Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 1 (1872)
- Issue
- N° 12. (3.7.1872)
- Date
- 1872-07-03
- Page
- Seite 48 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mräjenb, uns das Niveau des allgemeinen Volksgeistes nicht ctfaaiat lassen. Wer einen Begriff von dem breiteren Volksleben und seinen geistigen Interessen, von der Volksstimmung und ihren treibenden Elementen erlangen will, der muß mühsam und unver hoffen die halb oder ganz verschütteten Psade aussuchen, welch: durch den Schritt der Jahrhunderte oft bis zur Unkcnntlichkei l nicdergetreten sind. Unsere, Zeit darf das Verdienst für sich i 1 Anspruch nehmen, diese Aufgabe in ihrem vollen Umfange erkanit und nicht unbeträchtliche Fortschritte zu ihrer Lösung gemacht zu haben. Von allen Seiten, aus den entlegensten Gebieten wurde das Material herbeigeschafft, welches zur mistenschaff! ichen Erkenntniß der verschiedenen Volksindioidualitäten einen. größeren oder geringeren Beittag zu liefern in Stande war. Die rlten Ueberreste urwüchsiger Volkswersheit, die bisher unbeachtet immer mehr und mehr zu schwinden drohten, wurden mit Eifer und Sorgfalt gesammelt und. gesichtet. Verse und,Sprüche ’ wurd n de^ Volks munde abgclaüscht, Sitten und Bräuche mit «uffw rksainen׳, Blicke durchforscht, Lieder und Gesänge, die oft nur > och ein altes Mütterchen vor sich hin zu murmeln wußte, wurden ausgezeichnet und bis in ihre letzten Ursprünge verfolgt. So viel auch immer auf diesem weiten, und großen Gebiete noch zu th m übrig bleibt, es ist in verhältnißmäßig kurzer Zeit Wunderba es geleistet worden, die Alterthumswiffenschaft hat durch diese Forschungen den wichtigsten Aufschwung gewonnen. Nur die ju nge Wissenschaft des Judenthums hat an diesen Bestrebungen bisher einen geringen Antheil genommen. Hier waren bis in die lecken Decennien hinein so viele andere, näherliegende Disci- - plinen unbearbeitet geblieben, daß der regste Forschersteiß noch heute vollau ׳ zu thun hat, das durch Jahrhunderte ausgehäuffe Material zu be välügen. Allein, auch hier wird mit depr Anbau dieser Seite der Wistenschaft schleunigst begonnen werden müssen, sollen die Quellen, auL denen wir heute noch schöpfen können, nicht *akf■ 1 nd nach völlig versiegen. Handelt es sich doch um ein Gebiet, auf welchem die mündliche Troditton, die immer mehr und n ehr zu erlöschen droht, von größtem Gewicht ist. Wir sind daher dem geehrtm H^rrn Verfasser vorliegender Schrift, die uns eine Sammlung der althergebrachten, jüdischen Ritualzesänge bridgt, außerordentlich dankbar für den wichtigen Britta z, welchen er hiermit zu Erkenntniß der jüdischen Volks- Wissens hast geliefert hat. Mit liebevoller Sorgfalt hat er es sich angele!;en sein lassen, die alten, innigen Sangcswcffen, wie sie sett Jahrhunderten in-den jüdischen,Gotteshäusern erklungen sind, sestzuhl lten und sie von den Auswüchsen zu befreien, durch welche der irregeleitete Schaffrvsttieb späterer Zeiten sie entstellt hat. _! Qcm der Herr Verfasser hat bei der Veröffentlichung seines Buches noch einen anderen, practtschen Zweck im Auge, welcher sich nilht minder der allgemeinen Beachtung empfiehlt. — Das Bsdürf nß nach gottesdienstlicher Reform hat in den -letzten fünfzig Jahren auch aus-bem Gebiete des jüdischen Ritualgesangs eine eigen- Briefkasten der Redactiozi. Herrn I,. P. in Berlin. Sie machen uns mit Bezug ans untere Bemerkung zu der in vor. Nr. gebrachten Notiz aus .Ferrara" daraus thümlirt« Entwicklung hervorgerufen. ׳Man ist mit der Zeit durch l-Mftnerksam, daß auch das Haus, welches Mos. Mendelssohn in Berlin Selbstüberhebung mit der Vergangenheit vollständig brechen wollen, um durch eigene Kraft die Arbeit von Jahrhunderten zu ersehen, sondern sie wird dem nenerwachten Bcdürfniß Genüge leiste» durch eine Fortbildung und Regenerirung dessen, was sich durch lange Uebung bewährt und in! Herzen des Volkes eingclebt hat, wenn es auch , von Auswüchsen nicht ganz frei geblieben ist. Dieses Verfahren hat auch der Vers, iji seinem Buche cingeschlag^n, wie er es mit bekannter Meisterschaft in seinem amtlichen Berufe seit vielen Jahren ausübt. Möge 'daß Buch recht weite Verbreitung finden und zur Wiederbelebung unserer alten Ritualgesänge beittagen. 6. Neustadt, vr. P. Die Gottes-, imd Unsterblichkcitslehre bei den vorzüglichsten orientalischen Vükkern. 1. Theil. Leipzig, O. Leiner. 1872. 47. S- Diese dem ״vierten Jahresberichte über die hebr. Unterrichts- Anstalt in Breslau" vorangehende Abhandlung stellt es sich zur Aufgabe die Begriffe von Gott und Unsterblichkeit bei den ältesten Völkern des Orients darzustellen und ihrer allmäligen Entwickelung nachzugehen. Der Verfasser gbht von dem richtigen Gedanken aus, daß Gottes- und Unsterblichkeitsglaube im engsten Causalnerus stehen, er begnügt sich danach in diesem 1. Theil den Gottesglauben 'bei den Chinesen, Indern sin den drei Hauptphasen ihrer Religionsgeschichte) und Aegyptern zu skizziren, mit einander zu vergleichen und zum Schluß den Maßstab der cthisch-monotheistischen Glaubenslehren des Mosaispius daran zu legen. An der Hand her einschlägigen philos. Lehrbücher ist dem Vergaster die Aufgabe die er sich gestellt, meistenthsils gelungen, insonders die Parthie, in der er besonders heimisch ist, die ,Vemleichung mit dem Gottesbegriff bei den Hebräern. Einige Ungenauigkeiten, die sich eingeschlichen, sind Wohl mehr auf Rechnung des Correctors zu sehen; z. B. S. 28. Z. 5 v. u., wo es statt ״bringt" trinkl" u. S."30. Anm. 3, wo es ״mens" heißen muß; S. 44, Anm. 3 ist Jes. 40,25 hebr. angeführt, aber 40,18 übersetzt u. a. m. Doch das thut der Abhandlung keinen 'Eintrag. — Der frühzeitige Tod seiner Gattin lenkte den Forscherfinn des um die Pstege des Hebräischen woblverdienten Herrn Verfassers zur Untersuchung der Begriffe ״Gott" und ״Unsterblichkeit" hin. Er fand Trost und Beruhigung in dieser Arbeit und ihren Resultaten, von denen die über den ,,Unsterblichkeitsglauben" in einem besondern Tbeil veröffentlicht werden sollen und mögen. Wir. empfehlen ׳ dem Hcttn Verfasser׳ die jüngst (Zürich, Orell, Füßli & 60 ) erschienene, dasselbe Thema behandelnde 'Schrift.״ ׳Gott und Seele nach jüdischer Lehre, von Or. M. Lesin", zur Berücksichtigung. - .7- - die all! emeine Verbreitung einer gesundern Geschmacksrichtung aus die Ued lstände aufmerksam geworden, welche im musikalischen Theil des jid schen Gottesdienstes eingerissen 'waren. Die herzerhebenden Gesäng-welche sich -nicht nur durch'ihr hohes Alter sondern auch durch die tiefe Empfindung, von der sie erfüllt sind, auszeichnen waren durch die willkürlichsten Verzerrungen verunstaltet und biti urch für das gebildete Ohr ungenießbar geworden. Anstatt nun döse mißgestalteten Zusätze von dem wirklich Wcrthvollen auszuscheiden und so einen Synagogengxsaug herzustellen, der den Anford« nmgen der heutigen Zeit entsprechend dennoch im Zusammen )ang mit der- Vergangenheit geblieben wäre, warf man unbeson len Alles über Bord und führte in die Synagoge einen - Gesang ein, welcher nicht auf dem Baden des Judenthums erwachsen, auch im jüdischen Cultus keine Wurzel fassen 'konnte. Wie M mcher, der sich von seiner Jugend her noch der alten Weisen erinnert, wie sie unsere Altvordern ttoh aller Unregeltnäßigke ten oft so rührend und herzbewegend gesungen, kann sich bei diejm modernen Compositionen, deren musikalischer Werth meist ei » höchst unbedeutender ist, einer gewissen Sehnsucht nach jenen ti (empfundenen, aus alter Väterzeit zu uns herübertönenden ' Klängen nicht erwehrrsi. Die gesunde Reform wird nie in eitler bewohnte, (Spandauerstoaße 68), mit einer goldene» Zuschrift, sowie das ift der Juhcngasse zu Frankfurt, in welchem Börne geboren wurde, mit einer entsprechenden Tafel versehen sei. Allein — von Börne ist in diesem Zusammenhänge gar nicht zu reden — ganz abgesehen davon^daß die dem Andenken Lampronli's geweihte Botiv-Tafel von Bürgern Ferrara'» (nicht gerade von Glaubensgenossen) errichtet wurde, so ist L.'s Hauptwerk eine talmudische, hebräisch geschriebene Encyclopädie. Dies), der tdlmudischen Wissenschaft dargebcachte Huldigung haben wir als ,wohl einzig dastehend in Europa" bezeichnet; sie wird goch''durch die jüngst erfolgte Ausstellung der Büste Laz. Geigers in der Franksurler Stadtbibliothek (s.-Nr. 24 der ,Wochenschrift", unter Frankfurt a. M.) nicht "in Schatten gestellt. V ,. L2O Die ״l i t e ra r i s ch e B e i l a g c" wird iortan'nur denjenigen Redaction en in Austausch milgesandt, die ein Exemplar ihres Blattes auchhicrhcr an die Unterzeichnete Redaction oder an die ״Erpedktion der isr. Wochenschrift'" senden. (Die. Erpeditionen österreichischer Blätter ersuchen wir um Zuscndüng gestempelter Exemplare.) Die Expedition der ״literarischen Beilage" in Magdeburg, Himmelrcichstraße 6. Druck Und Berlag der Hoibuchdruckerei von Earl Friese in Magdeburg. *