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Jüdische Volkszeitung · 1920-01-23 · 3 (23.1.1920) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
26 (1920)
Issue
3 (23.1.1920)
Date
1920-01-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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E KW ehEche Ueberzeugungen gu verdächtigen. Und doch itzt HWchWgt di« Wahrhaftigkeit, znzugestehen. daß auch unter he» Antisemiten wie unter ihren Gegnern sich Menschen , «MW ftnden. dir ehrliche Sorg« um unsere« Volke« Zn« AnH M ihrer Stelnngnohme treibt. An diese Ehrlichen Ms» den Antisemiten. nicht an die Intereffierten. auch Wschst B» dm Dmrknajähigerr wenden sich diese Zeilen. Aß sind vor alle» zwei Faktoren, die den heutigen AhWckfter des Iudentnms bestimmen: die religiöse Selbst- Mghlhnidg »nd der potttisch-so-rale Druck, da« Ghetto. Dre dcklnng de« religiösen Leben« oer Juden führte zu SKeMtMeise streng nach dem .Gesetz'. Da« heißt. M Insten letzten nicht naiv ihren Trieben. sondern rational, r^»h«t!Wdtn jede ihrer Haadlung-n nach dem Gesetz, erlernten so eine außerordentlich« Fähigkeit der Eeldsttzcr bewnßten Zweckmäßigkeit in der Lebens« ch damit «ine große Steigerung ihrer Energie tznng ihrer intellektuellen Kräfte. Die Ausgegen sie verengerten anderseits ihren Erwerb«« Gm "lehrten fi^ kleinste Borlette beachten^,d der Mttoenschrn benützen. Sit ver»i«f»V»r rein «ns Handelstätigkeit und erzogen sie so za MMoftn dieser Betätigung. ' Mit dieser geistigen Disposition :rat da« deutsche IßstMnm in unsere Wirtschaft tin. al« die Beschränkungen * ~ Ghetto« fielen. Die Wirtschaft selbst, in der sie jetzt »ttarbeite« konnten, war aber nutzt die alte zünftlerisch Unter de« englischen Einfluß war ein Wandel sich gegangen. Die .freie Wirtschaft" stellte gerade hmdelsmäßige Durchführung der Wirtschaft in den l»d. Zu ihr aber waren in Deutschland eigentlich fftt i t* MBrfaTfca MMfc ihm giiDg» fcMm» bm* MUh n»d Ghett» « diesem »mm» mirischHüche« Wettkampf anßerorbenkLch stogstnstigto. G» ist e« ganz natürlich» daß de» Mischen Dentschen seit etwa hnndert Jahren es» gang außerordentlicher »rtschastlicher Lnfschmnng zuteü wurde. Di« Konkurrenz der übrige» Deutschen mar eben geistig nicht genügend ans di« geänderte» Berhültnifse vorbereitet Dies» de» jüdischen Deutschen förderlichen. den aichtjüdische» nachteiligen Moment» aber vererbten sich za« Teil »och traditionell — durch Mauden. Sitte, Fomiltenerpehnng — weiter Menschlich bedrückend, aber wirtschaftlich nützlich für die jüdischen Deutschen wirken außerdem noch die Rechte de« Ghetto, dir auch nach der Achenemanzipation bestehen blieben. Berufe, wie die de« Offizier«, de« Beamten blichen dem Juden zumeist verschlossen. So wurden dre starken Intelligenzen unter den fangen jüdischen Deutsche« immer wieder in da« Wirtschaftsleben gedrängt, während die gesündesten, geistig regste» und am besten vorgebildeten nichtjüdische» Deutschen dem Wirtschaftsleben durch dies« Berufe entzogen wurden So sind Derhältniffe. dre sehr gegen den Wunsch der deutschen Juden zu ihrem Nachteil geschaffen wurden, wirtschaftlich zu ihrem Vorteil ausgeschlagen. E« zeigt sich hier der gleiche Borgang, wie ihn Max Weber für die radikal-protestantischen Sekten in England. Amerika und auch Deutschland ausgezeigt hat. Deshalb erscheint es al« unberechtigt. hier von Roffeeigentümlichknlen zu sprechen, wo die Auswirkung einer besonderen geistigen Erziehung vorliegt, die ohne Unterschieb der Raffe Überall zu den gleichen Ergebnissen führt. In dieser Tatsache mag auch der Hauptgrund liegen, warum Juden und Engländer bez«. Amerikaner, aber auch Juden und Ealvimsten in Ungarn o>el reibungsloser miteinander lkden al« Juden und Deutsche bezw Russen. 8« besteht eben bei ihnen eine größere Uebereinstimmuvg in der geistigen Einstellung aut die heutige Welt, die ihre wirtschaftlichen Formen nun doch einmal vor allem durch den Rationalismus des radikal-protestantischen Sektentum» erhalten hat. Sind somit Gründe der geistigen Selbsterziehung und der geschichtlichen Derhältniffe die Ursache für die überragende Stellung so vieler Juden im Wirtschaftsleben, jo sind sie au<b für die Hinneigung vieler anderer Juden zum Sozialismus und Kommunismus maßgebend. Der Marx'Smu« will die Unterschiede der Menschen m jeder Hinsicht, ser eS der Nation, der Raffe, der gesellschaftlichen Stellung usw. aufheben: Er will durch Umsturz aller bisherigen Derhältniffe die Freiheit und'Gleichheit' all-r Menschen herbeiführrn. so daß olle Menschen gleich geachtete Brüder find. Diese Lebre muß aus Menschen, die mißachtet und verfolgt werden, natürlich erne außerordentliche Anziehungskraft auSüden. Bor allem auf das so gedrückte Ostfudentum und ganz besonder« aus diejenigen unter ihnen, die nicht mehr gläubig sind und deshalb auch nicht in der Religion einen Trost für ihre Leiden finden. Ta« bei mag auch noch die alt- MeffiaShoffnung des Juden« tumß bei ihrem Uebergang zur marxistischen Erlösung«- religion nachwirken. Denn daß Judentum hat-au« seiner , Daß VU4» Mg, feg nicht von «nß weiß' he«», welch« Triode ein polnische« »der russisches Ghett» in an« anslöten würbe. Die reine« Lnwpe» und Geistrskrnnken aber «üsie« hei dieser Betrachten« natürlich nnßer acht bleiben. SieE sind jo nicht nur bei Jude, zu finden, wie so manche^ ArvolutionSsignr bei uns beweist. Für die deutschen jüdische». Sozialisten komwt allerdings als Ursache ihrer Stellunznahwe jene« Ghetto nicht in Betracht, wie es im Osten besteht. Aber ein gewiffe« geistige« Ghetto bestand doch auch bei uns «nd will vom Antisemitismus neu verstärkt «erden- Wichtiger als diese« Stimmongsmoment aber scheint mir bo« deutsche geistige Milien. Welchen Halt und welche Richtlinien bietet den jüdischen Deutschen unser nrchtjüdische« Volkstum k Ich habe in meinem .Kommunismus al« Lehre vom tausend jährigen Reich" darzulegen »ersucht, wie von Lefsing aus dem pietistischen Gedankenkreis heron« eine philosovhisihe internationale Menschheitserlösungslehre — ein .philo« sophischer LhiliaSmus" — entwickelt wird, der über Kont. Fichte. Hegel weüergedildet wird und i» Marx Engelsschen Sozialismus fein« letzte große theorethische Aormung findet. Er sucht dann im heutigen Kommunismus seine konsequente praktische Anmendung. Dieser internationaUstisch gerichtete philosophische Ehiliasmu« beherrscht da« Denken unserer Klaffiker und großen Philosophen Er ist durch sie Gemeingut deutschen Denken« geworden. Marx und. Engel« haben ihn nicht etwa erfunden. Sie haben nur die längst ausgesprochenen Forderungen übernommen und mit einer -kono-nifchen Theorie neu zu begründen gesucht. Daß der Internationalismus und der Kommunismus, nchtiger gesagt der Marxismus, eine jüdische Erfindung sei. ist eine Naivität von Menschen, die die deutsche Ideen» geschichte nicht kennen Don jüdischen Deutschen kann «an bötsten« den Dorwurs machen, daß sie allzu nachgiebig Torherten nichtjüdischer Deutscher angenommen hoben. Das Jndentum reist nun allerdings überall die Eigen» tümlichleit auf. sich der stärksten geistigen Richtung jenes DolkStumS anzuschließen. in besten Mitte e« lebt; vorausgesetzt. daß ihm Anteil Mn Gemeinschaftsleben gewährt wrrd. Unter Böllern mit stark entwickeltem Nationalimus und kräftiger Ablehnung des Sozialismus ist der Jude deshalb auch nationalistisch und antisozealistisch gesinnt, wie dre Derhäliniffe rn England und Frankreich. Italien zeigen. Man denke nur an Disraeii und d'Ännunzio. Selbst Rußland bestätigt die Regel. Sobald die Juden dort im Bolschewismus Anteil am Gesamtleben de« Kolkes U.Nen. wurdest Re sftoßrufftfch-nattonak. Rur bei ons^ neigen sehr viele »on ihnen iiternotionalistischem und syzialistischem Denken zu. Aber sie sind auch hierbei in Einklang mit dem Denken de: Mehrzahl ihrer nichftüdischen DolkSgenoffen Die Zionisten erheben im Gegensatz zum AntisemrtiS« mus die Anichuldigung. daß der Jude zu leicht m anderen Nationen aufgehe Die deutschen Juden bilden hiervon kerne Ausnahme. Aach in ihrer Hinneigung zum International««' muS und Sozialismus empfinden sie typisch deutsch. ft mnhat^ kßes jjo. *. Moische Katz der Held. I« runter Ze« erscheu« ,» ISd. Beriag: Sch. Sorel.t. fällt ft tBtraitdt. Schweizer Erreg», ftktonfc eines ifftäten SchrififieLer». f ml geb. t RT Gorrtit schüven hrrr leine unfc veodachrunaen. Inn Obren «eiftenl fcif Juden sind, welche der Erieg nach der Schwerz ve«<chlägen hui Zwei CreigNiffe waren es. die im Vordergrund standen. Ge tzsß in die Schweigedrungenen Gerüchte über Juden- und die zum Vorschein getretene ungewöhnliche nt des früheren Reisenden Mofts Katz. Mose« : nicht nur seme Pstlcht getan, indem er die feld- ^Ünijorm anlegte und für dre slawische Kultur sondern er besaß noch so viel jugenölichen um »ahnsinnige Heldentaten zu ooLbrmgen. nur. was dieser Mann allcS tut! Er d^e vorderen ftaun zu kommen. In Situation reißt er den General Schlund und rettet «hm da« Leben. J t Vstrntefien Unternehmungen übertragen. Mm vachoem er sie staunenlwürdrger Leichtigkeit au«. * nach neuen Aufgaben. Kotz halte Ecklen Ulk« muß seine Grenzen haben. fy *** 5^ ist unermüdlich. Es wird ihm ** **** «Mmg zuteil .y inbfn Lfirziersgrad erhoben tz» Maveu. Dre Zeitungen Treiben über ihn. Meiner MU«»ng^ach etwas spät. wie man ihm etwa« ■F.,deorgsorden gab. IG^^sith« nicht, warum die Sr *T **#*$'*> t«nen Mu..„d seine Unerschrocken- Ut I» loben bsDnnt. Diese Xufwk^ hatte er, lange Mot n v« llmform angezogen. bef»„. „ nj$t M 9«bai «uMtrrn Mut aezeigt. s« er die Miffion sich nahm, Wchßauds Industrie vorm^zutrmben und M ebenste. Eckchen des wahnsinnig gAn Rußland« •“ **2* »» »«sehen- Zeigt« n wenig Hsßnnnul. tU Mi ch« nMmi Stätte Tomsk und tfetf mit «sch mb Würm» Kopftüchern versah. Mnnt er Wfttzer art den ßenamtt» Städten hinausßäLrdert ' ^i.ll«. +*4, wit Aenbrrrmene-Eskorte k Ich iyy Reisen über die Grenze des jüdischen Ansiedlungsrayons zu erdulden hatte, n«e sriMn guten Hunwr verlor, stets so gesund und lebensfreudig blieb, daß er damit seinen dummen Feind entwaffnete. Wer kannte nicht Moses Katz. diesen prachtvollen Aurschen. der sich in fedem Eisenbahnkupee zu Hause fühlte? Wer kannte nicht snne ihn nie verlaffende Lustigkeit, seine Liebe zu Aneldoten »nd noch mehr zu Volksliedern? Komisch war es mir. in der Zeitung zu lesen. Katz habe seine Vorgesetzten vor allem dadurch m Erstaunen versetzt, daß er sich de« keiner noch s« gefährlichen Situation verlor. Mir war daber. als wenn mau fegen würde: da« Ueberrofchend» am Schuhmacher ist. datz er Schuhe nühew kann. Mein Gott, es ist ]a Mojes Katz. al« Juden. Spezialität, sich nie zu verlieren. Gewiß er hatte nie Kriegsakademie beiucht. aber feine ganze Erziehung war eine KriegSerziehung Er wuchs rm jüdischen Ansiedlungsrayon auf. in diesem Schützengraben, wo der Jude von allen Seilen umlagert und bedroht ist Er hat — man kann dos wohl sagen — sein Leben lang in der Atmosphäre versteckten, unsichtbaren HeroiSmur gelebt Auch 'ein Bater war ein Held ersten Range« Al« die Bauern des Dorfes fein Hau« und seinen Laden geplündert hatten, ging er zu den Juden des anderen, ruhig gebliehenen Torfe« und hielt sich dort über d:e großen Feiertage auf Trotz seines Unglücks tanzte er Slmchas-Tore ousgelaffen. Nachdem wir so in der odenerwähnten Studenten- Versammlung die Genealogie von Moses Katz Heroismus seftgestellt haben, gingen wn zur Analb'r der eigenartigen, fieberhaften Intensität dieses Heroismus über, die jedem ganz besonder« auffallen mußte. Ef war offmfichtlich, daß Moje« Katz H fürchterlich eilig batte, seinen Heroismus. seine LMpferkrit zu zeigen. .Ich bin furchtbar, wenn ich »ich fürchte", sagt «tn, wie ich glanbe. französisches Sprichwort. Bor wem und wovor fürchtet sich nun Moses Katz? Dieselbe Zeitung, die Ader seine H^dentoten berichtet, erzählt gleichzeitig über Judenpogrome. Maffenausweisungen. Galgen. Über alte Rabbiner, berrn toter Lodegschret .Schema-Isroel durch den Wald hallte. Das ist es sks«! Mose» Katz ist nicht bloß ei» HÄ. sonder» n» Geisel. Gr muß ttsrtg und immer Ha Dntzenb neuer Heldentaten, über die die Zeitungen schreiben, rettet vielleicht irgendeinen jüdischen Ort. Vielleicht »innert sich der General, der gerade dabei ist. einen neuen grausamen Erlaß gegen die Juden zu unterzeichnen, des Moses Katz und seiner Lollkühnheil, und legte die Feder beiseite. Wenn es so ist. dann ist MokeS Katz nicht einfach ein Held, sondern ein heldenhafter Deneckter einer Idee. Noch mebr: nicht ein Held, sonder» ein Märtyrer . . . vir gbfaa«. AuS einer kürzlich in Bremen abgehaltenen antisemitischen Versammlung bringt die dortige »Arbeiterzeitung* (19 12 ) folgendes hübschä Stimmungsbild: Ter Antisemit vorn am Rednerpult überkugelt sich in Anklagkn: ..Di« Revolution ist der Stern Judas. Ueberall find die Juden da« Ferment der Dekomposition. Hie Teut setzen wir dem entgegen und pstanzen wider das .ex orienle lui' alten Germanengeist und teutsche Zucht auf. ssr darf nicht sein, daß semitischer Geist unsre Seele zersetzt " — .Kufturschande?" gröhlt da einer aus dem Hintergrund« hervor- — Dieser Zwischenruf verblüfft. — .... Kulturschandr.." — so, war bo» gegen die Aus» sührungen de« Redner« gemünzt, wurden die al« Kultur» schände gebrandmarkt. »der pstichtete der Schreier mit seinem Zwischenruf de» Redner bei und bezog er ihn auf die Juden ...?' — Man weiß nicht genau. — Der Redner vorn stutzt. — Die Raußtchmeißmkolonne ist sich ,m Zweifel. — Eine peinliche Pause tritt ein. — Sin anderer auk dem Publikum rettet da die Situation mit einem .Unerhört'' — Rettet sie — — aber nur für Augenblicke — —. dann weiß keiner, was das Unerhttt drsagen will Es richtet sich gegen di« KultnrfchnBbo» Schreier. Aber »re denn? Ist er für ben Referatenf Hat er die .Kulttnschnnde' al« Kritik am l~ nffalt, oder ,st er gegen ihn und den R"ter Meinte, er bestätig die Ansicht des S kundenlange. quälende Stile brütet mied doch die beiden rrraus?' löst da einer ^uaui'* echot es daranfhin hnndertft von de» Stühlen erhebende Keiftnstu Waal von jeglichem Bedeakv».

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