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Jüdische Volkszeitung · 1919-12-12 · 47 (12.12.1919) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
25 (1919)
Issue
47 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
Seite 6 (sequence 4)
Language
German
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hanukkah ♦ ♦ ♦ ♦ EhLllllkkLhgelh mb Gchal»» Usch. Lhanukkah ist der fchänste Festtag Men bedenke «ur: acht Lage hintereinander nicht in > die Schule gehen. Pfannkuchen mit Schmalz effen. den Krttsel drehe» und von allen Leuten Ehanukkahgeld kriegen. Kann es ein fchboere» Fest geben? €• ist Winter Draußen herrscht Kitte. Schneidender -rast. Die Scherben find zugefroren. mit de« schönsten Eisblumenmuster verziert. — im Hause ist es angenehm war». Dir silberne Chanukkahlampe wartet schon sert Mittag. Der Vater geht, dre Hände »uf de» Rücken, i« Zimmer umher üick sagt das Abendgebet; nachdem er .achtzehn Segensfprüche' gesagt hat. nimmt er die dickste Wachskerze — den .Diener' aus dem Tischchen und »endet sich. ohne sein Gebet za unterbrechen, atz uas — »einen jüngeren Bruder und Mich — in hebräischer Sprache. (Jüdisch z, spreche» ist während des Beten- »erboten!) .Äh! Ohl Nu! Na!' Wir verstehen nicht. »as er will »nd fragen ihn: .Das. ein Zündholz?' Der Vater zeigt mit der Hand aus die Küchentür. Utt! Oh! Oh! Nu!' .Das? Das Küchenweffer? Die Schere? Die Fußbank?' .Ach. Oh ... nu ...! Pfui!' Nachdem er noch einige ähnliche Laute ausgestoben hatte, die angeblich hebräisch sein sollten^ sagte er nun» »ehr deullich. da auch fein Gebet inzwischen za Ende war: .Die Mutter, die Mntter sollt ihr rüsen!' Ah and mein Bruder Mottl rennen um die Wette zur Mutter. .Mama! Nasch! Die Ehanukkahlichtes?' .0 weh mir? Ehanukkahlichter!' ruft dre Mutter, läßt ihre ganze Küchenarbeit liegen — die geschlachteten Gänse, aus denen das Fett ausgelassen und für den Pfannkuchen» teig versendet wurde — und rennt in die Stube. Hinter ihr her die Köchin Breine. eine schwarze Jüdin mit Schnurrbart, fettem Gesicht und ewig schmutzigen Händen. Die Mutter tritt zur Saite und macht ein« fromme Miene. Breine bleibt an der Tür stehen, wischt die Hände «n ihrer schmutzigen Schürze ab und sähet sich mit ihrer dicken Hand von ob« biunten über die Nase.' auf der eine scknvorze Spur znrückbleibt Mottl und ich geben uns die größte Mühe, bas Lachen zu unterdrücken. Der Vater nähert sich mit dem ongezundeten .Diener' der Ehanukkahlampe. bevgt sich und spricht das Gebet jn de« üblichen Sington: .Gesegnet sei unser Herr', und schließt mit den Worten: .Die Ehanukkahtichter anzündent' D« Mutter sogt andächtig und sromm: .Amen'. Breine nickt demutsvoll mit dem Kops, wobei ihre Dangen sich so ausblähen. daß ich und Mottl fürchten, einander am zuschauen. .Die Lichter, die wir anzünden . ' ^ivgt der Vater für sich, indem er nn Zimmer umhergeht und von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Lampe wirst. Das Lied zieht. sich endlos hin. Wir kbnüen es kaum erwarten, daß er es zu Ende singt und endlich das Kbrbchea tzerausrummt. Wir »inken und blinzeln einander zu. .Mottl, geh. bitte den Vater um Ehanukkahgeld'. . .Darum soll ich darum bitten?' .Darum! Du bist der Jüngere, du haß also kha» nukkahgeld zu bnnfpruchen'. .Nein! Du bist der Aeltere. also bitte du!' Der Vater weiß genau, worüber wir unterhandeln, aber er tat. als höre er nichts. Gemach, ohne die geringste Eile, geht er an die Tischschublade und zählt da« Geld. Ein Kälteschauer durchrieselt uns. unsere Hände zittern, die Herzen klopfen. Wir blicken zur Decke und krauen un» unter den Schläfenlocken, als ob es sich nicht um uns handle. Der Vater räuspert sich.?Hm . . . Kinder, kommt einmal her!' .Ach! Da« ist denn?' .Hier habt ihr Ehanukkahgeld!' Er gibt mir einen Nubelfchein und meinem Bruder einen halben Rubel. Nachdem wir da« Geld ui Empfang genommen haben, entfernen wir uns wieder. Zuerst gehen wir langsam, wie es sich für anständige Knaben ziemt. Allmählich aber immer schneller, tänzelnd und hüpfend. In unserem Zimmer angelangt, fangen wir an. Purzelbäume zu schieße», auf einem Fuß herumzuspringen. zu singen und vor lauter Freude und Begeisterung einander auf die Dangen zu ktatichen. Die Tür öffnet sich und Onkel Benja tritt ein. .Nun. Kinder, ihr Schlingel, ihr habt Ehanukkahgeld zu bekommen?' Onkel Benja nimmt zwei Fünszigkopekenflücke aus der Westentasche und gibt sie ins. In der Nacht liege ich im Bett und denke: wieviel Ehanukkahgeld ungefähr werde ich wohl sammeln, wenn olle Onkel, alle Tanten uod alle Verwandten uns Eha» nukkageld schenken? Schenken werden sie uns alle etwa-: Onkel Mojsche-Aron. der Bruder meiner Mutter, ein sehr geiziger, aber reicher Man«; Onkel Jitzchak und Tante Dvora. mit denen meine Vtern seit viel« Jahren böse sind; meine Schwester Lidrl und ihr Mann Scholom Seidel. Und alle übrigen Verwandten . . . .Mottl, schläfst du?' .Jo. warum denn?' .Wieviel, glaubst du. wird Onkel Mojsche-Aron uns geben?' .Woher joll ich daS wissen r Bin ich ein Prvphtt?' Nach einer Minute: .Mottl, schläfst du?' .Ja. warum denn?' .Hat noch irgend jemand so viele Onkel und Tanten wie wir?' .Vielleicht ja . . . vielleicht auch nicht'' Nach zwei Minuten: .Mottl, schläfst du?' .Ja. warum denn?' .Denn du schläfst, wie kannst dü denn mit mir sprechen?' .Denn du fragst, muß ich doch antworten' Nach drei Minuten: .Mottl, schläfst du?' .Tff - . trrr . . chil chil chul . . tsi . . .' Mottl schnarcht, pfeift mit der Nase, ich aber setz« mich im Bett auf. ziehe «einen Nudel heraus, rolle ihn glatt und betrachte ihn. .Solch ein Zettel sieht aus', denke ich. .wie Papier, wie ganz gewöhnliches Papier, aber wa« kann man sich nicht alledafür kaufen: Spielsachen. Zedermesser. Lineale. Nüsse. Konfekt. Nosinen. Datteln und alles mögliche!' Ich verstecke den Rubel unter dem Kissen und sage da» Abendgebet . . . Plötzlich tritt Breine mit einer Platte voll mit Rubeln ein . . - Breine geht nicht, sie schwebt in der Luft und fingt: .Und die Lichler. die wir anstecken . . während Mottl die Rubel verschlingt, als wären es Klößchen. .Mottl!' schreie ich aus ganzer Kehle, .was fällt dir ein. um Gottes willen! Mottl! Was machst du denn? DaS sind doch Rubel!' . . . Ich erwache: .Pfui. pfui. pfui, was für ein Traum!' Und ich schlafe wieder eia. Am nächsten Morgen standen wir früh auf. Wir beteten und frühstückten in Eile. Man zog uns unsere Wintermäntel, mit Katzenfell gefüttert, an und band uns große, warme Tücher über die Mützen um den Kops. Wir machten uns auf den Weg. um Ehanukkahgeld ein. zusammeln. Der erste Besuch galt dem Onkel Mojsche-Aron. .Guten Morgen. Onkel!' rufen wir. ich und mein Bruder Mattl. Tante Pessel kommt uns entgegen, eine kleine Frau mit einer schwarzen und einer weißen Augenbraune. Tante Pessel nimmt uns die Mäntel und die Tücher ab und wischt uns mit ihrer Schürze die Nasen. .Schnäuzt euch!" sagt Tante Peffel. .tüchtig, ordentlich! Gebt alles her! Noch! Noch! So ist'« gut!' Onkel Mojsche-Aron steht am Waschtisch, angetan mit einem alten, katzmsellgefutterten Kaftan, aus dem Kopf ein wattierter Käppchen, in den Ohren Watte. Er wäscht die Hände, runzelt da» Gesicht, blinzelt mit den Auge« und verrichtet fromm sein Gebet. Ich und Mottl sitzen, als hätten wir den Mund voll Wasser. Wir zittern immer vor Angst und Kälte, wenn wir hierherkommen. Tante Pessel setzt sich neben »ns, faltet die Hände aus der Brust und sängt an. uns auszufragen: .Wie geht es dem Vater?' .Ganz gut.' .Wie geht es der Mutter?' .Ganz gut.' .Habt ihr Gänse geschlachtet?' .Ja-' .Und Schmalz ausgelassen?' .Ja.' .Pfannkuchen gebacken?' .Ja.' Die Menorah zu £. <tiar Ln»»enu>q aut alter Zen In der Synagoge zu L befind et sich eine große Menorah. ein prachtvolle» Kunsttverl, da» in sonderbarem Gegensatz steht zu dem kleinen Raume und der übrigen, höchst bescheidenen Einrichtung. Am Fuße de» m goldglänzenden Messing kunstvoll ausgeführten Werkes sind in hebräischer »nd deutscher Schrift die Worte ttngravierd: Zur Erinnerung von Ihrer Durchlaucht Frau Prinzessin Anna o. L- Wie diese» kostbare Geschenk m die fast armselige Synagoge gekommen war. darüber erfährt man von den jüdischen Bewohnern des Dorfes folgende wahre Geschichte: Es Var in eine« der letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts. zur Winterszeit. Abend» in der Dämmerung»- stunde, als auf der siet« sehr einsamen Straße zwischen I. und R-. die nahe am Mainstrom hinfübrt. eine ältere »nd zwei junge Damen spazierten. Man sah an der reichen Kleidung, wie an dev selbstbewußten, stolzen Gange, hast sie den höchsten Klaffefl hei Gesellschaft angehürten. Die eine der jungen Damen an achte etwa 16 und die r re 1b Jahre zählen. Auf einmal stießen alle drei zu gleicher Zeit emen gellenden Schrei aus. Ein großer Hund, offenbar gereizt durch die bunten Gewänhrr und die flatternden Schleier der Damen, stürzte auf sie los. Entsetzt wichen sie nach ecklen Seiten aus; der Hund aber wich urcht »an ihrer Seilt. Die alte Gouvernante schrre und zeterte, die jung« Damen liefen hier- und dorthin, sie vermochten sich nicht » fassen und schrien immer wieder nach Hilfe. In dem Degenblickr der höchste» Not und Ratlosigkeit stürzte ein Os»* von etwa *3 Jahren eilends herbei und auf den Hund, ergriff ihn mutig und mit starker Hand und hielt ihn s» fest au ferne» Halsband, daß er sich geduldig er- Mben mußte. Dadei hatte der Knabe doch nicht ver» Mfien. ehrfurchtsvoll das Haupt zu entblößen. Die Prinzeffinnen von t —' denn diese waren es mit ihrer Erzieherin — überschütteten den mutigen Knaben aus sehr geschützter Entfernung mit den denkbar wärmsten Dankesbezeugungen. während dieser ihnen in bescheidener Entfernung folgen mußte — denn der Hund, obgleich er sich nach und nach beruhigte, war dvch nicht von der Spur abzubrinqen Und so folgte denn der Knabe mit dem Hunde den Domen bis vor da» Schloßtor — wo dieser sich krei machte und querfeldein seinen Weg nahm. Die Prinzessinnen waren alsbald von den Hoflakaren umringt, und rühmten nun den Mut des Jungen und nösigten ihn. mit ins Schloß, in ihr eigenes Kmderzimmer einzutreten. Jsaae — so hieß der Junge trat ein. wie eben ein armer bescheidener Judenknabe zu jener Zeit, in das Schloß eines Fürsten eintrat. Ten jungen Damen schien da» Abenteuer und der schön gelockte dunkeläugige Knabe ganz besonders zu gefallen. Sie überschütteten ihn mit Liebkosungen — wie ihre Schoßhündchen, holten ihre Bücher und Spielzeuge und befahlen. Jsoac Esten zu bringen. Dieser nahm jedoch nur Brot und Obst. Unterdeffen war es ganz dunkel geworden und Jsaae fing an. einige Ungeduld zu zeigen, er schlich sich betrübt zur Tür. indem er sprach: . Ich blieb zwar gern noch hier, aber ich muß fort'. Doch schon vor Pnnzeffin Anna neben ihm. bittend und schmeichelnd : .Bleib doch: gefällt es Dir nicht btt uns?' .Ach ja. mir gefüllt es hier sehr gut', sagte Jsaae fast wttnerlich. .Aber ich muß fort: ich muß nach Hause. Ich muß . . . .Nun. was mußt Du?' ..Ich muß — anzünden.' .Anzünden, was? Lichter? Kann das Deine Mutter nicht in Deiner Altzvesenhttt?' .Ach ja — nein. Sie wissen mcht. wir haben —- wir haben, d. h. die Juden haben — Ehanuka.' Die Prinzessin«» lachte« «nd Latschten i» die Hände. Bas war doch ei» Abtttteuer. ttn herrlicher Spaß. .Sa kommst Du uns tzicht fort" sagten sie .Tu warst heute unser Kavalier . f In diesem Augenblicke trat der Fürst ein. der von dem Abenteuer der Prinzeffinnen. seinen geliehen Töchtercheo. Kunde erholten hatte. Jiaac wollte säst niedersinken vor Ehrfurcht. In salcher unmittelbaren Nähe hatte er .Seine fürstliche Durchlaucht' noch nie gesehen. Der Fürst war augenscheinlich sehr gnädig gestimmt. Die Prinzeffinnen erzählten wir fliegendem Atem, was geschehen war und wie ihr .mutiger Kavalier', der .hübsche Junge', der ihnen jo viel Lpaß machte, letzt durchdrennen wollle. werk er — anzünden muffe. .Kannst Tu nrcht hier anzünden?' fragte der Fürst. Der Knabe besann sich eine Weile. Dann sagte er leise: .Ja. wenn E». Durchlaucht befehlen, daß man mir bringt, was ick brauche.' Auf Befehl de« Fürsten wurde nun schleunigst herbtt» - geschaßt, was unser lunger Held verlangte; Nußschalen — und Sand; Cel und Baumwolle zu Docht und bald war eine künstliche Lhanukalampe hergestellt. wie sie Jsaae in scmem Mutterhause am Ehanuka täglich zuzubereiten und wieder zu vernichren pflegte. Er wollte nun in ttner Ecke da» kunflvolle Gerate oufstellen, tm Stillen und unbemerkt seinen Segensspruch über dem Ehanukalichte sprechen. Allttn die Prinzeffinnen waren neugierig geworden, neckten ihn — und so faßte er sich denn ein Herz, bedeckte stt» Haupt mit ferner baumwollenen Zipfelmütze, stemmte die linke Hand in die Seite, erhob mit der rechten den .Scharnmos' und mit voller, weicher, wohlklingender Stimme sprach er laut die hebräischen Worte, mit welchen da» Anzünden der Ehanukalichte ttn-elertet wird. Dann sagte er lttse: Hanerot halalu; und wieder begann er dan» laut und andächtig do» Volkslied da» den Schluß der häuslichen Feier bildst: .Moaut zur jeschuosi'. worin i» fünf Versen dir Güte Gottes für sttn Volk und die wunderbare Befreiung aus aller Not besungen wird. -- e*ut M*.

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