Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 466. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 29. hat . . ja cndgiltig! Es hiebt keine Gerechtigkeit — es gibt keine Menschen, es hiebt nur Geschäfte und Geschäftslcnie! Vater! Du hast vielleicht irgend einen Bauern benachteiligt, aber nicht die Gesamtheit! Du Welt meiner Ideale und Träume — du bleibst als lebloses Bild in den Büchern für Pensionärinnen!" (Fortsetzung folgt.) Brich «iis Krähmckkl. Von S. Lev in so», li. Hochgeschätzter Herr Chefredakteur! Ich konnte mir freilich denken, daß Sie dem langjährige» .Korrespondenten der kölnischen Zeitung die Spalten Ihres Blattes öffnen wurden. Wofür ich Ihnen besonders danke, ist die rasche Zusendung des Belagexemplars, was die obenerwähnte Zeitung bis jetzt, trotz aller Reklamationen, nicht gethan hat. Ich kenne sehr wohl die Tagesströmung und weiß auch, daß besonders der Talmud vielen Angriffen ausgesetzt ist. Alan kann für die Glorifizierung dieses Kulturwerkes nicht zu viel thun, uud deswegen habe ich nacheinander sehr instruktive Arbeiten über den Wert des Talmuds in der modernen Litteratur an die obige Zeitung gesandt. Ich besitze allerdings nur weniges von diesem Riesenwerke, konnte mich aber aus dem Bortrag des Direktor Stern-Würzburg genügend informieren.. Bor vier Wochen habe ich eine durchaus selbständige und originelle Monographie eingesandt, und zwar: „lieber die anatomischen Kenntnisse der talmudischen Weisen." Ich habe, da mir gerade kein Exemplar des Talmud zur Hand gewesen, das Ascher - jozar-Gebet meinen Studien zu Grunde gelegt und da besonders den Unterschied zwischen Nekowim und Challulim populär-wissenschaftlich entwickelt. Jetzt, da ich mit Ihnen in Verbindung getreten, lasse ich die Arbeit zurückkommen, um daraus eine» Bortrag für die Litleratur-Vereine, den ich in Berlin und dann der Reihe nach in den Provinzvereinen zu halten gedenke, umzuarbeite». Nicht wahr, das ist originell und muß Aufsehen erregen: „Vorti'tttc <ü>8 tin-bblunts - VsevvvKses uiu.1 8obl'it't,8tsltoi'8 I». I.vvIlUwil-Ki-Lüwmkol: «Is» Was nun Ihre Wochenschrift anbetrifft, so kann ich Ihnen aus vollem Herzen versichern: Sie haben gesiegt, glänzend gesiech! So großen Beifall hat seit Menschengedenken kein jüdftches Blatt gefunden, wie die Nr. 27 der Allg. Israelit. Wochenschrift, und man ist hier verwöhnt. Ich schrieb Ihnen schon, daß in den vierziger Jahren der „Treue Zivnswüchter" für mehrere Quartale gelesen, und später, wenn ich nicht irre, auf Gemeindekosten, eingebunden wurde. Die ältesten Leute erinnern sich noch sehr gut an dieses Organ. Denn in einer Nr. steht sogar der Name des Vaters unsres jetzigen Vorstehers — unter einer Annonce. Ich freue michaufrichtig über Ihren Erfolg, denn das Blatt geht von Hand zu Hand, und das wird zweifelsohne ''auch mit den Fortsetzungen so bleiben. Morgen reise ich zn meinem Kollegen, um die Nummer auch dort kolportieren zu lassen, und am künftigen Sabbat muß ich den Inhalt vor versammelter Gemeinde vorlesen. — Der männliche Teil meiner Gemeinde ist nämlich an den Wochentagen nicht anwesend. Die H-rren führen ihr Wareu-Lager an Band, Taschentüchern, Hosenträgern i>c. mit sich und bringen am Freitag dafür Honig, Felle und Wolle Mück. Doch das ist Ihnen ja bekannt und wird auch in Berlin nicht anders sein. Nur mein erster Vorsteher hat einen eigenen Laden, in dem sowohl Spezereien als auch Eisenwaren zu kaufen sind. Er hatte vor karzci» sogar eine gebrauchte Nähmaschine, die erste hier im Orte. Außer ihm ist noch der SchammeS zu Hause, der Mann hinkt aber und ernährt sich von einer amerikanischen Pension. — Darüber schreibe ich Ihnen noch. Doch nun etwas anderes. Ihre Zeitung hat ganz neue LebenSplüne in mir erweckt, und das danke ich Ihnen noch besonders und ich glaube sicher, Sie als einflußreichster Mann in der Berliner Gemeinde werden mir Ihren Rat und Beistand nicht versagen. Ich las nämlich zu meiner größten Freude, daß in Berlin ein Rabbiner angestellt werden soll und daß sich schon 96 Bewerber gemeldet. Ich bin zwar mit meiner Stellung hier sehr zufrieden uud schon acht Jahre hier im Amte. Mein Einkommen beträgt an Fixum 512 Mark (Früher 900 Gulden), 15 Mark für Heizung des Schulzimmers, 75 Mark Ertrag der Schechita (ohne die Milze, die meine Frau für 10—15 Pf. pro Stück, je nach der Größe, verkauft!) und für Kibbuddim etwa 90 Mark — vor zwei Jahren hatte ich sogar 96 Mark! Da war nämlich ein Amerikaner hier — ich schreibe Ihnen noch darüber. — Dazu vollständig freie Wohnung. Die Mikwegelder sind nicht bedeutend, da die Frauen ihre Kohlen selbst mitbringen und gelegentlich mit Naturalien: Grünzeug für die Suppe, Milch rc. extra honorieren. Trotzdem verfolgt mich jetzt Tag und Nacht der Gedanke, daß mir das Glück beschieden sein könnte, in Berlin Rabbiner zu werden. Gemeldet habe ich mich natürlich sofort, und nun möchte ich wissen wie viel wohl die Stelle dort eintrügt? Daß ein besonderer Schochet dort angestcllt ist, kann ich mir wohl denken. Muß dort meine Frau auch die Mikwe Heizen? Das letztere märe mir, offen gestanden, nicht angenehm, denn sie ist eine gebildete Frau, die siebente Tochter eines SchamineS aus einer großen Gemeinde — ich schreibe Ihnen noch darüber. Auf die Naturalien möchte ich verzichten, da diese in Berlin nicht so teuer sein sollen. Ein windiger Berliner Reisender versicherte vor kurzem, daß für ganz Berlin ein Bolle (er sprach das Wort Bulle mit o) die Milch liefere. Natürlich wurde er ausgelacht. Wie vollzieht sich dort die Wahl, wird unter den 97 (ich gehöre ja jetzt auch dazu) gelost oder müssen alle predigen? Ist das nicht für einen Sabbat etwas viel? Ich besitze noch die Probepredigt, die ich hier gehalten, mit einigen Aenderungen würde sie auch dort genügen. Muß der anzustellende Rabbiner ein geborener Berliner sein? Ich bin zu einer Zeit in Kurhessen geboren, wo dieser Staat noch Ausland war. Ich hoffe, das wird kein Hindernis sein! Welche Anforderungen stellt man sonst, außer Predigen, an den Rabbiner? Ich habe mich privatim vorgebildet, bei dem Kantor in meiner Heimat das Ehasonus und Ehumesch — abergründlich — gelernt. Vom Bereschis kann ich auch Raschi. Die biblische Geschichte von Flehinger habe ich 24 Mal durchgenommen und kenne jede Erzählung, auch die meisten Namen. Mandns' Katechismus ist mir auch bekannt. Mit den fremden Sprachen geht es so ziemlich. Der Pfarrer, der in einem Dorfe wohnte, wo ich Lehrer war, hat mir 120 Fremdwörter ausgezeichnet, die mir im Laufe der Jahre geläufig geworden. Sind diese dort in den Predigten anwendbar und erforderlich? Hier imponiert es riesig („phänomenal"), wenn ich von Phasen, Opus,