritterlich - kirchliche husiasmus dar, der mit unwidersteblichem Impulse die chri Enttliche Welk zu den Kreuzzügen trieb: Richard Löwenherz und Gottfried von Boullion erfüllten unsere Phantasie. Zuletzt vollendete die Schule der stkomantik die politisch-kirchliche Dressur. Als!dann der Griechen - Ausstand gegen die Türkenherrschafl aushrach, schwärmten die Eulturvölker Europas für die Palikarenz die edelsten Geister traten für die Hetäric in die Schranken, nnjb — die Navariner Schlacht, führte — im russischen Interesse -jdie Entstehung Griechenlands, als selbstständigen Staates, herhci. Daher rührt es, daß seit jener Zeit zwei Moment« die orientalische Frage trüben: das verlockende Beispiel Griechenlands, des ungerathenen Pathcnkindes europäischer Intervention, ahs die anderen christlichen Völkerschaften des türkischen Reiches, und die noch immer nicht ganz verschivniidene mittelalterliche Romantik ver Anschauungen Europas in Beurrheilung der Verhältnisse und Strebnngen jenes Sammelsuriums von christlichen Halbbarharen- Stämmen gegenüber der Psorie. Das Schlagworr vom ״krauten Mann", welches Ezar 'Nikolaus nrii kluger Berechnung in die Weht geworfen, von einer verblendeten, submissen Dipthinatie gläubig und eifrig aufgesaßt, ivar der Ausgangspunkt zahlloser Consultationen autdringlicher Doctoren, denen der krank Geiycldetc hätte unterliegen müssen, wäre seine Eonstitnkion minder jrobust und wäre ihm nicht zuletzt doch das Bewußtsein gekommen, er inüsse die Medicaster sich möglichst vom Leibe halten. Die christlichen Stämme des türkischen Reiches aber, zu llilruhen und Ausständen stets geneigt, wie alle Völkerschaften, die!wenig zu verlieren haben, weil Unkultur und Rohheit keinen Wohlstand aufkomme» lassen — sie mußten die beständigen Einmischungen in die innnercn Angelegenheiten der Türkei, das stete Beoornsunden der Pforte durch die christlichen Mächte als eine Ermuthigung ihrer rebellischen Gelüste betrachten; auch feblie es nicht an fremden Agenten, bemüht, Austehnung und Empörung zu fördern, Selbst- Herrlichkeits-Ideen und Größenwahn den Völkerschaften einzuimpfen, die seit Jahrhunderten weit zurückgeblieben sind nicht nur hinter ver Cultur der Nationen des Abendlandes, sondern nicht minder hinter dem ethischen Bildungsgrade der Osmanen. Eine gedankenlose theils ideologische, theils vom Auslande inlpiritte Presse beschönigte systematisch die christlich russisch-diploriatische Verdrehung von Unrecht in Recht, von politischer Bornirlheit in staatsmännische Weisheit und lenkte, die öffentliche Meinung Europas mit juchtenen Lcitzügcln. Der Pariser Vertrag vom Jahre 1856, der einen siegtcichcn, angeblich zur Vertheidigung der Unabhängigkeit und Integrität des türkischen Reiches unternommo«en Krieg beendigte, hat allerdings formell die Türkei in das europäische ״Eoncert" ausgenomnien und ihre innere Souveräneiät anerkannt; gleichzeitig aber stellte er die Halbsonveränctät der drei Tonanfürstenthümer unter die gemeinsame Garantie der sechs Großmächte. Um das Werk napolcomscher Persidie und russischer Pfiffigkeit zu krönen, lähmt jener Tractat jede Action der Pforte und der ihr freundschaftlich gesinnten Mächte durch die Bedingung allseitiger llcbereinstisninung für eirfe — wenn auch noch so dringend gebotene — Intervention. Dieses Präiyium für Felonie, Gewaltthat und Barbapenthum ist von den Moldau-Walachen reichlich ausgcbeutet worden, und *) Wir geben den obige», der ״N.^ >r. Pr." v. '.)0. Dtai guszugs-!reife entnommenen Aufsatz, der in der Beurtheilung der sociale» und rechtlichen Verhäliniffe jn den unter türkischer Herrschaft stehenden Landen in wesentlichen Punkten von dem abmeichl, was Freiherr v.!Maltzan soergl. die Nr. 10 der ״lit Beil.") hierüber schreibt. Der Löser wird au» beiden Beurthellungen sich selbst das richtige Urtheil zusamnjenstelleii. sie fahren fort, W zu thun, indem si! den Unwillen der gesammten gesitteten Welt verhöhnen. Judenoetfolgungen der scheußlichsten Art entehren das Land, die Localbes örden sind in Connivcnz, die Regierung in Bukarest verhüllt ihre Ohnmacht in Phrasen,-die Geschworeneni geben falsches Urtheil, sprechen die Verfolger frfei und verurtheilcn die Verfolgten zu schwerem Kchcker. Die Justiz ist ein Hohn sür den lila men.; Solche anmuthendc Regierungsform und Selbstständigkeit ebenfalls zu besitzen, ist natürlich dasi Bestreben der anwohnenden, der Psorie noch unmittelbar unterstehe! den Välkersippen. Bulgaren, Bosniakcn und die Ableger angcblichei Hellenenthums, Alle werden aüfzcstacheli, gleiches Glück wie die rc manischen Brüder sich zu erringen, das ״Türkenjoch" abzuschütteln, welches allerdings die Hebung einer ״Freiheit wie in Rumänien" nickt zuläßt, der Freiheit, die wir eben mir einigen Züge» geschildert. ,' Leben wir in der That in cinerp! aktischen Zeit, die dem Realen - vorzugsweise Werth einräumt, so ist t or allen Dingen geboten, bei Beurtheilung der orientalischen Angele zrnheiten einfür allemal jene christianisirende Romantik abzustreifen, welche kn montenegrinischen Schaf- und Pferdedieben Helden de Tafelrunde, in griechischen ignoranten Popen und intriganten, ihre Heerden bis aufs Blut schindenden Bischöfen heilige Vorckämp 'er der Religion der Liebe, in rubelentlohnten Führern beutegierig! r; Aufrührer, deren ganzes Christenihum darin besteht, das Zeiche a des griechischen Kreuzes über abgeschnittcne Türkenköpfe zu machen Epigonen, Harmodius' und Aristogeiton's erblickt. Entehrt nicht s:rner das Christenthum, indem ihr behauptet, dieses Gesindel übe di: Religion Jesu. Fragt Alle, die längere Zeit im .Driente gelebt, selb! die frömmsten abendländischen Christen, welche Studium oder Berts in jene Laiide führten, und sie werden einhellig bezeugen, daß 1,;U:r der Masse mohamedanischer Bevölkerung der Türkei ein durchalis ehrenhafter Kern von Rechtschasscnheit, Biederkeit und Menscherfreundlichkeit zu -finden .ist. Auch in unseren christlichen Staaten stehen viele humane, freisinnige Gesetze häufig mehr aus dem Papier, als sie in die Praxis treten; her Geist aber, dciz aus dem Hatti-S.h crif von Gülhane spricht, tagtäglich bekunden zahlreiche Thatsacher, daß er den. Grundgedanken der heutigen Psortenregierung bildet, ein Geist des Rechtes und der Gerechtigkeit gegen alle Bewohner des! Reiches, ohne Unterschied des Glaubens und des Stammes, ein Geist der Humanität und. des Fortschrittes, ankämpsend gegen vielhnndcrtjährige Vor artheile, gegen Unbildung und Gewaltthätigkeit, gegefi Raccnhaß und Rcligionsverfolgung. Haben die Culturvölker der Neuzeit die Bevorzugung einzelner Kirchen' und bestimmter Glaubensbekenntnisse aus ihren Gesetzbüchern gestrichen, ist die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, ohne Unterschied der Religion, wirklich^ auch in die Sitten des Abendlandes eingedrungcn, so dürfen anch hie- Verhältnisse und Ereignisse im Drient nicht mehr nach Prävilecticnen für Völkerschaften beurthcilt werden, ivelche dem Fanatismus in barbarischester Form huldigen, ohne, eine Ahnung von dem Geiste des Christenthnms zu haben; noch von Antipathie gegen die) Bekenner des Kvrans, die seit Jahren und vor dey Auge» der gesummten gesitteten Welt durch Wort und Thal rechtschaffene Humanität, Gerechtigkeitssinn und Anerkennung desMenschenwerthcs in allen Angehörigen ihres Reiches zur Geltung bringen. Literatmbericht. r Deutsch, M. Vorbeterschule. Sammlung der altm Synagogen-Jntqnalion. Breslau, Jhlius Hainauer, 1872. Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben,- welche die historische Forschung, sich stellen kann, den Geist und Charakter eines Volkes, welches! entweder vom geschichtlichen Schauplatz schon ab!, getreten ist, oder im Laufe der Zeiten! eine-durchgreifende Wandlung erfahren hat, zu klarer Anschauung zu bringen. Die direkten geschichtlichen Documentc wissen ,meist nur von den großen Staatsaktionen oder bedeutenden Persönlichkeiten zu berichten, welche einen maaßgebenden Einstuß auf den Gang der Ereigniffe geübt haben. Selbst die lilerarischen Produkte, welche aus' ferne» Zeiten zu' uns gelangen, sind nur ein Zeugniß für die Anschauungen der bevorzugten Geister, die eben dhrch ein höheres Maaß von Bildung und Befähigung über ihre Zeitgenossen her-

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